17. Dezember 2015

Verdacht auf Kindesmisshandlung: Beratungstelefon für Ärzte soll kommen

Ärzte haben eine Schlüsselrolle dabei, Anzeichen für Misshandlungen oder Vernachlässigungen bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen und zu diagnostizieren. Sie haben die Chance, den Opfern frühzeitig Schutz, geeignete Interventionen und notwendige Therapien zukommen zu lassen. Doch in welchen Verdachtsfällen sollte man die Schweigepflicht brechen und wann nicht? Eine von erfahrenen Medizinern besetzte Telefonhotline soll Ärzten in solchen Gewissensentscheidungen helfen.

Nach einem Bericht der Ärztezeitung ist der Weg für eine 24-Stunden-Hotline für Ärzte und Angehörigen von Heilberufen so gut wie frei. So hätten die Haushaltspolitiker der Unionsfraktion 1,35 Millionen Euro in den Haushalt 2016 des Familienministeriums einstellen lassen, der nächste Woche im Bundestag beschlossen werden soll. Mit dem Geld soll dann vorerst für drei Jahre ein Beratungstelefon für Ärzte in Praxen und Notaufnahmen der Kliniken finanziert werden, die einen Verdacht auf Kindesmisshandlung hegen. Beraten sollen erfahrene Mediziner.

Anspruch auf Beratung ist gesetzlich festgelegt

Bereits seit dem am 01.01.2012 in Kraft getretene Bundekinderschutzgesetz haben Ärzte den Anspruch auf Beratung, wenn es um die Wahrung des Kindeswohls gehe, betont der Ulmer Kinder- und Jugenpsychiater Professor Jörg Fegert gegenüber der Ärztezeitung. Das Gesetz sieht bei Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung ein dreistufiges Vorgehen vor:

  1. Gespräch mit dem Kind oder Jugendlichen und dem Personensorgeberechtigten: Hinwirkung auf Inanspruchnahme von Hilfen, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird.
  2. Bei Unsicherheiten bzgl. der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung: Anspruch auf Beratung durch eine Fachkraft des Jugendamtes – Erlaubnis zur pseudonymisierten Datenübermittlung
  3. Kann die Gefahr einer Kindeswohlgefährdung nicht durch ein Gespräch nach 1. abgewendet werden, besteht für den Arzt die Befugnis zur Einschaltung des Jugendamtes unter Mitteilung der erforderlichen Daten. Hierauf sind die Betroffenen vorab hinzuweisen, es sei denn, dass damit der wirksame Schutz des Kindes oder des Jugendlichen in Frage gestellt würde.

Diese Regelungen soll für Ärzte eine größere Rechtssicherheit schaffen. Eine Meldepflicht wird durch das Gesetz hingegen nicht begründet. Bei Vorliegen eines rechtfertigen Notstandes gemäß § 34 StGB, der umgehendes Handeln erfordert, ist der Arzt auch weiterhin befugt, sich unmittelbar an die zuständigen Behörden zu wenden, ohne damit die ärztliche Schweigepflicht nach § 203 StGB zu verletzen. Auch hierfür ist eine gute Dokumentation dringend erforderlich.

Laut Fegert scheint dieser gesetzliche Anspruch unter Ärzten bislang allerdings nicht allzu bekannt zu sein. Daneben seien die Jugendämter als Ansprechpartner nachts und an den Wochenenden nicht besetzt und die Kinderschutz-Fachkräfte hätten nur selten einschlägige Erfahrung mit Akutmedizin.

Auch wenn Zahlen zum tatsächlichen Bedarf einer Beratungs-Hotline fehlten, mutmaßt der Psychiater: “Das Projekt kann auch dazu dienen, den bislang gar nicht erhobenen Bedarf erst aufzudecken”. Denn die Evaluation des Kinderschutzgesetzes habe ergeben, dass ein kleiner Teil der Kinder- und Jugendärzte in Verdachtsfällen schon einmal Kontakt zu den Jugendämtern aufgenommen hat.

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