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Onkologie kompakt

21. Okt. 2022
Weniger Drinks, weniger Krebs

Studie belegt erstmals Senkung des Krebsrisikos durch Verringerung des Alkoholkonsums

Obwohl schon viele Studien den Zusammenhang von Alkoholkonsum und Krebs belegen, gibt es zu den Konsequenzen einer Verringerung der Trinkmenge noch kaum Daten. Eine Beobachtungstudie schließt diese Lücke.1,2

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Nein zu Alkohol

Autor: Dr. Jürgen Sartorius | Redaktion: Sebastian Schmidt

Über 4,5 Millionen staatliche Krankenkassenakten verglichen koreanische Wissenschaftlerin einer Beobachtungsstudie. Sie unterschieden zwischen Nichttrinkern sowie Menschen, die im Zeitraum von etwa 6 Jahren mehr als zu Beginn, gleich viel oder weniger tranken oder ganz abstinent wurden.

Tatsächlich erhöhte sich das Krebsrisiko dosisabhängig bei Erhöhung, und es verringerte sich bei Erniedrigung des Alkoholkonsums – letzteres allerdings zeitverzögert. Die Studienergebnisse wurden im Journal of the American Medical Association (JAMA) publiziert 1.

4,5 Millionen Datensätze der Krankenkasse genutzt

Die Autoren um Dr. Jung Eun Yoo, Seoul National Hospital, Südkorea, nutzten die Akten von über 4,5 Millionen Krankenkassenmitgliedern über 40 Jahren, die dreimal hintereinander – 2009, 2011 und 2013 – im Rahmen von regelmäßigen Check-up-Untersuchungen Angaben zu ihren Trinkgewohnheiten gemacht hatten. Bis Ende 2018 wurden alle onkologischen Befunde in die Analyse aufgenommen, so dass sich ein Follow-up von im Mittel 6,5 Jahren ergab. Es wurden 7,7 Fälle einer Krebserkrankung pro 1.000 Patientenjahren dokumentiert.

„Die Studie ist eine der ersten, die auf Basis wiederholter Befragungen untersucht hat, wie sich Veränderungen im Alkoholkonsum auf das Krebsrisiko auswirken“, lobt Prof. Dr. Ute Mons, Epidemiologin am Universitätsklinikum Köln. „Auch wenn die Größe der Studienpopulation überhaupt erst die detaillierten Analysen ermöglicht, besteht aber gleichzeitig das Risiko, dass aufgrund der großen statistischen Power auch Zusammenhänge und Gruppen-Unterschiede als statistisch bedeutsam erscheinen, obwohl sie klinisch nicht relevant sind.“

Risiken für alkoholbedingte Krebsarten deutlich

Im Vergleich zu denjenigen, die ihre Trinkgewohnheiten nicht verändert hatten, erhöhte sich bei denen, die mehr tranken, das Risiko für alkoholbedingte Krebsarten, aber auch für alle Krebsarten zusammengenommen. Entsprechend sanken diese Risiken für Personen, die weniger tranken.

Während sich die Risiken bei erhöhtem Alkoholkonsum schnell vergrößerten, wurden sie bei Verringerung des Alkoholkonsums erst verzögert kleiner. Als alkoholbedingt galten:

  • Krebs der Mundhöhle,
  • des Larynx, Pharynx, Ösophagus,
  • des Kolorektums ohne Appendix,
  • der Leber und
  • der weiblichen Brust.

In den ersten 2 Jahren von 2009 und 2011 hatte etwa die Hälfte der Menschen (2,2 Mio.) angegeben, abstinent zu sein. Von diesen waren etwa 75% Frauen.

Etwa 22% (1 Mio.) hatten ihre Trinkgewohnheiten nicht verändert (Sustainer), 14% hatten mehr getrunken (Increaser), 6% weniger (Reducer), und 8% hatten ganz aufgehört (Quitter).

Während über 80% der Abstinenten auch Nichtraucher waren, lag die Quote der Raucher bei den anfänglichen Alkoholkonsumenten zwischen 25% und 58%.

Alle anderen gesundheitlichen Faktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Dyslipidämie, chronische Nierenleiden und COPD waren in allen Gruppen etwa gleich verteilt. Körperliche Aktivität, Schulbildung und Verdienst wurden ebenfalls zur Bereinigung der Statistik in die Analyse aufgenommen.

Besser längeren Beobachtungszeitraum wählen

„Die Schwächen der Studie sind die kurze Beobachtungsdauer und das Fehlen retrospektiver Informationen zum Alkoholkonsum über den Lebenslauf“, gibt Mons zu bedenken. „Da sich die Zusammenhänge aber auch in den umfangreichen Sensitivitätsanalysen der Studie als relativ robust erwiesen haben und die Muster der Zusammenhänge relativ konsistent sind, spricht wenig dafür, dass hier falsch-positive Schlüsse gezogen wurden.“

Mons ergänzt: „Vielmehr wäre zu erwarten, dass mit längerer Beobachtungsdauer die Unterschiede in den Krebsrisiken in den verschiedenen Risikogruppen noch deutlicher hervortreten dürften, da sich lebensstilbedingte Krebserkrankungen meist erst über viele Jahre entwickeln, und eine substanzielle Erhöhung der Krebsrisiken vor allem infolge von langjährigem chronischen Alkoholkonsum zu erwarten wäre.“

  • Nach bereinigter Statistik erhöhte sich innerhalb der Gruppe der Increaser die adjustierte Hazard Ratio (aHR) für alkoholbedingte Krebsarten bei Personen, die ihren Alkoholkonsum von 0 auf unter 15 g/Tag (mild) steigerten, auf 1,03 (1,00-1,06 im 95%-Konfidenzintervall [KI]).
  • Bei solchen, die ihren Alkoholkonsum von 0 auf 15 bis 30 g/Tag (moderat) steigerten, erhöhte sich die aHR auf 1,10 (1,02-1,18 im 95%-KI) und
  • bei denen, die von 0 auf über 30 g/Tag (heavy) steigerten, auf 1,34 (1,23-1,45 im 95%-KI).

Die adjustierte Hazard Ratio für alle Krebsarten erhöhte sich lediglich bei denen, die von der Abstinenz- in die Heavy-Gruppe wechselten, auf 1,12 (95%-KI: 1,07-1,18).

Bei den Personen, die ihren Alkoholkonsum von mild auf moderat und heavy oder solchen, die von moderat auf heavy steigerten, erhöhten sich die Risiken ähnlich.

Senkung der Risiken lässt auf sich warten

Sank allerdings der Alkoholkonsum, stieg trotzdem zunächst besonders bei denen, die 2011 angegeben hatten, gar keinen Alkohol mehr zu trinken, das Risiko sowohl für alkoholbedingte als auch für alle Krebserkrankungen ebenfalls an.

Diese Tendenz setzte sich allerdings bei denen, die 2 Jahre später, also 2013, immer noch abstinent waren, nicht weiter fort. Bei diesen Personen sanken also die Risiken für alkoholbedingte und alle Krebsarten in Richtung von denen, die von Beginn der Dokumentation an Abstinenzler waren.

„Dass sich die Studie auf Selbstberichte verlassen muss, ist zwar bei Beobachtungsstudien dieser Art üblich, nichtsdestotrotz ist – insbesondere bei Frauen – davon auszugehen, dass der Alkoholkonsum tatsächlich höher ist, als er in den Gesundheits-Check-ups von den Teilnehmenden angegeben wurde,“ wirft Mons ein. „Dies dürfte tendenziell eher zu einer Unterschätzung der Zusammenhänge geführt haben.“

Daten aus Korea und Europa weisen in gleiche Richtung

In ihrem Editorial loben Dr. Neal E. Friedman und Dr.Christian C. Abnet, Medical Cancer Institute, Rockville, USA, ebenfalls die Größe und statistische Aussagekraft der Studie 2. Sie bemängeln allerdings die fehlende medizinische Historie der Teilnehmer und weisen auf eine in Südostasien weitverbreitete Aldehyd-Dehydrogenase-Variante hin, die sowohl den Alkoholabbau als auch das Krebsrisiko beeinflusst.

„Dass sich trotz der kurzen Beobachtungszeit signifikante Zusammenhänge zeigen, die angesichts der pathophysiologischen Wirkmechanismen auch zu erwarten gewesen wären, könnte auch an der asiatischen Studienpopulation liegen“, bestätigt Mons. „In der koreanischen Bevölkerung sind genetische Varianten verbreitet, die sowohl das Risiko für Alkoholmissbrauch als auch das Krebsrisiko erhöhen, weshalb die Population insgesamt für die schädlichen Folgen des Alkoholkonsums vulnerabler sein könnte als vergleichbare europäische Populationen.“

Sie betont: „Nichtsdestotrotz wären aber auch für europäische Populationen grundsätzlich ähnliche Zusammenhänge der Krebsrisiken mit Veränderungen im Alkoholkonsum zu erwarten, da ungeachtet möglicher Unterschiede in der genetisch mitbeeinflussten Vulnerabilität generell eine Kanzerogenität von Alkohol nachgewiesen ist.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

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