22. Februar 2016

Kopfschmerzen bei Kindern: Ausufernde Diagnostik und Therapie oft nicht hilfreich

Kopfschmerzen bei Kindern sind ein zunehmendes Phänomen und machen sowohl Eltern als auch viele Ärzte ratlos. Erfahren Sie hier von Frau Dr. Alexandra Albat, erfahrene Kinderärztin und aktuell in der Weiterbildung zur Kinderschmerztherapeutin, welche Untersuchungen sinnvoll und welche therapeutischen Maßnahmen hilfreich sind.

Luis (13) leidet seit drei Jahren an Kopf- und Nackenschmerzen

Viermal pro Woche hat Luis drückende Schmerzen mit einer Schmerzintensität von 5/10 NRS (Numeric Rating Scale), der Schmerz beginnt meist vormittags und bleibt über eine Dauer von zwei bis zehn Stunden. Einmal pro Woche treten stärkste klopfende Kopfschmerzen mit einer Intensität von 10/10 NRS auf, die mit Übelkeit sowie Photo- und Phonophobie einhergehen.

Im Rahmen der Diagnostik wurde eine augenärztliche Untersuchung und ein kraniales MRT jeweils ohne auffälligen Befund durchgeführt. Im weiteren Verlauf erfolgte eine orthopädische Vorstellung, die die Diagnose einer BWS-Kyphose und HWS-Blockade ergab. Bei ausbleibender Besserung unter der daraufhin veranlassten manualtherapeutischen Behandlung und der Versorgung mit sensomotorischen Einlagen erfolgte zudem ein MRT der BWS. Eine ebenfalls vorgenommene neurologische Konsultation ergab den Verdacht auf eine chronische Migräne und die Verordnung von Bisoprolol als Dauerprophylaxe sowie die Empfehlung, progressive Muskelentspannung nach Jacobson zu erlernen. Beide Maßnahmen sind von der Familie jedoch nicht umgesetzt worden. Zuletzt erfolgte bei weiterhin bestehenden Kopfschmerzen eine kieferorthopädische Vorstellung, die Versorgung mit einer Zahnspange zur Behebung der Kopfschmerzen ist geplant.

Die körperliche Untersuchung bei uns ergab bis auf eine ausgeprägte Druckschmerzhaftigkeit der Schulter- und Nackenmuskulatur keinerlei Auffälligkeiten.

Maßnahmen im Zentrum für Kinderschmerztherapie in Hamburg

Bei Luis besteht sowohl ein chronischer Spannungskopfschmerz als auch eine Migräne. Zur Behandlung des akuten Migräneanfalls besprachen wir die Gabe von 400 mg Ibuprofen (10 mg/kg) gleich zu Beginn der Beschwerden. Zudem erlernte Luis progressive Muskelentspannung nach Jacobson in unserer Praxis, mit der Empfehlung, die Übungen täglich zu Hause durchzuführen. Dies dient der Reduktion von Spannungskopfschmerzen und wirkt gleichzeitig als nichtmedikamentöse Migräneprophylaxe. An verhaltenstherapeutischen Maßnahmen vereinbarten wir, dass Luis trotz der Spannungskopfschmerzen regelmäßig zur Schule geht und die Eltern in Zukunft nicht mehr nach seinen Schmerzen fragen. Wir besprachen zudem das Führen eines Schmerzprotokolls. Bei Wiedervorstellung nach 6 Wochen traten die Spannungskopfschmerzen nur noch 1x pro Woche, die Migräneanfälle alle 2 Wochen auf. Ibuprofen konnte auch bei frühzeitiger Einnahme die Migräneanfälle jedoch nicht lindern. Unter Sumatriptan 10 mg Nasenspray sistierten die Migränekopfschmerzen dann nach 30 Minuten.

Sinnvolle Diagnostik bei chronischen Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen

Bei unauffälliger neurologischer Untersuchung und dem Vorliegen von Spannungskopfschmerzen ist in der Regel keine weitere Diagnostik notwendig. Bei Migränekopfschmerzen sollte im Rahmen der Basisdiagnostik eine augenärztliche Untersuchung mit Fundoskopie erfolgen. Die Durchführung eines kranialen MRT ist nur bei Migräne mit Aura sowie bei ausgeprägter Zunahme der Migränebeschwerden oder plötzlicher Änderung der Anfallsart indiziert.

Primär nicht-medikamentöse Therapie

Die Behandlung der im Kindes- und Jugendalter am häufigsten auftretenden Spannungskopfschmerzen sollte primär nichtmedikamentös erfolgen. Hier haben Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson einen hohen Stellenwert. Auch eine Reizstrombehhandlung mittels TENS-Gerät (Transkutane Elektrische Nervenstimulation) im Bereich der Schulter-Nacken-Muskulatur zeigt gute Erfolge. Wichtig ist bei beiden Verfahren die tägliche Anwendung. Unterstützend sind lebenshygienische Maßnahmen sinnvoll wie eine ausgewogene Tagesstruktur, die sowohl ein gewisses Maß an körperlicher Aktivität als auch genügend unverplante Zeit zur freien Verfügung beinhaltet.

Es besteht zudem die Gefahr, dass bei chronischen Kopfschmerzen das Schmerzthema einen immer größeren Raum einnimmt. Hierbei ist jedoch ein wiederholtes Fernbleiben von der Schule, um sich zu Hause auszuruhen, bei der Bewältigung der Schmerzen ebenso wenig förderlich wie ein ausuferndes Erfragen des aktuellen Schmerzzustandes. Hilfreicher ist ein aufmunterndes Anspornen, die Schmerzen durch Eigeninitiative in den Griff zu bekommen.

Medikamentös gegen den akuten Migräneanfall

Dagegen erfordert die Behandlung des akuten Migräneanfalls stets eine medikamentöse Intervention. Wenn die frühzeitige Einnahme von Ibuprofen nicht die gewünschte Linderung bringt, ist meist der Einsatz von Triptanen wie z.B. das ab dem 12. Lebensjahr zuge­lassene Sumatriptan unumgänglich. Die Intervalltherapie zur Anfallsprophylaxe kann sowohl nichtmedikamentös mittels progessiver Muskelentspannung nach Jacobson erfolgen als auch bei unzureichender Besserung medikamentös z.B. mit Magnesium (10 mg/kg) oder einem Betablocker (Metoprolol einschleichend bis 1,5 mg abends).

Fazit aus dem Fall Luis

  • Ausufernde (radiologische) Diagnostik und Therapieversuche im Bereich von Orthopädie oder Kieferorthopädie sind oft wenig hilfreich.
  • Spannungskopfschmerzen sollten primär durch Stressabbau und ausgeglichene Lebensführung behandelt werden.
  • Migränekopfschmerzen erfordern immer eine ausreichend dosierte Akuttherapie sowie oft auch eine nicht-medikamentöse oder medikamentöse Intervalltherapie.

Dieser Beitrag wird vertreten durch Dr. med. Alexandra Albat, Preisträgerin des Stipendiums der Initative Schmerzlos, einer Aufklärungskampagne von RB Deutschland, die speziell auf die Bedürfnisse von Jugendlichen mit Kopfschmerzen eingeht.
Dr. med. Alexandra Albat ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin am Zentrum für Integrative Kinderschmerz­therapie und Palliativmedizin in Hamburg.
Die Informationen und Angebote der Initiative Schmerzlos klären darüber auf, wie man Schmerzen bei Jugendlichen vorbeugen kann, welche altersgerechten Behandlungsmöglichkeiten es gibt und welche Maßnahmen angemessen sind, wenn allgemeine Maßnahmen nicht ausreichen.

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653