13. November 2018

Fieber bei Kindern:

Wann ist der Einsatz von Homöopathie sinnvoll?

Bei der Behandlung von fiebernden Kindern kommen meist Antipyretika und physikalische fiebersenkende Maßnahmen zum Einsatz. In welchen Fällen homöopathische Arzneien sinnvoll sein können, erklärte Dr. Monika Grasser auf dem diesjährigen Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig. Die coliquio-Redaktion hat mit der Kinderärztin gesprochen.

Lesedauer: 4 Minuten

<sup>Atropa belladonna, die Tollkirsche. Foto: Dr. Grasser</sup>
Atropa belladonna, die Tollkirsche. Foto: Dr. Grasser

Interview: Marina Urbanietz.

Frau Dr. Grasser, ab welcher Temperatur spricht man von Fieber?

Dr. Grasser: Nun, Fieber ist definiert als Erhöhung der Körpertemperatur über die normale tägliche Temperatur-Fluktuation hinaus in Verbindung mit einem erhöhten Temperatur-Sollwert im Hypothalamus (thermal balance point), einhergehend mit Krankheitsgefühl, metabolischen und immunologischen Veränderungen des Organismus. Eine exaktere Definition gibt es leider nicht. Im Allgemeinen wird bei einer Temperaturerhöhung über 38.0°C (rektal gemessen) von Fieber gesprochen.

Was sind die häufigsten Ursachen für Fieber bei Kindern?

Dr. Grasser: Am häufigsten sind Infektionen, meistens ausgelöst durch virale Erreger, gefolgt von bakteriellen Infektionen. Cave: Vor allem eine Sepsis, eine Meningitis oder eine andere schwere bakterielle Infektion darf da nicht übersehen werden. Aber auch autoimmune Erkrankungen und – seltener – onkologische Erkrankungen können mit Fieber einher gehen.

Ein Kind hat hohes Fieber: Welche diagnostischen Schritte leiten Sie ein?

Dr. Grasser: Eine ausführliche Anamnese mit den Eltern und, soweit möglich, auch mit dem Kind selbst ist von zentraler Bedeutung:

  • Seit wann besteht das Fieber, wie hoch ist es maximal, was wurde bereits unternommen?
  • Gibt es andere zusätzliche Krankheitssymptome wie Schnupfen, Husten, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Schmerzen (z.B. Ohren-, Hals- oder Gelenkschmerzen)?
  • Wie isst und trinkt das Kind? Uriniert es ausreichend?
  • Ging der Symptomatik eventuell ein Auslandsaufenthalt voraus?

Dann führe ich eine körperliche Untersuchung durch, mit Beurteilung der Schleimhäute und der Haut, der Ohren, der Lunge, des Herzens und des Abdomens, des Allgemeinbefindens einschließlich einer orientierenden neurologischen Betrachtung. Als zusätzliche Untersuchungen ist manchmal ein Urinstatus wichtig, um eine Harnwegsinfektion auszuschließen. In manchen Fällen ist zudem eine Bestimmung des Blutbildes und des CRPs, ein Rachenabstrich oder auch eine Urinkultur notwendig.

Bei welcher Symptomatik ist der Einsatz von Antipyretika sinnvoll? Und wann würden Sie davon abraten?

Dr. Grasser: Ich selbst setze Antipyretika wie Paracetamol oder Ibuprofen sehr dosiert ein. Gerade wenn das Kind gleichzeitig auch Schmerzen hat oder immer wieder hoch fiebert (ab 40.0 °C), kommen Antipyretika zum Einsatz. Es gibt jedoch einige Untersuchungen, die nahelegen, dass eine entzündliche Erkrankung länger dauert, wenn das Fieber mit NSAIDs gesenkt wird. Dies wurde z.B. für Varizellen, Malaria, Rhinovirus-Infektionen oder neuerdings auch für Influenza gezeigt.

Antipyretika müssen bedacht eingesetzt werden, denn sie können zu Nebenwirkungen wie Gastritis, Ulzera, Magenblutungen sowie Hypertonie (bei Ibuprofen) oder einer Lebertoxizität (bei Paracetamol) führen. Es besteht auch die Gefahr der Überdosierung mit Schädigung von Nieren oder Leber. Gleichzeitig werden die Komplikationen des Fiebers, wie weithin angenommen, durch die Gabe von Antipyretika nicht verhindert. Deswegen kann ein routinemäßiger Einsatz von Antipyretika zur Senkung des Fiebers bei ansonsten gesunden Kindern heute nicht mehr empfohlen werden.

Wann kann der Einsatz von homöopathischen Mitteln sinnvoll sein?

Abb.1: Aconitum napellus, der Sturmhut. Foto: Wattewyl

Dr. Grasser: In vielen akuten Krankheitsfällen. Die Homöopathie sehe ich als eine Möglichkeit, den Krankheitsverlauf positiv, nachhaltig und gleichzeitig nebenwirkungsarm zu beeinflussen. Dabei ist es entscheidend, die richtige, zum Patienten und seiner Erkrankung passende Arznei entsprechend dem Ähnlichkeitsprinzip zu finden. 

Gibt es dazu Studien, wie gut die homöopathischen Mittel wirken bzw. was sich genau damit erreichen lässt?

Dr. Grasser: Es gibt sehr gute, signifikante Studien, jedoch ist es weiterhin wichtig, das Wirkprinzip zu erforschen.

In welchen Abständen ist die Reevaluation der Symptomatik und somit auch der eingeleiteten therapeutischen Maßnahmen sinnvoll?

Abb. 2: Atropa belladonna, die Tollkirsche. Foto: Dr. Grasser

Dr. Grasser: Beim ambulanten Setting muss immer wieder reevaluiert werden, um die Zeichen einer schweren Erkrankung rechtzeitig zu erkennen. Deswegen bestelle ich manche Kinder am nächsten Morgen oder sogar auch am selben Tag nochmal in meine Praxis ein, um den Krankheitsverlauf zu beurteilen. Außerdem erkläre ich den Eltern genau, bei welchen Symptomen sie sich sofort melden bzw. eine Kinderklinik aufsuchen müssen.

Wie findet man das passende Mittel?

Abb. 3: Pulsatilla praetensis, die Küchenschelle. Foto: Marco Schmidt

Dr. Grasser: Gerade im Kindesalter werden bei Fieber immer wieder Aconitum napellus (der Sturmhut, s. Abb. 1) und Atropa Belladonna (die Tollkirsche, s. Abb. 2) angewandt. Beide Mittel eignen sich gut zu Beginn einer fieberhaften Erkrankung. Aber es kommen auch viele andere Arzneien in Betracht (s. Tabelle 1), wie z. B. Pulsatilla praetensis (die Küchenschelle, s. Abb. 3) oder Apis mellifica (die Honigbiene) und viele weitere. Um in einer Akutsituation rasch das richtige Mittel verordnen zu können, geht man nach der sogenannten bewährten Indikation vor: Das heißt, ich wähle aus einer Reihe gut bekannter Arzneien dasjenige Mittel aus, welches am besten zum Krankheitsbild des Kindes passt. Hierzu erhebe ich in der Anamnese mit gezielten Fragen das sogenannte vollständige Lokalsymptom. Dabei werden folgende Fragen gestellt:

Lokalsymptomatik: Anamnese-Erhebung

  • Was?
  • Wo?
  • Wann? Seit wann?
  • Wie?
  • Modalitäten? (Wodurch wird es besser oder schlechter?)
  • Eventuelle Begleitsymptome

Anhand des individuellen klinischen Krankheitsbildes des Patienten wird dann die richtige Arznei gefunden (s. Tabelle 1).

Tabelle 1: Homöopathische Arzneien bei Fieber (modifiziert nach Dr. Grasser)

Wo liegen die Grenzen der homöopathischen Behandlung?

Dr. Grasser: Der homöopathische Arzt ist zuerst einmal Arzt, mit einem Studium der Medizin und einer Facharztweiterbildung, ihm stehen also das gesamte Wissen der konventionellen Medizin und das der Homöopathie zur Verfügung. Es gibt natürlich Fälle, die ohne die konventionelle Medizin nicht gelöst werden können. Dies betone ich immer wieder. Bei einer schwerwiegenden Erkrankung, wie beispielsweise einer Sepsis, einer Meningitis, einer Appendizitis oder einer Pneumonie sowie bei Fieber im Neugeborenenalter müssen natürlich Maßnahmen aus der konventionellen Medizin (wie z. B. die Gabe von Antibiotika, operative Eingriffe, etc.) schnellstmöglich ergriffen werden.

Dabei ist die größte Herausforderung rechtzeitig zu erkennen, wann die notwendigen diagnostischen Schritte bzw. Therapien eingeleitet werden müssen. Somit liegen die Grenzen der homöopathischen Behandlung in der Expertise des Arztes.

Stichwort „Eltern-Kommunikation“: Das Symptom Fieber ist für die meisten Eltern sehr besorgniserregend und sie wünschen sich eine rasche Besserung des Allgemeinzustandes, die durch die homöopathischen Arzneien nicht immer erreicht wird. Was ist bei der Kommunikation mit den Eltern wichtig?

Dr. Grasser: Fieber führt bei Eltern oft zu großer Sorge und Angst vor ernsten Erkrankungen und Komplikationen. Oft wird es sogar als die eigentliche Erkrankung wahrgenommen. Um den Eltern diese Angst zu nehmen, erkläre ich, dass es sich bei Fieber um eine Begleitreaktion in der Abwehr einer Infektion handelt und es dabei durchaus seinen Nutzen hat. So kann Fieber sogar einen Überlebensvorteil für das Kind bedeuten, denn es führt zur Hemmung der Replikation von Bakterien und Viren und gleichzeitig auch zur Aktivierung des Immunsystems. Die Abwehr der Erreger wird also positiv beeinflusst, was zu einer rascheren Genesung des Kindes bei vielen infektiösen Erkrankungen führt. Durch die Gabe von Antipyretika wird dieser immunologische Prozess verzögert oder gar unterbrochen und die Erkrankung dauert sogar noch länger.

Diese Erklärung wird von den Eltern meist sehr gut aufgenommen. Wichtig ist, den Eltern im Gespräch die Angst vor dem Fieber und seinen Komplikationen zu nehmen.

Wo können sich Ärzte über die Homöopathie ausführlich informieren?

Dr. Grasser: Erste Erfahrungen mit der Homöopathie können Kollegen in den Kursen des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) sammeln. Zum Nach- bzw. Weiterlesen empfehle ich gerne das Buch „Leitsymptome in der homöopathischen Therapie“ von Eugene B. Nash (Karl F Haug Verlag, 2015) und das „Handbuch der homöopathischen Materia medica“ von William Boericke (Karl F Haug Verlag, 2014).

Zur Autorin: Dr. med. Monika Grasser ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Praxisinhaberin. Zu ihren Schwerpunkten zählen Homöopathie, Neonatologie und Palliativmedizin. Dr. Grasser ist Mitautorin einiger Publikationen über die Homöopathie in der Kinder- und Jugendmedizin und hält regelmäßig Vorträge zu diesem Thema.

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