08. April 2021

Komplementäre Angebote für Krebspatienten: Was hilft?

Eine Chemo- oder Strahlentherapie geht oft mit Nebenwirkungen einher. Komplementäre Therapien können hier unterstützen. Doch welche Methoden sind evidenzbasiert?1,2

Lesedauer: 3 Minuten

Dr. Susanna Kramarz

Ziele der Komplementärtherapie

Neuroprotektion sowie Haut- und Schleimhautschutz sind 2 grundlegende komplementärmedizinische Ziele in der Begleitung von Patientinnen und Patienten während onkologischer Strahlen- und Chemotherapien. Wenn diese 3 Ziele effektiv erreicht werden, sichert das die Compliance und verhindert Therapieabbrüche.

Auf dem frauenärztlichen Fortbildungskongress FOKO 2021 erläuterte Dr. Peter Holzhauer, Chefarzt der Abteilung für Integrative Onkologie der Klinik Bad Trissl, die Standards, die nach aktuellem Studienstand zur supportiv-komplementärmedizinischen Grundausrüstung bei der Begleitung onkologischer Patientinnen und Patienten gehören sollten.

Häufiges Problem bei Chemotherapie

Neurotoxizität – nicht zu verwechseln mit dem Hand-Fuß-Syndrom – ist ein verbreitetes Problem in der Folge vieler Chemotherapien. „Unsere Möglichkeiten sind hier begrenzt“, stellte Holzhauer fest. „Hochdosiertes Vitamin B, so wie man es auch bei der diabetischen Neuropathie einsetzen kann, hat zwar auch in der Onkologie eigentlich ein akzeptables Evidenzniveau.

Aber die Effekte, die wir bei den Patienten in der Realität sehen, sind nicht überzeugend.“ Erfolgversprechend seien stattdessen, so der Komplementärmediziner, vor allem Methoden, die die toxisch-entzündlichen Prozesse am Neuron modulieren.

Topische Cannabinoide stabilisieren die geschädigten Neuronen

Eine innovative Option seien hier Cannabinoide, wie z.B. Beta-Caryophyllen aus ätherischem Hanföl, das topisch oder systemisch appliziert werden kann, oder auch N-Palmitoylethanolamin (PEA), ein Endocannabinoid mit u.a. antioxidativer Wirkung, sowie das synthetische Cannabinoid-Analogon Adelmidrol. Beide sind sowohl zur topischen als auch systemischen Anwendung geeignet.

„Cannabinoide hemmen die Degranulation in den nervennahen Mastzellen, was zu einer Membran-Stabilisierung in den Neuronen und zu einer Schmerz-Desensibilisierung führt“, erklärte Holzhauer. „Für einen Schutz vor neurotoxischen Schäden und die Regeneration bereits hyperreagibler sensibler Nerven ist dies ein innovativer kausaler Ansatz.“

L-Carnitin stützt Repair-Funktionen

Auch das L-Carnitin sieht Holzhauer weiterhin als bewährtes und potentes Neuroprotektivum an, obwohl die Studienlage eher gemischt sei: „Wir kombinieren zu den Cannabinoiden L-Carnitin hinzu, weil das Oligopeptid zu einem Anstieg des Nerve-Growth-Factors führt und die Repair-Funktionen nach einer Nervenschädigung unterstützt. L-Carnitin zusammen mit topischen Cannabinoiden führt zu einer deutlichen Stabilisierung der neuronalen Situation und verringert die Neurotoxizität vieler Chemotherapien.“ 

Laut Holzhauer sind deren Erfahrungen sehr gut. „Aber die Studien zum L-Carnitin sind leider noch nicht so weit, dass man von einem evidenzbasierten Konzept sprechen könnte. Bislang ist das deshalb noch gelebte Erfahrungsmedizin“, gab der Internist zu.

Sepsis-Patienten auf der Intensivstation

Mit Blick auf die Haut- und Schleimhauttoxizität onkologischer Strategien – sowohl bei Strahlentherapien als auch bei systemischen Konzepten – sieht Holzhauer Vitamin D und Selen als wichtige Optionen an. Krebspatientinnen und -patienten würden bereits vor Beginn der Therapien – wahrscheinlich krankheitsbedingt – häufig defizitäre Blutspiegel von Vitamin D und Selen aufweisen.

Im Verlauf der Behandlung sehen wir teilweise katastrophale Vitamin-D-Situationen und eine desolate Selen-Versorgung, vergleichbar mit Sepsis-Patienten auf einer Intensivstation. Dr. Peter Holzhauer

Organische Selenverbindungen für Einsatz in Onkologie ungeeignet

Während der gesamten Therapiedauer und auch später in der Nachsorgesituation sollte deshalb die Versorgung mit Vitamin D und Selen gesichert werden. Dazu Holzhauer: „Wir sprechen hier immer nur von anorganischem Selen, am besten als Natriumselenit. Alle organischen Selenverbindungen, vor allem das häufig verwendete und in der Apotheke frei verkäufliche Selen-Methionin, sind schlecht bioverfügbar, können im ungünstigsten Fall akkumulieren und selbst toxische Effekte hervorrufen.“

Eine der wichtigsten Aufgaben des Selenits sei die Rolle beim Prozess der DNA-Reparatur von gesunden Zellen, u.a. über eine Interaktion mit dem Tumorsuppressorgen p53. Liegt in einer gesunden, aber von einer Schädigung bedrohte Zelle der intakte p53-Wildtyp vor, können sowohl DNA-Reparatur als auch die Induktion der Apoptose ungestört ablaufen. Dieser Prozess brauche Selen. Die Zellen werden dadurch, abhängig von einer ausreichenden Selen-Versorgung, vor Noxen geschützt.

Dieser Beitrag ist im Original erschienen bei Medscape.

  1. Komplementärmedizin: Schutz vor Neuropathien, Haut- und Schleimhautschäden bei onkologischer Therapie sichert Compliance; Medscape; 06.04.2021.
  2. FOKO 2021 online, 3. bis 6. März 2021. 7. Hauptthema, Onkologie: Peter Holzhauer „Komplementärmedizin in der gynäkologischen Onkologie“

Bildquelle: © gettyImages/Mark Kostich

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