05. Mai 2020

DKK 2020

Traditionelle Chinesische Medizin: Wirkung ohne Evidenz?

Seit über 2000 Jahren hat sich die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) entwickelt, wurde aber erst seit den 1950er Jahren im Westen bekannt. In den vergangenen Jahren ist die Zahl wissenschaftlicher Publikationen zur TCM stark angestiegen, doch sind die Analysen teilweise kritikwürdig.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag und Interview auf dem 34. Deutschen Krebskongress.1,2 Redaktion: Christoph Renninger

Kostengünstige Medizin für ein riesiges Land

Nach Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 bestand die Herausforderung, die Landbevölkerung mit begrenzten Mitteln auch in entlegenen Regionen medizinisch zu versorgen. Daher erlebte die weitverbreitete traditionelle Heilkunst eine Renaissance und neue Hochschulen für TCM wurden gegründet.

Im westlichen Kulturkreis nahm in Folge das Interesse an den Methoden zu. Seit dem Jahr 2000 gibt es einen enormen Anstieg an wissenschaftlichen Publikationen zur TCM, vorrangig von Ärzten und Wissenschaftlern aus China.

Der zentrale Aspekt der TCM ist das Qi (Energie, Atem, Fluidum oder Kraft), welches durch ein Leitbahnengeflecht pulsiert, die sogenannten Meridiane. Weitere Prinzipien sind die Wechselwirkung von Yin und Yang, die 5 Elemente (Feuer, Wasser, Luft, Erde und Holz) und die Jahreszeiten.1 Die 5 Hauptmethoden der TCM sind:

  • Akupunktur, Akupressur und Moxibustion
  • Arzneimitteltherapie (Heilkräutermischung etc.)
  • Bewegungsübungen (Qigong, Taijiquan)
  • Diätetik
  • Massage (Tuina)

TCM auch bei Krebserkrankungen?

TCM-Methoden sind bislang kaum in Leitlinien vorhanden, in der Onkologie nur komplementär. Zur Behandlung von Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen bei Brustkrebspatientinnen können Akupunktur, Akupressur, Ingwer oder Entspannungsübungen zusammen mit Antiemetika in Betracht gezogen werden.3

In der Gynäkologie, Orthopädie oder Schmerztherapie werden Methoden wie Akupunktur oder Moxibustion häufiger angewendet. Wie viel dabei auf einen Placebo-Effekt zurückgeführt werden kann, ist offen. So zeigte die gerac-Studie eine Schmerzreduktion bei Osteoarthritis, jedoch unabhängig davon, ob die Nadeln an den traditionellen Punkten oder willkürlich angebracht wurden.4

In 20 von Prof. Münstedt ausgewerteten Meta-Analysen, die allesamt aus China stammen, wird der TCM ein positives Ergebnis als komplementäre Krebstherapie bescheinigt, in einem Fall sogar als Alternativmedizin. Allerdings so Prof. Dr. Karsten Münstedt, Offenburg, sollten die Aussagen genauer betrachtet werden.

So stimmten in manchen Fällen die einzelnen Ergebnisse nicht mit der Aussage im Fazit überein. In einem Fall war die Lebensqualität unter TCM-Begleittherapie sogar schlechter als in der Kontrollgruppe.5 Außerdem sind manche der zitierten Studien nicht über die gängigen Suchmaschinen auffindbar. Möglicherweise besteht jedoch eine Sprachbarriere.

Sind Meta-Analysen der Goldstandard?

Dem Problem mancher Meta-Analysen, die oftmals als höchster wissenschaftlicher Standard angesehen werden, hat sich Prof. Münstedt in einer eigenen Arbeit gewidmet, nachdem ein Leserbrief an den Herausgeber der Fachzeitschrift Supportive Care in Cancer und den Autor einer Analyse ohne Erfolg geblieben waren.6 Insgesamt analysierte er 6 Meta-Analysen, die sich mit der Wirkung von Honig bei oraler Mukositis durch eine Strahlentherapie auseinandersetzen.7-12

Dabei fiel auf, dass neben korrekt eingeschlossenen Studien auch Studien miteinbezogen wurden, die nicht den Einschlusskriterien entsprachen. Häufig war die untersuchte Substanz nicht Honig, sondern ein anderes Präparat (z.B. ätherische Öle, Eiswürfel mit Honiggeschmack oder 1:20 Honiglösung). In anderen Fällen hatten die Patienten keine Strahlentherapie erhalten.

Umgekehrt wurden Studien übersehen, welche aufgrund ihres Designs für die Meta-Analysen in Betracht gezogen werden hätten müssen. Beispielhaft entsprachen in einer Meta-Analyse lediglich 6 der 19 eingeschlossenen Studien den Kriterien, was deren Aussagekraft in Zweifel zieht. Auch das Peer Review ist keine Garantie für eine valide Publikation.

Prof. Dr. Karsten Münstedt ist Chefarzt an der Frauenklinik am Ortenau Klinikum in Offenburg. Zu seinen Schwerpunkten zählen gynäkologische Onkologie und operative Gynäkologie. Außerdem setzt er sich schon lange mit komplementärer und alternativer Medizin auseinander.

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  1. Münstedt K. Der fernöstliche Diwan und die TCM – same procedure as every century? Vortrag auf dem 34. Deutschen Krebskongress in Berlin, 19.02.2020
  2. coliquio-Interview mit Prof. Dr. Karsten Münstedt, 19.02.2020
  3. Greenlee H et al. Clinical practice guidelines on the evidence-based use of integrative therapies during and after breast cancer treatment. CA Cancer J Clin. 2017; 67(3): 194-232.
  4. Scharf HP et al. Acupuncture and Knee Osteoarthritis: A Three-Armed Randomized Trial. Ann Intern Med 2006; 145 (1): 12-20.
  5. Tao W et al. Practice of traditional Chinese medicine for psycho-behavioral intervention improves quality of life in cancer patients: A systematic review and meta-analysis. Oncotarget 2015; 6: 39725-39739.
  6. Münstedt K & Männle H. What is wrong with the meta-analyses on honey and oral mucositis due to cancer therapies? Complementary Therapies in Medicine 2020; 49: 102286.
  7. Liu TM et al. Prophylactic and therapeutic effects of honey on radiochemotherapy-induced mucositis: a meta-analysis of randomized controlled trials. Support Care Cancer2019; 27(7): 2361-2370.
  8. Yang C et al. Topical application of honey in the management of chemo/radiotherapy-induced oral mucositis: A systematic review and network meta-analysis. Int J Nurs Stud 2019; 89: 80-87.
  9. Xu JL et al. Effects of honey use on the management of radio/chemotherapy-induced mucositis: a meta-analysis of randomized controlled trials. Int J Oral Maxillofac Surg. 2016; 45(12): 1618-1625.
  10. Co JL et al. Effectiveness of honey on radiation-induced oral mucositis, time to mucositis, weight loss, and treatment interruptions among patients with head and neck malignancies: A meta-analysis and systematic review of literature. Head Neck 2016; 38(7): 1119-1128.
  11. Cho HK et al. Effects of honey on oral mucositis in patients with head and neck cancer: A meta-analysis. Laryngoscope 2015; 125(9): 2085-2092.
  12. Song JJ et al. Systematic review and meta-analysis on the use of honey to protect from the effects of radiation-induced oral mucositis. Adv Skin Wound Care 2012; 25(1): 23-28.

Bildquellen: © Getty Images/4X-Image, © Karsten Münstedt

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