15. April 2021

Leitlinie für Kindernotfälle hilft Leben retten

Kinder sind durch Medikationsfehler in Notfällen besonders gefährdet. Deshalb gibt es jetzt erstmals eine Leitlinie, die für mehr Sicherheit und Qualität der Pharmakotherapie sorgen soll. Ein Überblick zur neuen S2k-Leitlinie.1

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Sebastian Schmidt

Im Notfall muss es oft schnell gehen. Schon bei Erwachsenen stehen Mediziner dann gerade bei der Medikation enorm unter Druck. Was hilft, sind Routine, noch mehr Routine und das Wissen um die richtige Dosis Wirkstoff für den Notfallpatienten. Wenn der Patient aber ein Kind ist, helfen die eingeübten Routinen in der Pharmakotherapie für Erwachsene meist nicht weiter. Denn allein das Körpergewicht variiert in pädiatrischen Fällen naturgemäß stärker als bei Erwachsenen. Grund genug für die kürzlich publizierte S2k-Leitlinie, die von Experten aus den Fachgesellschaften unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ) erarbeitet wurde.1

Medikationsfehler im Notfall

Medikationsfehler, insbesondere durch injizierbare Medikamente, sind von besonderer Bedeutung für die Sicherheit in der medizinischen Versorgung. Die WHO sah dieses Thema bereits in ihrer weltweiten Kampagne 2007 als Spitzenreiter der sicherheitsrelevanten Themen in der Medizin.2

Die Schwerpunkt-Bereiche der Leitlinie

Inhalte der neuen S2k-Leitlinie sind die Themenbereiche rationale Arzneimitteltherapie, Indikation und „Off-Label-Use“, genauso wie grunderkrankungsbezogene und patientengruppenspezifische Aspekte.

Auch auf Hilfsmittel, Referenzen und Apps zur Dosierung und Methoden zur Gewichtsschätzung und längenbezogene Systeme gehen die Autoren ein. Konkrete Unterstützung liefert die Leitlinie für die Errechnen der Dosis. In Tabellenform finden sich weitere Informationen zu Wirkstoffen, Indikation, Initialdosis und Kommentaren.

Außerdem schließt die Leitlinie die Themen Vorbereitung und Verabreichung, Verwechslungen, Lagerungsort und Sicherheits- und Fehlerkultur mit ein. Um Übertherapien und Fehlmedikationen zu vermeiden, erläutert das Papier auch für welche Personengruppen die Empfehlungen nicht zutreffen.

Ganz konkret: Die wichtigsten Empfehlungen

  • „Primum non nocere“: Ein Medikament, zu welchem dem Anwender hinreichende pharmakologische Kenntnis für die Notfallindikation fehlt, soll nicht verabreicht werden.
  • 5-R-Regel: Vor jeder Medikamentengabe soll im vier Augenprinzip überprüft werden, dass es sich um das richtige Medikament, in der richtigen Dosis, zum richtigen Zeitpunkt, mit dem richtigen Verabreichungsweg und für den richtigen Patient handelt.
  • Für die prähospitale und innerklinische Behandlung von Notfällen bei Kindern sollen Therapieentscheidungen auf wissenschaftlicher Evidenz und Erfahrung basieren und nicht allein aufgrund des Zulassungsstatus erfolgen. Ein „Off-Label-Use“ ist nicht unsachgemäß, illegal oder kontraindiziert, sondern kann die bestmögliche Therapie darstellen.
  • Vor jeder Therapie soll die Indikation hinterfragt und geprüft werden.
  • Medikamente mit geringem Verteilungsvolumen und geringer therapeutischer Breite sollen bei deutlicher Adipositas am Normalgewicht dosiert werden.
  • Eine „Übertherapie“ soll vermieden werden (so wenig wie möglich und so viel wie nötig).
  • Die Verordnung von Notfallmedikamenten soll unter Kenntnis und Verwendung pädiatrisch-pharmakologischer Referenzen beziehungsweise kognitiver Hilfsmittel erfolgen.
  • Vor jeder medikamentösen Therapie soll das Gewicht des Kindes ermittelt und dokumentiert werden.
  • Wenn kein genanntes Gewicht verfügbar ist, soll eine längenbezogene Gewichtsschätzung durchgeführt werden.
  • Die Gaben von Medikamenten, welche eine geringe therapeutische Breite aufweisen oder bei Fehldosierung großen Schaden anrichten können (z.B. Adrenalin, Analgetika) sollen NICHT ohne vorherige Überprüfung durch ein unterstützendes System (z.B. Tabelle, Lineale) erfolgen.
  • Längenbezogene Systeme zur Gewichtsschätzung mit Dosisempfehlung sollten v.a. prähospital bevorzugt eingesetzt werden.
  • MündlicheVerordnungen sollen eine klare Struktur haben, eindeutig und vollständig sein sowie schnellstmöglich schriftlich dokumentiert werden; wenn immer möglich sollen Verordnungen primär schriftlich erfolgen.
  • Jede Verordnung soll durch alle Beteiligten laut wiederholt und bestätigt werden.
  • Medikamente sollen an einem eindeutigen und bekannten Ort gelagert werden.
  • Wenn möglich, sollen Medikamente mit Gefährdungspotential separiert werden, um ein bewusstes „danach greifen“ zu erzwingen.
  • Jede aufgezogene Spritze soll vorzugsweise mit einem Etikett nach ISO 26852 längs so beklebt werden, dass die Skalierung weiter lesbar bleibt.
  • Die nicht-technischen Fähigkeiten und die Inhalte von Versorgungsstandards sollen trainiert werden (z.B. Simulationstraining).

Patientenzielgruppe und Patientenleitlinie

Die Patientenzielgruppe sind Kinder aller Altersstufen bis zur Pubertät. Anschließend empfehlen die Experten die Leitlinien zur Reanimation des European Resuscitation Council (ERC) anzuwenden. Dennoch seien viele der Empfehlungen altersunabhängig sinnvoll. Sie könnten auch als Grundlage für Leitlinien zur Arzneimitteltherapiesicherheit bei Notfällen von Erwachsenen genutzt werden.

Zusätzlich zur Leitlinie für Mediziner wurde eine Patientenleitlinie erarbeitet, die sich an Laien richtet und die die empfohlenen Handlungsmaßnahmen sprachlich entsprechend aufbereitet, sodass diese gegebenenfalls für das Patientengespräch genutzt werden kann. Darin „wurde auf Aspekte eingegangen, die für Patienten besonders relevant sind.“^3^

1. S2k- Leitlinie „Medikamentensicherheit bei Kindernotfällen“ [Langversion], Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. et al., Stand: 14.4.2021

2. Kearns GL, Abdel-Rahman SM, Alander SW et al. Developmental pharmacology—drug disposition, action, and therapy in infants and children. N Engl J Med 2003; 349: 1157-1167.

3. Patienten-Leitlinie „Medikamentensicherheit bei Kindernotfällen“, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. et al., Stand: 14.4.2021

Bildquelle: © Getty Images/vm

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