04. Februar 2021

Krebszellen bei der Geburt übertragen

Zwei Kinder in Japan erkranken an Lungenkrebs. Die Mütter beider Kinder waren zum Zeitpunkt der Geburt an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. Während oder kurz vor der Geburt wurden Tumorzellen auf die Babys übertragen. Diese Fallberichte beschreiben eine äußerst seltene Art der Krebsentwicklung.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Seltenheit durch Zufall entdeckt

Bei dem ersten Jungen wurde die Diagnose Lungenkrebs im Alter von 23 Monaten gestellt. Der andere war 6 Jahre alt, als Schmerzen in der Brust auf einen Tumor in der linken Lunge hinweisen. Es stellte sich heraus, dass beide Mütter an Gebärmutterhalskrebs erkrankt waren. Die Diagnose wurde bei der Mutter des ersten Jungen 3 Monate nach der Geburt gestellt, bei der Mutter des zweiten Jungen unmittelbar nach der Geburt.

Bei der DNA-Sequenzierung der Tumoren im Rahmen einer klinischen Studie stießen Dr. Chitose Ogawa, Nationales Krebsforschungszentrum Tokio, auf unerwartete Auffälligkeiten: Die Tumorzellen der Kinder wiesen die gleichen Mutationen wie die Krebszellen der jeweiligen Mutter auf. Zudem war in den Lungentumorzellen kein Y-Chromosom vorhanden. Außerdem fielen Tests auf Humane Papillomviren (HPV) in den Tumorzellen positiv aus, die zur Entstehung von Gebärmutterhalskrebs entscheidend beitragen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass einige Krebszellen der Mutter gegen Ende der Schwangerschaft in das Fruchtwasser gelangt sind oder dass die Übertragung während der vaginalen Geburt stattfand, etwa durch Inhalation der Tumorzellen.

Eine Mutter-Kind-Transmission von Krebszellen ist ein äußerst seltenes Ereignis. Bei etwa einer von 1000 Geburten ist die Mutter an Krebs erkrankt und es wird geschätzt, dass bei 1 von 500.000 derartigen Konstellationen eine Übertragung auf das Kind stattfindet.

Detaillierte Fallbeschreibung des 23-Monate alten Jungen

Die Eltern kommen mit dem Kind in ein örtliches Klinikum, da seit 2 Wochen ein produktiver Husten besteht. Eine Computertomographie zeigt multiple Raumforderungen entlang der Bronchien in beiden Lungenflügeln. Die Lungenbiopsie offenbart einen neuroendokrinen Tumor mit fokaler glandulärer Differenzierung.

Die 35-jährige Mutter, welche nicht gegen HPV geimpft worden ist, hatte 3 Monate nach der Geburt die Diagnose eines Zervixkarzinoms erhalten. Es wurde eine Hysterektomie mit Lymphadenektomie im Becken durchgeführt, gefolgt von 4 Zyklen adjuvanter Chemotherapie.

Nach den Wünschen seiner Eltern wird der Junge weiterhin überwacht, aber nicht medikamentös behandelt. Ein Jahr nach der Diagnose, wachsen die Läsionen weiter an. Im Alter von 3 Jahren kommt er schließlich zur Behandlung in eine Fachklinik.

Histologische Ähnlichkeiten fallen auf

Überraschenderweise haben sich einige Läsionen spontan zurückgebildet. Jedoch sind in der Radiologie weiterhin mehrere Bereiche mit Tumormassen entlang der Bronchien zu erkennen.

Der junge Patient erhält die folgende Therapie:

  • 5 Zyklen (28 Tage) Chemotherapie mit Cisplatin (60 mg/m² Körperoberfläche) und Irinotecan (60 mg/m²)
  • anschließend 2 Zyklen (28 Tge) Carboplatin (400 mg/m²) und Etoposid (100 mg/m²)

Manche der Tumoren bilden sich zurück, andere wachsen weiter. Bei der Mutter kommt es in den 3 Jahren nach der Krebstherapie zu Metastasen in Lunge, Leber und Knochen. Eine histologische Analyse der Lungenmetastase zeigt ein schlecht differenziertes Karzinom mit neuroendokrinen Eigenschaften.

Ein erneuter Blick auf das bei der Hysterektomie entnommene Tumorgewebe offenbart, dass es sich um ein Plattenepithelkarzinom mit neuroendokriner Differenzierung handelte, gemischt mit einer kleineren Komponente eines Adenokarzinoms. Histologisch ähnelt der Tumor der Lungenmetastase, aber auch deutlich dem Tumor ihres Sohnes.

Next-Generation-Sequenzierung bringt Ergebnis

Es folgen genetische Analysen der Tumoren von Mutter und Kind. Die Ärzte schließen aus den Ergebnissen, dass eine Übertragung der mütterlichen Krebszellen auf das Kind stattgefunden haben muss. In beiden Tumoren finden sich die gleichen pathogenen Mutationen: KRAS (c.G38A:p.G13D) und TP53, sowie 20 weitere somatische Mutationen.

Außerdem finden sich 47 Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs), welche im Tumor der Mutter und des Kindes auftreten, jedoch nicht in der Keimbahn des Kindes. Eine Fluoreszenz in situ-Hybridisierung zeigte, dass die Tumorzellen des Jungen kein Y-Chromosom besitzen. Mittels PCR wird in beiden Tumorproben HPV 18 nachgewiesen.

Einschluss in klinische Studien

Da die Krebserkrankung trotz zweier Chemotherapie-Behandlungen weiter fortschreitet, wird der Junge in eine klinische Studie mit einer Nivolumab-Therapie aufgenommen. Nach 4 Zyklen (3 mg/kg, alle 2 Wochen) zeigten sich im CT deutliche Abnahmen aller Läsionen.

Nach 14 Zyklen treten in den folgenden 7 Monaten keine neuen Läsionen auf. Die Ärzte führen eine Lobektomie durch, pathologisch sind keine Krebszellen mehr erkennbar. Auch in den folgenden 12 Monaten tritt der Tumor nicht mehr auf.

Auch die Mutter wird im Rahmen einer Phase-2-Studie mit Nivolumab behandelt (240 mg, alle 2 Wochen). Traurigerweise kommt es trotz 4 Zyklen zur Tumorporgression und die Frau verstirbt 5 Monate nach Therapiebeginn.

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  1. Arakawa A et al. Vaginal Transmission of Cancer from Mothers with Cervical Cancer to Infants. New England Journal of Medicine 2021; 384: 42-50.

Bildquelle: © Getty Images/FatCamera (Symbolbild mit Modell)

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