09. Oktober 2018

Akute Schmerztherapie bei Kindern:

Welche Rolle kann Homöopathie spielen?

Wann können homöopathische Mittel in der akuten Schmerztherapie von Kindern sinnvoll eingesetzt werden? Und worauf müssen Ärzte dabei besonders achten? Der Kinderchirurg Dr. Roland Böhm beantwortet hier die wichtigsten Fragen.

Lesedauer: 4 Minuten

Dr. Roland Böhm, Facharzt für Kinderchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Sportmedizin, hat zu diesem Thema im Rahmen des diesjährigen Kongresses für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig referiert. Interview: Marina Urbanietz.

Herr Dr. Böhm, wie sind akute Schmerzen genau definiert?

Dr. Böhm: Akuter Schmerz entsteht im Moment einer Gewebeschädigung, sei dies durch einen Unfall oder eine ärztliche Intervention. Hiervon muss der chronische Schmerz abgegrenzt werden, von dem man ab einer Dauer von 3 Monaten spricht.

Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung?

Dr. Böhm: Führend ist nach Verletzungen oder Operationen die medikamentöse Therapie. Diese umfasst neben einer Basistherapie auch additive und adjuvante Modalitäten, wie zum Beispiel stärkere Medikamente, lokale Maßnahmen (Kühlung/Wärme, Lagerung), psychologische Unterstützung und dann eben auch die homöopathische Begleittherapie.

Dabei ist ein Facharztstandard im Hintergrund immer absolut sinnvoll, um z.B. Warnsymptome einer drohenden Komplikation nicht als einfache Schmerzen zu bagatellisieren.

„Bei einer Kombination von Homöopathika und konventionellen Schmerzmitteln kann die Schmerzmittelgabe aus unserer Erfahrung meist deutlich eingeschränkt werden“

Wann ist eine Kombination von Homöopathika mit konventioneller Schmerztherapie sinnvoll?

Dr. Böhm: Grundsätzlich immer. Bei einer Kombination von Homöopathika und konventionellen Schmerzmitteln kann die Schmerzmittelgabe aus unserer Erfahrung in den meisten Fällen deutlich eingeschränkt werden. Voraussetzung hierzu ist allerdings, dass die behandelnden Ärzte neben der obligatorischen Beherrschung der konventionellen Schmerztherapie die gängigsten homöopathischen Mittel kennen und sich mit der – z.T. sehr komplexen – Materie bereits beschäftigt haben. Dies schon allein, um mögliche Komplikationen nicht zu übersehen oder sogar zu provozieren.

Schmerztherapie in der Kinderchirurgie: Wie kann Homöopathie konkret eingesetzt werden?

Dr. Böhm: Die Schmerztherapie in der Kinderchirurgie umfasst die Schmerzen nach einer Verletzung und nach operativer Versorgung oder nach elektiven Eingriffen, denen kein akut schmerzhaftes Ereignis vorangeht. Hier gilt die Regel, dass Schmerzen behandelt werden sollen, bevor sie entstehen. Anhand dieser 3 Patientenfälle wird sichtbar, wie wir die Homöopathie in der Schmerztherapie einsetzen.

Armbruch: Ein 6 Jahre altes Kind stürzt im Sportunterricht von der Reckstange und bricht sich den Arm. Es hat starke Schmerzen, ist zunächst geschockt, sehr aufgeregt und dann sehr wütend, dass ihm das passiert ist. Das wäre ein klassischer Fall für die Gabe von:

  1. Aconitum als Erstmedikation (Schmerzen, Schock, Aufregung)
  2. Arnica als Folgemedikation (Schmerzen, Ärger, Verdrossenheit)

Appendizitis: Ein 8 Jahre altes Kind wird mit einer hochakuten Appendizitis operiert. Im postoperativen Schmerzbehandlungsschema kann man neben der konventionellen Schmerztherapie bei postoperativer starker Agitiertheit, allgemeinen und dann stechenden Schmerzen im Verlauf folgende Mittel geben:

  1. Aconitum / Opium (Schmerzen, Agitiertheit)
  2. Arnica (Schmerzen – als Basismedikation)
  3. Staphisagria (stechende Schmerzen)

Fingerquetschverletzung: Ein 3 Jahre altes Kind erleidet eine Fingerquetschverletzung mit offener Nagelbettfraktur. Das Kind hat sehr starke Schmerzen, auch nach operativer Revision und ist kaum zu beruhigen.

  1. Arnica (Schmerzen, v.a. durch Gewebequetschung bedingt)
  2. Hypericum (Schmerzen im nervenreichen Gewebe)
  3. Chamomilla (unruhig bei nicht auszuhaltenden Schmerzen)

Cave: Alternativ und supportiv ist selbstverständlich auch die Gabe von Ibuprofen oder stärkeren Medikamenten möglich, wie oben bereits beschrieben.  

„Auch die homöopathische Therapie gehört in die Hände des erfahrenen Arztes“

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile und die Limitationen der homöopathischen Schmerzbehandlung bei Kindern?

Dr. Böhm: Homöopathische Mittel können als nebenwirkungsarm bis nebenwirkungslos gesehen werden, sofern man entsprechende Potenzen benutzt. Allerdings kann man davon ausgehen, dass „alles, was wirkt, auch zusätzlich wirkt“. Man muss sich also bei jeder Anwendung eines homöopathischen Mittels – wie bei allopathischen Medikamenten auch – in der Indikation absolut sicher sein.

Der häufig benutzte Begriff „sanfte Medizin“ verleitet gerne zu einer probatorischen Anwendung. Dabei haben wir es auch hier mit einer ernstzunehmenden Arzneimitteltherapie zu tun. Diese leicht fehlinterpretierte Bedeutungszuweisung kann auch als ein Nachteil gesehen werden und unter Umständen zur Verschleierung von Symptomen oder auch Missverständnissen seitens Patienten und Eltern führen. Daher gehört meiner Meinung nach auch die homöopathische Therapie in die Hände des erfahrenen Arztes oder Therapeuten.

Was müssen Ärzte bei der homöopathischen Schmerztherapie von Kindern generell beachten?

Dr. Böhm: Jede Schmerztherapie muss auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Hierzu gibt es eine Reihe von sehr gut etablierten Tools zur Schmerzmessung, z.B. die visuelle oder numerische Analogskala. Dieser Überprüfung des Therapieerfolgs muss sich natürlich auch eine homöopathische Schmerztherapie stellen.

Zudem ist es wichtig, Unverträglichkeiten abzufragen: bei z.B. einer Milchzuckerallergie sollten keine lactosehaltigen Globuli oder Triturationen verabreicht werden.

Welche Wirkstoffe und welche homöopathischen Potenzen werden bei Kindern häufig verabreicht?

Dr. Böhm: Die Frage nach den Wirkstoffen kann in der Homöopathie nicht global beantwortet werden. Allerdings gibt es gerade in der Schmerztherapie typische Mittel, die Verletzungsmustern oder Schmerzqualitäten zugeordnet sind. Dies ist z.B. bei Aconitum (Schmerz und Schock), Arnica (Schmerzen durch Prellungen, Schädelhirntrauma, Ärger), Chamomilla, Hypericum, Staphisagria (Schmerzen durch Wunden) möglich.

In der Kinderheilkunde werden gerne Hochpotenzen, z.B. C30, insbesondere für eine initiale Therapie benutzt. Im Verlauf kann man dann zu den D-Potenzen übergehen, wobei die Erfahrungen hier uneinheitlich sind.

Erinnern Sie sich an einen besonders erfolgreichen Fall einer homöopathischen Schmerzbehandlung?

Dr. Böhm: Es sind die „Katastrophenfälle“ von Allopathie-Versagern, die dann auf eine homöopathische Therapie ansprechen, welche in Erinnerung bleiben. So erinnere ich mich beispielsweise noch sehr gut an den Fall eines jugendlichen S-Bahn-Surfers, der nach einer traumatischen Unterschenkelamputation noch sehr lange über Phantomschmerzen verbunden mit nächtlichen Schreiattacken geklagt hatte. Nach frustraner schulmedizinischer Therapie hatte in diesem Fall erst eine homöopathische Therapie den Erfolg gebracht. Derartige Fälle sieht man in der Praxis nicht selten.

„Die Homöopathie muss sich einer wissenschaftlichen Diskussion argumentativ sauber stellen können“

Wie sehen Sie die Zukunft der homöopathischen Schmerztherapie bei Kindern?

Dr. Böhm: Der Wert der homöopathischen Therapie und damit auch der  Schmerztherapie im Kindes- und Jugendalter orientiert sich einerseits am Engagement des behandelnden Arztes, der eine aufwändige Weiterbildung und Zusatzqualifikation anstreben muss und andererseits an der sicheren schulmedizinischen Expertise in dem betreffenden medizinischen Gebiet, z.B. Kinderchirurgie oder Kindertraumatologie. Weiterhin muss sich die Homöopathie auch einer wissenschaftlichen Diskussion argumentativ sauber stellen können. Kommen diese Voraussetzungen zusammen, hat die homöopathische Schmerztherapie bei Kindern absolut eine Zukunft und kann fester Bestandteil eines Schmerztherapiekonzeptes werden.

Dr. Roland Böhm ist Facharzt für Kinderchirurgie mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin. Dr. Böhm ist Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie des Universitätsklinikums Leipzig.

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Kongress für Kinder- und Jugendmedizin, 12. – 15.09.2018 in Leipzig.

Bildquelle: © iStock.com/kokouu.

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