29. Oktober 2020

Stellungnahme

Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie auf die Versorgung neuroonkologischer Patienten

Die Pandemie des Corona-Virus-SARS-CoV-2, Covid-19 hat Auswirkungen auf alle Bereiche der Medizin und betrifft direkt und indirekt auch die Versorgung neurologischer Patienten in Deutschland. Allerdings wurde und wird hierdurch nach Kenntnis der Kommission Neuroonkologie der DGN das Angebot einer angemessenen Versorgung und Behandlung von Patienten mit neuroonkologischen Erkrankungen grundsätzlich nicht eingeschränkt. Allerdings nimmt ein Teil der betroffenen Patienten aus Sorge vor Ansteckung im Krankenhaus oder in der Praxis nicht oder nur zeitverzögert das Angebot der fachspezifischen Betreuung inklusive der empfohlenen Verlaufskontrollen wahr.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Die Kommission gibt hierzu auf der Basis des verfügbaren Wissens folgende Hinweise:

  1. Patienten mit Gehirntumoren gehören unter Umständen zur Gruppe mit einem erhöhten Risiko, eine Infektion zu erleiden und schwer an Covid-19 zu erkranken. Dies gilt möglicherweise insbesondere für Patienten, die unter einer laufenden Chemotherapie einen Abfall von Leukozyten und Lymphozyten aufweisen und für weitere Patienten mit einer langdauernden Unterdrückung des Immunsystems: Dies sind in der Neuroonkologie oft Patienten mit kontinuierlicher Gabe eines Cortisonpräparates, z.B. Dexamethason. Darüber hinaus zeigen Patienten mit aktiver hämatoonkologischer Erkrankung im Vergleich zu sonst gesunden Personen mit Covid-19 Infektion zwar eine schlechtere Prognose, wobei die erhöhte Sterblichkeit aber offenbar v.a. durch hohes Alter und Komorbidität verursacht ist. Publizierte Daten zu diesen Risiken speziell für Hirntumorpatienten liegen nicht vor.
  2. Hirntumorpatienten nach abgeschlossener tumorspezifischer Therapie, deren Erkrankung kontrolliert ist und deren Immunsystem durch die unter 1. aufgeführten Einschränkungen nicht geschwächt ist, haben nach jetzigem Kenntnisstand und nach den Erfahrungen der vergangenen Monate kein erhöhtes Risiko. Auch für sie gilt allerdings wie für alle anderen Personen, dass die empfohlenen Schutzmaßnahmen der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung und des Bundesministeriums für Gesundheit eingehalten werden müssen.
  3. Die Pandemie mit Covid-19 stellt auch das deutsche Gesundheitssystem vor Herausforderungen, die in den vergangenen Monaten gemeistert wurden. Die Auswirkungen der jetzt erneut ansteigenden Infektionsraten sind naturgemäß noch nicht absehbar. In neurologischen Kliniken wurden bis zum Sommer deutschlandweit „elektive“ stationäre neurologische Aufnahmen und Therapien zurückgestellt, sofern dies vertretbar war. Ob dies in den kommenden Monaten erneut erforderlich werden wird, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht abgeschätzt werden. In jedem Fall galt und gilt dies explizit nicht für neurologische Notfälle und für dringende Therapien, die bei Tumorerkrankungen erforderlich sind, um Heilungschancen nicht zu gefährden. An keinem Neurologischen Zentrum, welches Gehirntumorpatienten ambulant oder stationär mit Chemotherapien oder anderen Systemtherapien behandelt, wurden oder werden derzeit solche Behandlungen aufgeschoben, wenn sie unmittelbar erforderlich sind. Insofern haben Patienten mit Gehirntumoren auch weiterhin uneingeschränkt Zugang zur notwendigen medizinischen Versorgung. Es gibt jedoch auch bei Gehirntumoren Erkrankungssituationen, in denen kein schnelles Handeln erforderlich ist. In wieder anderen Fällen muss die Behandlung aufgrund einer besonderen Infektionsgefährdung von Patienten individuell angepasst werden. Pauschale Empfehlungen lassen sich daher nicht geben.
  4. An vielen Kliniken sind geeignete, von Haus zu Haus unterschiedliche Maßnahmen zum Screening von ambulanten und stationären Patienten eingerichtet, die das Risiko einer vorliegenden Covid-19 Infektion kategorisieren. Schwerkranke Patienten aus allen Fachbereichen haben dennoch uneingeschränkt Zugang zur stationären Krankenhausversorgung, ggf. unter Einhaltung der besonderen Hygiene- und Isolationsmaßnahmen bei positivem Covid-19 Nachweis oder bei Covid-19 Verdacht. Sofern möglich, wird eine telefonische „Prä-Triage“ durch den behandelnden Arzt zur Kategorisierung des Risikos vor Praxis- oder Krankenhausbesuch empfohlen.
  5. Bei den meisten, akut an Hirntumoren erkrankten Patienten steht der Nutzen einer sinnvollen und geplanten Krebstherapie über dem Risiko einer möglichen Infektion mit Covid-19. Bei Patienten mit chronischer und gut beherrschter Krebskrankheit kann individuell über eine Therapieverschiebung entschieden werden. Dies erfolgt in der individuellen Risikoabschätzung des einzelnen Patienten durch den betreuenden Neuroonkologen.
  6. Auch die erforderliche Diagnostik im Rahmen der Tumornachsorge, z.B. die regelmäßige MR-tomographische oder computertomographische bildgebende Diagnostik nach abgeschlossener Therapie in regelmäßigen, von den Fachgesellschaften in Leitlinien empfohlenen Intervallen soll durch die Corona-Pandemie nicht eingeschränkt werden. Unter den bestehenden verschärften Hygienemaßnahmen sind diese Kontrollen grundsätzlich in den empfohlenen Intervallen fortzusetzen. Persönliche Arztkontakte können dabei allerdings häufig durch Telefonate oder telemedizinische Kontakte ersetzt werden.
  7. Patienten mit typischen Komplikationen einer Hirntumorerkrankung, z.B. mit großen epileptischen Anfällen, Hirndrucksteigerung und anderen akut stationär therapiebedürftigen Komplikationen haben weiterhin uneingeschränkt Zugang zur stationären neurologischen Versorgung.

Zusammenfassend gehört das deutsche Gesundheitssystem zu den am besten gerüsteten Gesundheitssystemen auf der Welt auch in der Corona-Krise, so dass eine angemessene Versorgung neuroonkologischer Patienten auch in diesen Zeiten sichergestellt ist.

  1. Stellungnahme: Auswirkungen der SARS-CoV-2-Pandemie auf die Versorgung neuroonkologischer Patienten; Deutsche Gesellschaft für Neurologie; 22.10.2020.

Bildquelle: © gettyImages/KatarzynaBialasiewicz

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