15. Oktober 2015

AkdÄ-Hinweis: Säugling mit Hirnblutung nach unzureichender Vitamin-K-Prophylaxe

Zur Verhinderung von Vitamin-K-Mangelblutungen bei Neugeborenen sollte die Prophylaxe entsprechend den derzeit gültigen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin erfolgen. Denn alternative Schemata der Vitamin-K-Anwendung, wie sie im Rahmen der anthroposophischen Medizin empfohlen werden, bieten nicht immer einen ausreichenden Schutz, wie ein aktueller Fall aus der UAW-Datenbank zeigt. Lesen Sie hier, welche Konsequenzen die Unterdosierung von Vitamin K für einen Säugling hatte und zu welcher Prophylaxe Experten raten.

Der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft wurde der Fall eines sechs Wochen alten Jungen berichtet, der nach einer unzureichenden Vitamin-K-Prophylaxe eine schwere Hirnblutung erlitten hat.

Anamnese und laborchemische Untersuchungsergebnisse

Der Junge wurde aufgrund von Trinkschwäche, Erbrechen und Gewichtsverlust von 400 g in vier Tagen in deutlich reduziertem Allgemeinzustand in der Klinik vorstellig. Die körperliche Untersuchung zeigte folgendes:

  • Apathie
  • Keine Reaktion auf Schmerzreize
  • Schlaffer Muskeltonus
  • Gespannte Fontanelle

Darüber hinaus zeigte die Schädelsonografie einen Hydrocephalus internus. Die Kernspintomographie des Gehirns ergab den Befund einer infratentoriellen Raumforderung mit unterer Einklemmung im Foramen magnum sowie hypoxisch-ischämischer Hirnschädigung mit Beteiligung des Groß- und Kleinhirns und der Stammganglien.

Laborchemisch fand sich eine ausgeprägte Störung der plasmatischen Gerinnung. Die Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren II, VII und X waren deutlich vermindert. Nach Gabe von PPSB und Frischplasma sowie 0,2 mg Vitamin K intravenös normalisierte sich die Blutgerinnung innerhalb von vier Stunden.

Anamnestisch war der Junge reifgeboren und wurde voll gestillt. Hinweise auf eine Resorptionsstörung ergaben sich nicht. In Folge der hypoxisch-ischämischen Hirnschädigung kam es zur zystischen Umwandlung des gesamten Kortex. Im Alter von vier Monaten ist der Junge neurologisch schwer beeinträchtigt. 1

Offizielle Empfehlungen zur Vitamin-K-Prophylaxe

Wegen der geringen Plazentapassage von Vitamin K und dem niedrigen Gehalt in der Muttermilch muss bei etwa 7 von 100.000 voll gestillten Kindern ohne Vitamin-K-Prophylaxe mit einer Blutung aufgrund eines Vitamin-K-Mangels gerechnet werden. Zur Verhinderung von Vitamin-K-Mangelblutungen ist die Substitution von Vitamin K bei Neugeborenen daher empfohlen und gängige Praxis.

Der Säugling hatte nach Beratung durch das Geburtshaus eine tägliche Dosis von 28 µg Vitamin K oral erhalten, auf eine Bolusgabe nach der Geburt war jedoch verzichtet worden. Damit wich das Schema von den derzeit gültigen Empfehlungen der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ab.

Diese empfiehlt als wirk­samste Form der Vitamin-K-Prophylaxe:

  • die einmalige intramuskuläre Gabe von 1 mg Vitamin K rasch nach der Geburt sowie
  • eine dreimalige orale Gabe von 2 mg Vitamin K jeweils am 1. Lebenstag (U1), zwischen dem 3. und dem 10. Lebenstag (U2) und erneut zwischen der 4. und der 6. Lebenswoche (U3).

Da diese Form der Prophylaxe nicht alle Fälle von späten Vitamin-K-Mangelblutungen verhindern kann, insbesondere bei gestillten Kindern mit Cholestase, ist eine parenterale Gabe weiterhin bei folgenden Risikokindern zu bevorzugen:

  • Bei Reifgeborenen mit schlechtem Allgemeinzustand,
  • bei Verdacht auf Resorptionsstörungen und
  • bei Zweifeln an der Durchführbarkeit der dreimaligen oralen Vitamin-K-Gabe oder
  • bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g. 2

Alternative Schemata bieten keinen ausreichenden Schutz

Die im dargestellten Fall durchgeführte Vitamin-K-Prophylaxe ist angelehnt an ein Vorgehen, das in den Niederlanden praktiziert wurde. Dort war jedoch die orale Gabe von
1 mg direkt nach der Geburt Teil der Prophylaxe, die hier nicht durchgeführt wurde. In Deutschland wird das im Fallbericht angewandte Schema im Rahmen der anthroposophischen Medizin als eine von mehreren Alternativen empfohlen. In diesem Fall erscheint das angewandte Schema jedoch als besonders bedenklich, da bei dem Kind, außer dass es gestillt wurde, keine Risikofaktoren für eine Vitamin-K-Mangelblutung wie Frühgeburt oder Resorptionsstörungen vorlagen. 1

  1. AkdÄ: Hirnblutung bei einem Säugling nach unzureichender Vitamin-K-Prophylaxe
  2. Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Vitamin-K-Prophylaxe bei Neugeborenen

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