15. Oktober 2018

Neugeborenen-Notfälle mit „Paul“ trainieren

Notfälle mit Früh- und Neugeborenen sind bekanntlich hochkomplex und zeitkritisch. Desto erstaunlicher ist es, dass gute Trainings für die Ärzteteams nach wie vor eine Seltenheit sind. Dr. Jens-Christian Schwindt wollte dies ändern und hat den Frühchen-Simulator „Paul“ entwickelt.

Lesedauer: 4 Minuten

<sup>Intubation mit dem Frühchen-Simulator „Paul“. Bild: SIMCharacters</sup>
Intubation mit dem Frühchen-Simulator „Paul“. Bild: SIMCharacters

Dr. Jens-Christian Schwindt, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, hat den Frühgeborenensimulator „Paul“ kürzlich im Rahmen der Gründer-TV-Show „Die Höhle der Löwen“ präsentiert und erklärt hier, was an ihm so besonders ist und wie ärztliche Teams in Deutschland und weltweit davon profitieren können. Interview: Marina Urbanietz.

Herr Dr. Schwindt, wie entstand die Idee zur Entwicklung des Frühchen-Simulators „Paul“?

Als Kinderarzt habe ich 15 Jahre an der Medizinischen Universität Wien auf einer Frühgeborenen-Intensivstation gearbeitet und wollte ursprünglich bestimmte Notfallsituationen mit meinem Team trainieren. Ich musste jedoch ziemlich schnell feststellen, dass es keinen passenden Frühgeborenensimulator hierfür gab – so entstand die Idee, selbst einen zu entwickeln.

Welche Funktionen hat der Simulator? Welche neonatologischen Notfälle können mit „Paul“ trainiert werden?

„Paul“ entspricht einem Frühgeborenen der 27. Schwangerschaftswoche, ist also 13 Wochen zu früh geboren und wiegt knapp 1000 Gramm.  Er wird über einen Computer gesteuert und kann alle denkbaren Krankheitszeichen im Frühgeborenenalter simulieren. Ist „Pauls“ Atmung z.B. nicht ausreichend, wird er blau und kann schließlich komplett aufhören zu atmen. Das Team muss nun effektiv reagieren und ihn beatmen oder auch einen Beatmungsschlauch in der winzigen Luftröhre platzieren.

Was unterscheidet „Paul“ von den bisher existierenden neonatologischen Simulatoren?

Intubation. Bild: SIMCharacters
Intubation. Bild: SIMCharacters

Je realistischer ein Training ist, umso besser kann das Erlernte in der Realsituation abgerufen werden. Es war also von Anfang an klar, dass „Paul“ durch eine hochrealistische innere und äußere Anatomie überzeugen muss. Zudem sollte er frühgeborenenspezifische Krankheitszeichen realistisch simulieren können. Die erhältlichen Erwachsenensimulatoren sind heute bereits sehr weit technologisch fortgeschritten. Bei Kindersimulatoren sieht die Situation anders aus. Die besondere Herausforderung für uns bestand somit darin, die erforderliche Technologie zu miniaturisieren und in dem kleinen Körper eines Frühgeborenen unterzubringen.

Für welche Kliniken kommt „Paul“ infrage?

„Paul“ wurde von uns vor allem für größere neonatologische Kliniken entwickelt, um interdisziplinäre Teams in der Versorgung von Frühgeborenen zu trainieren. Es wird derzeit viel diskutiert, wie sich die Versorgungsqualität von Frühgeborenen weiter optimieren lässt. Dabei greift die Diskussion um Mindestfallzahlen und Pflegeschüssel in der Neonatologie aus meiner Sicht zu kurz.

“Es ist doch interessant, dass es zwar ein „Aktionsbündnis Patientensicherheit“, aber kein „Aktionsbündnis Passagiersicherheit“ gibt”

Wenn wir über die Versorgungsqualität von Frühgeborenen sprechen, müssen wir über alle Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit, wie z.B. die Verwendung von Checklisten, Briefings und Debriefings, anonyme Fehlermeldesysteme und eben auch verpflichtende interdisziplinäre Teamtrainings diskutieren. Es ist doch interessant, dass es zwar ein „Aktionsbündnis Patientensicherheit“, aber kein „Aktionsbündnis Passagiersicherheit“ gibt.

Wie oft sollten aus Ihrer Sicht solche Notfall-Trainings stattfinden?

Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die zeigen, dass sich die Performance eines Teams 3 – 6 Monate nach einem Training wieder verschlechtert. Das ist der Grund, warum Piloten alle 6 Monate im Simulator trainieren müssen – und dies ist gesetzlich vorgeschrieben.

In der Medizin hingegen gibt es keinerlei gesetzliche Regelungen für Trainings. Ein Training ist bisher in unserem klinischen Alltag einfach nicht vorgesehen. Medizinische Teams wollen aber trainieren, weil sie die ihnen anvertrauten Patienten optimal versorgen möchten. Halbjährliche Trainings wären wahrscheinlich unrealistisch, aber zumindest einmal im Jahr sollte ein Training der wichtigsten Notfälle für das gesamte Team möglich und vorgeschrieben sein.

Wie viele Kliniken setzen „Paul“ bereits ein?

Aktuell werden ca. 30 Systeme in Kliniken eingesetzt. In Österreich wird mit „Paul“ z.B. in Wien, Klagenfurt und Salzburg trainiert; in Deutschland – u.a. in Lübeck, Tübingen, Passau und Potsdam. Zudem wird „Paul“ bereits an namenhaften US-amerikanischen Kliniken verwendet, wie dem Children’s Hospital of Philadelphia, der Johns Hopkins University in Baltimore und dem Cedars Sinai Medical Center in Los Angeles. „Paul“ wird vorwiegend in innerklinischen Trainings eingesetzt. D.h. medizinisches Personal trainiert im eigenen Team, mit dem eigenen Equipment und an den Orten, an denen die Notfälle in der Realität auch auftreten.

Was beinhaltet „Paul“ neben der Simulationspuppe und wie viel kostet das ganze System?

Das ganze System beinhaltet neben „Paul“ den Steuerungslaptop, einen simulierten Patientenmonitor, ein Simulationsstethoskop sowie einen Router und kostet 50.000 Euro.

Sie bieten auch Notfall-Trainings an: Können Sie mehr darüber erzählen?

Wir veranstalten bereits Reanimations- und Simulationstrainings, vor allem in kleinen Krankenhäusern, die sich kein eigenes Simulationsteam aufbauen können oder wollen, aber trotzdem auf seltene Notfälle optimal vorbereitet sein möchten. Bei diesen Trainings geht es uns neben dem Training aber immer auch um die Systemsicherheit. Die besten Menschen können in einem schwachen System keine Spitzenleistungen bringen. Daher erhalten die Krankenhäuser nach dem Training von uns einen Sicherheitsbericht, mit Empfehlungen zur Verbesserung der Systemsicherheit.

Und warum eigentlich „Paul“? Ist es ein Zufallsname oder steckt eine Geschichte dahinter?

Wir wollten einen Simulator mit einer eigenen Persönlichkeit entwickeln und nicht nur einfach eine Puppe. Daher musste er auch einen geeigneten Namen bekommen. Auf der Suche nach einem guten Namen sind wir auf „Paul“ gestoßen. Da Paul „der Kleine“ bedeutet, fanden wir diesen Namen für einen Frühgeborenensimulator sehr passend. Scheinbar ist es uns auch gelungen, „Paul“ eine wirkliche Persönlichkeit zu verleihen. Im Echo auf „Die Höhle der Löwen“ wurde nur selten von „einem Frühgeborenensimulator“ gesprochen, sondern fast ausschließlich von „Paul“.

Dauer: ca. 3 Minuten, in englischer Sprache.

“Ich denke, “Paul” würde sich über eine ältere Schwester sehr freuen”

Forschung und Entwicklung sind unsere großen Stärken. Daher wird „Paul“ auch in Zukunft stetig weiterentwickelt und er soll ganz sicher kein Einzelkind bleiben. Ich denke, er würde sich über eine ältere Schwester sehr freuen.

Dr. Jens-Christian Schwindt ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und war 15 Jahre lang auf der Frühgeborenen-Intensivstation der Medizinischen Universität Wien tätig. Nach der Entwicklung des Frühchen-Simulators „Paul“ hat er das Unternehmen “SIMCharacters” gegründet, das aktuell 20 Mitarbeiter beschäftigt.

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Bilder: SIMCharacters.

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