13. November 2018

Homöopathie:

Jahrelange Diskussion und kein Ende in Sicht?

Seit Jahren spaltet Homöopathie die Gemüter. Auch unter den coliquio-Mitgliedern finden sich sowohl Gegner, als auch Befürworter der Methode, wie die Ergebniss einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zeigten: Knapp 47% der teilnehmenden Ärzte finden Homöopathie „grundsätzlich sinnvoll“, während etwa 32% „gar nichts davon halten“.

Wir sind sowohl mit Ärzten in Kontakt getreten, die Homöopathie in der Praxis unter bestimmten Voraussetzungen einsetzen, als auch mit denjenigen Ärzten, die diese Heilmethode ablehnen. Erfahren Sie in folgenden Interview-Beiträgen, welche Argrumente aus ärztlicher Sicht für oder gegen den Einsatz von homöopathischen Mitteln sprechen.

Bei der Behandlung von fiebernden Kindern kommen meist Antipyretika und physikalische fiebersenkende Maßnahmen zum Einsatz. In welchen Fällen homöopathische Arzneien sinnvoll sein können, erklärt Dr. Monika Grasser, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Jetzt zum Beitrag>>

Wann können homöopathische Mittel in der akuten Schmerztherapie von Kindern sinnvoll eingesetzt werden? Und worauf müssen Ärzte dabei besonders achten? Der Kinderchirurg Dr. Roland Böhm beantwortet hier die wichtigsten Fragen. Jetzt zum Beitrag>>

„Voodoo-Verfahren brauchen wir in der heutigen Medizin nicht mehr“

In diesem Interview erzählt die frühere „Vollbluthomöopathin” und heutige ausgesprochene Globuli-Gegnerin Dr. Natalie Grams über ihren Weg von der Schulmedizin zur Homöopathie und wieder zurück.

Frau Dr. Grams, Sie sind als Kommunikationsmanagerin bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) tätig und gehören zu den schärfsten Kritikerinnen der Homöopathie. Doch bis 2015 hatten Sie selbst eine homöopathische Arztpraxis. Was ist passiert?

Dr. Grams: Ich wollte eigentlich ein Buch zur Verteidigung der Homöopathie schreiben, da ich selbst überzeugte „Vollbluthomöopathin“ war und kurz zuvor ein sehr kritisches Buch über Homöopathie gelesen hatte. Während des Schreibens fiel mir jedoch auf, dass die Homöopathie weder wissenschaftlich erklärbar ist, noch dass es ausreichend Evidenz für eine Wirksamkeit gibt. Nach dieser Erkenntnis konnte ich die Homöopathie nicht mehr als Therapieform anbieten und habe konsequenterweise meine Praxis geschlossen.

“Ich denke, dass gerade wir Ärzte oft wissenschaftlich nicht gut genug ausgebildet sind”

Warum sind viele Ärzte, die in der Regel nach Evidenz streben, trotzdem von der Homöopathie überzeugt?

Dr. Grams: Ich denke, dass gerade wir Ärzte oft wissenschaftlich nicht gut genug ausgebildet sind und uns das wirkliche Verständnis der nur theoretisch gepaukten Physik und Chemie fehlt, um zu erkennen, dass die Homöopathie tatsächlich nicht wirken kann. Darüber hinaus stellen wir aus alter Tradition immer noch gerne Erfahrung über Evidenz oder glauben der von Homöopathen verbreiteten Evidenz, die einzelne positive Studien zu einem positiven Gesamtergebnis hochjubeln. Fakt ist jedoch, dass der Homöopathie, wenn man alle Studien zusammen betrachtet, keine Wirksamkeit über Placeboeffekt hinaus nachgewiesen werden kann. Dies ist auch nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es sich dabei letztendlich nur um inhaltsleere Zuckerpillen handelt.

Manche Kollegen sind vielleicht auch einfach nur froh darüber, ihren Patienten nicht sagen zu müssen „Da hilft Abwarten und Ausruhen, ich muss Ihnen heute nichts verschreiben“, weil dies als Inkompetenz ausgelegt werden könnte. Lieber geben sie stattdessen ein Rezept über XY C30 mit. In manchen Fällen wird Homöopathie als Placebo eingesetzt, um eine unnötige Antibiotikagabe zu vermeiden – gerade bei viralen Infekten. Dies macht ja noch halbwegs Sinn.

Welche Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Homöopathie liegen aktuell vor?

Dr. Grams: Es gibt weit über 200 klinische Studien zu Homöopathie und aktuell acht systematische Reviews. Generell kann man sagen, dass je größer und besser eine Studie gemacht wurde, umso weniger Effekte zeigen sich bei dem Einsatz von Homöopathie. Bei keinem der Reviews kommen die Autoren zu der Schlussfolgerung, dass ein überzeugender Nachweis für die Wirksamkeit der Homöopathie über Placeboeffekt hinaus geglückt sei. Bemerkenswert ist, dass dieses Ergebnis auch in den Studien von nicht gegen die Homöopathie voreingenommen Autoren auftritt: beispielsweise in den beiden Arbeiten von R.T. Mathie 1,2, der für die British Homeopathic Association arbeitet.

Homöopathie-Befürworter berichten von Patientenfällen, in denen durch den Einsatz von Homöopathie bspw. die Schmerzmittel-Mengen reduziert oder weitere therapeutische Maßnahmen verhindert werden konnten. Wäre damit der Einsatz von Homöopathie in der medizinischen Praxis gerechtfertigt?

Dr. Grams: Gerade Schmerzpatienten und Schmerzbeschwerden neigen zu einer guten Beeinflussung durch den Placeboeffekt. Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist hier besonders wichtig: geschenktes Vertrauen, Zeit und Aufmerksamkeit sind dabei sehr effektvoll. All dies mag bei einer homöopathischen Behandlung tatsächlich zu einer Verbesserung der Symptome beitragen. Allerdings sind der gute Umgang mit Patienten und auch der gut genutzte Placeboeffekt doch wohl hoffentlich bei jeder Behandlung im besten Sinne dabei – und so können wir hier von der Homöopathie allenfalls lernen, beides besser zu nutzen. Ein Voodoo-Verfahren brauchen wir in der heutigen Medizin nicht mehr.

“Ein Mittel, das keine Wirkung hat, hat auch keine Nebenwirkungen” 

Bei den meisten Homöopathie-Mitteln ist das Feld „Nebenwirkungen“ leer. An diesem Punkt könnte man doch sagen, wenn die Homöopathie nicht schadet und gleichzeitig auch Placeboeffekte haben kann, hat sie auch ihre Berechtigung. Warum sind Sie so strikt dagegen?

Dr. Grams: Klar, ein Mittel, das keine Wirkung hat, hat auch keine Nebenwirkungen. Aber ich finde, das ist kein ausreichender Grund, um als Medizin bezeichnet zu werden. Blieben Homöopathen an dieser Stelle ehrlich und würden die Homöopathie tatsächlich als das sehen, was sie ist – nämlich eine tradierte, komplementäre Placebotherapie, so könnte man darüber reden. Es sind aber gerade die Homöopathen, die genau darüber nicht reden wollen und so kann es hier nicht zu einem Zusammenwirken kommen.

Außerdem ist bekannt, dass der Placeboeffekt den tatsächlich objektiven Krankheitszustand verschleiern kann. Placeboeffekte sind wieder richt- noch planbar, sodass immer eine Lücke bleibt, in der man nicht weiß, was passiert – den Patienten aber in falscher Hoffnung lässt. Das ist zum Beispiel einer meiner Kritikpunkte.

“Wir können Homöopathie getrost aus der Medizin entfernen und verlieren nichts”

Wie sehen Sie Homöopathie im Vergleich zu anderen Methoden jenseits der konventionellen Medizin (z. B. Phytotherapie, TCM)?

Dr. Grams: Die Homöopathie ist ein Sonderverfahren, da sie wissenschaftlich gesehen als obsolet gelten kann. Wir können sie getrost aus der Medizin entfernen und verlieren nichts.

Bei der Phytotherapie ist das anders. Hier liegen möglicherweise wertvolle physiologische Wirkungen vor, die es weiter zu erforschen gilt. In der Krebstherapie sehen wir zum Beispiel, dass die Gabe von Ingwer zur Verringerung der Übelkeit bei Chemotherapie führen kann. Warum sollten wir auf solche Maßnahmen verzichten?

Auch bei der TCM hat sich etwas Spannendes gezeigt: nicht etwa, dass es ein „Qi“ gibt oder dass es in Meridianen fließt, sondern dass bei der Akupunktur der „Akt des Nadelns“ zu einer Verbesserung von einigen chronischen Schmerzzuständen führen kann – und dies besser und nebenwirkungsärmer als die Gabe eines herkömmlichen Schmerzmittels. Jedoch ist es nachweislich völlig egal, wohin man sticht – ob in einen Akupunkturpunkt oder weit daneben.

Es geht also nicht darum, willkürlich ab- und auszugrenzen, sondern nur darum, gute Belege zu finden und diese vor dem Hintergrund des heutigen Wissens und nicht in erstarrter Ehrfurcht vor „altem Wissen“ zu interpretieren.

Immer mehr Krankenkassen erstatten die Kosten für homöopathische Mittel. Welche Gründe sehen Sie hierfür?

Dr. Grams: Die Gründe, warum Krankenkassen die Kosten für Homöopathie erstatten, sind nicht wissenschaftliche, sondern wirtschaftliche. Es gelingt ihnen damit, junge, gesundheitsbewusste Kunden anzuziehen, die möglicherweise erst mal sich selbst mit Globuli behandeln und dadurch keine Kosten verursachen. Größere Studien zeigen jedoch, dass auf Dauer die Behandlung mit Homöopathie teurer ist. Denn Patienten nutzen sie meistens zusätzlich zur normalen Medizin oder verschleppen eine Erkrankung und brauchen dann mehr Behandlung (oder sind länger krankgeschrieben), was letztlich teurer wird.

In vielen Gesprächen mit Krankenkassen habe ich auch erfahren, dass Patienten die Krankenkassen, die alternativmedizinische Methoden anbieten, für besonders attraktiv und menschenfreundlich halten. Insofern kann ich die Krankenkassen, die auf dieses Zugpferd setzen, sehr gut verstehen – zumal es ja ihnen im Moment noch politisch erlaubt ist.

Stichwort Politik: Gibt es bei der GWUP auch politische Forderungen?

Dr. Grams: Ja, es gibt sehr konkrete politische Forderungen: Wir möchten, dass die Homöopathie nicht als Arzneimittel gilt, aus der Apothekenpflicht entlassen und von Krankenkassen nicht mehr erstattet wird. Keinesfalls möchten wir erreichen – und hier werden wir oft missverstanden – dass die Homöopathie verboten wird! Wer auch nach Aufklärung weiter Globuli einnehmen möchte, kann dies selbstverständlich und auf eigene Kosten tun.

Der Titel Ihres aktuellen Buches „Homöopathie neu gedacht“ lässt vermuten, dass es sich dabei nicht um eine komplette Abwendung von der Homöopathie handelt, sondern um eine alternative Vorgehensweise. Kann die Homöopathie doch noch sinnvoll eigesetzt werden?

Dr. Grams: In meinem Buch habe ich versucht, darüber nachzudenken, was an der Homöopathie wirklich dran ist. Vor dem Hintergrund des heutigen Wissens können wir sicher sagen, dass sie keine spezifische wirksame Arzneitherapie ist. Genauso sicher können wir aber auch sagen, dass trotzdem sehr viele Menschen von ihr angezogen werden.

Dies liegt vermutlich daran, dass Patienten sich in einer homöopathischen Praxis besser aufgehoben fühlen, dass ihnen mehr Zeit und ein besserer Umgang geschenkt wird. Ich finde, wir sollten diese positiven Pluspunkte der veralteten Heilmethoden besser in die moderne Medizin integrieren. Ich hätte mir von Homöopathen einen Dialog darüber gewünscht, auf welche Weise wir unsere Medizin verbessern können, aber darauf wollten sie leider nicht eingehen.

Zur Person: Nach dem Studium der Humanmedizin absolvierte Dr. Natalie Grams die Homöopathie Ausbildung und erlangte die Zusatzbezeichnung Homöopathie. Von 2009 bis 2015 war sie rein homöopathisch mit ihrer eigenen Praxis in Heidelberg tätig. Nach der Veröffentlichung ihres Buchs „Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft“ schloss sie ihre Praxis. Seit 2016 ist Dr. Grams im Wissenschaftsrat und seit 2017 als Kommunikationsmanagerin der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) tätig.

1. Mathie RT, Lloyd SM. Legg LA, Clausen J et al.: Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis, Systematic Reviews (2014) 3:142, DOI 10.1186/2046-4053-3-142

2. Mathie RT, Ramparsad N, Legg LA, Clausen J et al: Randomised, double blind, placebo controlled trials of non- individualised homeopathic treatment: systematic Review and meta-analysis, Systematic Reviews (2007) 6:63, DOI 10.1186/s13643-017-0445-3

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653