25. Juli 2019

Streit um Misteltherapie

Ein Review hat eine hitzige Debatte um die Misteltherapie und ihren Nutzen für Krebstherapie ausgelöst. Kritik kommt insbesondere von anthroposophischen Ärzten. Den Vorwurf methodischer Mängel weisen die Autoren jedoch zurück.

Lesedauer: 3 Minuten

Die Diskussion fasst Christoph Renninger für Sie zusammen.

Misteltherapie vor allem in Mitteleuropa beliebt

Insbesondere im deutschsprachigen Raum gehört die Misteltherapie zu den bei Krebsbehandlungen am häufigsten angewendeten komplementären Verfahren, insbesondere bei Brustkrebspatientinnen sind die entsprechenden Präparate beliebt. Allerdings sind die meisten Mittel nur aufgrund von Ausnahmeregelungen für anthroposophische Medizin zugelassen und nicht auf Grundlage klinischer Studien. In den USA gibt es beispielsweise keine Zulassung der Präparate und sie werden nur in Studien eingesetzt.

Die ursprüngliche Vorstellung der Wirkung beruht auf dem Prinzip „Gleiches mit Gleichem“: die Mistel als parasitische Pflanze bekämpft den Krebs als Parasiten des menschlichen Körpers. Neuere Forschung fokussiert sich auf die in den Präparaten enthaltenen Lektine und Viscotoxine, welche das Immunsystem stimulieren können. Jedoch liegen hierzu nur präklinische Studien vor.1

Review: Misteltherapie ohne Wirkung

Forscher der Universität Jena um Prof. Dr. Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie, führten eine systematische Literaturrecherche durch, um einen Überblick über die Evidenz zu erhalten. Dabei identifizierten sie 28 Publikationen zu randomisierten, kontrollierten Studien, die mit Hinblick auf das Überleben der Krebspatienten und deren Lebensqualität ausgewertet wurden. Aufgrund der Heterogenität der Daten (Krebsarten war eine Metaanalyse nicht möglich.2,3

Der Effekt auf das Überleben der Studienteilnehmer, die fast immer die Misteltherapie zusätzlich zur konventionellen Behandlung (Chemotherapie, Operation, Radiotherapie) erhalten hatten, war nur marginal und in Studien mit hoher Qualität nicht vorhanden. Auch auf die Lebensqualität hatte die Misteltherapie in methodisch hochwertigen Studien keinen oder nur einen geringen Einfluss.

Den Autoren zufolge gab es zahlreiche Mängel an der Studienqualität:

  • mögliche Verzerrung durch einseitiges Berichten,
  • mögliche Interessenskonflikte durch Sponsoring durch Herstellerfirmen oder anthroposophische Gesellschaften,
  • kleine Patientenzahlen,
  • keine Verblindung,
  • viele Studien von wenigen Arbeitsgruppen.

In ihrem Fazit fällen die Autoren ein klares Urteil und sprechen der Misteltherapie jeglichen Nutzen für das Überleben oder die Lebensqualität von Krebspatienten ab. Auch die Daten zur Verminderung der Nebenwirkungen einer Chemotherapie reichten nicht aus, um eine Anwendung zu empfehlen, so die Wissenschaftler.

Leserbrief: Korrektur oder Rückzug

In einem Brief an die Herausgeber der Fachzeitschrift Journal of Cancer Research and Clinical Oncology, in der die Review-Artikel publiziert worden sind, üben mehrere Ärzte um den Gastroenterologen Prof. Dr. Harald Matthes, Berlin, Kritik an den Aussagen, die Schlußfolgerungen seien auf Basis der Daten nicht gerechtfertigt.4

Matthes et al. bemängeln, dass keine Metaanalyse durchgeführt wurde, um die Fragen zur Wirksamkeit zu beantworten. In einer Metaanalyse von 2009 hatte es eine Assoziation mit besserem Überleben gegeben.5 Zudem sei das Verzerrungspotenzial fehlerhaft bestimmt worden und entspreche nicht den Richtlininen des Cochrane-Handbuchs.6

Drei Studien aus den 1980er und 1990er-Jahren seien nicht berücksichtigt worden, obwohl eine Überlebenszeitverlängerung durch die Misteltherapie gezeigt werden konnte. Die Kritiker, teilweise Mitglieder der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland, fordern die Review-Autoren dazu auf, die Arbeit zu korrigieren oder zurückzuziehen.

Replik auf Kritik und weitere Experten

Prof. Hübner weist die Kritik als unbegründet zurück und betont, dass es eine bewusste Entscheidung gegen eine Metaanalyse gewesen sei, da es sich um hochgrad heterogene Daten aus Studien mit hohem Verzerrungspotential gehandelt habe. Eine Zusammenfassung sei daher weder inhaltlich noch methodisch sinnvoll.7 Auch die Autoren eines Cochrane-Reviews im Jahr 2008 hatten sich aus denselben Gründen gegen eine Metaanalyse entschieden.8 Die Metaanalyse von Horneber et al. sei laut Hübner von fraglicher Qualität, da nicht nur randomisierte, kontrollierte Studien berücksichtigt wurden, sondern auch andere Studienarten.

Aktueller ist die Zusammenfassung des CAM-Cancer Consortiums, die im Jahr 2015 ebenfalls zu dem Schluß gekommen sind, dass aufgrund methodischer Mängel vieler Studien zur Misteltherapie keine eindeutige Empfehlung möglich sei.9

  1. Misteltherapie bei Krebs. Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
  2. Freuding M et al. Mistletoe in oncological treatment: a systematic review : Part 1: survival and safety. J Cancer Res Clin Oncol 2019;145(3):695-707.
  3. Freuding M et al. Mistletoe in oncological treatment: a systematic review : Part 2: quality of life and toxicity of cancer treatment. J Cancer Res Clin Oncol 2019; 145(3): 927-939.
  4. Matthes H et al. Letter to the editors of the Journal of Cancer Research and Clinical Oncology. J Cancer Res Clin Oncol 2019; 1-3.
  5. Ostermann T et al. Survival of cancer patients treated with mistletoe extract (Iscador): a systematic literature review. BMC Cancer 2009; 9: 451.
  6. Higgins JPT et al. The Cochrane Collaboration’s tool for assessing risk of bias in randomised trials. BMJ 2011; 343: d5928.
  7. Mende A. Misteltherapie: Der Streit geht weiter. Pharmazeutische Zeitung, 04.07.2019
  8. Horneber M et al. Mistletoe therapy in oncology. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008; 2: CD003297
  9. Wuesthof M et al. Mistletoe (Viscum album). Complementary and Alternative Medicine for Cancer. Januar 2015

Bildquelle: © Getty Images/Santje09

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