Atemnot und Bewusstseinsverlust nach Misteltherapie
Komplementärmedizinische Therapien sind bei Tumorpatienten recht beliebt. Dies gilt vor allem für die Misteltherapie. Meist wird diese gut vertragen – aber nicht immer, wie der folgende Fallbericht zeigt.
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Autor: Dr. med. Thomas Kron | Redaktion: Marc Fröhling
Krebspatientinnen und -patienten sollten auch über seltene, jedoch schwerwiegende allergische Reaktionen einer Misteltherapie aufgeklärt werden. So lautet ein Rat, den Privatdozent Dr. med. Daniel Kaemmerer und Professor Dr. med. Merten Hommann von der Zentralklinik Bad Berka aufgrund ihrer Erfahrung mit einem 50-jährigen Patienten erteilen. Die Krankengeschichte des Mannes schildern die beiden Chirurgen in einem aktuellen Zeitschriftenbeitrag.
Der Patient und seine Geschichte
Bei einem Mann wurde eine diffus in die Leber metastasierte neuroendokrine Neoplasie des terminalen Ileums diagnostiziert. Die Autoren berichten weiter, dass der Patient außerdem Symptome eines Karzinoidsyndroms (Flushes, sporadisch Durchfälle und Bronchospastik) entwickelt habe. Nach erfolgter operativer Therapie wurde (11/2020 )sei eine Somatostatinanalogatherapie begonnen worden.
Lokalreaktionen nach Mistelinjektionstherapie
Der Patient habe zudem eigenständig eine komplementärmedizinische Tumortherapie begonnen - und zwar eine Mistelinjektionstherapie (Abnobaviscum acer D20) 2 × wöchentlich 0,2 mg subkutan; 05/2023). Nach sechs Wochen habe er über mehrere Lokalreaktionen unterhalb der Injektionsstellen mit jeweils einer stark juckenden „haselnussgroßen“ Verhärtung geklagt. Daraufhin sei ihm empfohlen worden, die Misteldosis auf 0,1 mg zu halbieren und die Therapie fort- zusetzen. Der Lokalbefund habe sich allerdings nicht verbessert; die behandelnde Ärztin habe daher eine weitere Dosisreduktion auf 2 × 0,02 mg s.c. rezeptiert.
Anaphylaktischer Schock nach Dosiserhöhung
Daraufhin sei der Lokalbefund subjektiv besser geworden, so dass der Mann die Dosis bis auf 2 mg 2 × wöchentlich s.c. gesteigert habe (09/2023). 30 Minuten nach Injektion der hohen Dosis habe er ein zunehmendes Wärmegefühl, Kribbeln, Übelkeit und Unwohlsein verspürt, außerdem Atemnot und Stuhldrang. Beim Gang zum WC seien zusätzlich Sehstörungen und Schwindel aufgetreten, schließlich sei der Mann bewusstlos geworden. Der von der Ehefrau verständigte Notarzt habe ihn mit der Diagnose eines anaphylaktischen Schocks in das nächste Krankenhaus eingewiesen.
Nach stationärer Diagnostik - mit Ausschluss eines kardiopulmonalen Ereignisses - sowie erfolgreicher Behandlung habe der Mann am zweiten Tag das Krankenhaus verlassen können.
Diskussion
Die Misteltherapie erreiche nun auch als supportive Therapie im Rahmen der S3-Leitlinie eine stetig wachsende Zahl von Krebs-Patienten, so dass seltene, jedoch ernste bis lebensbedrohliche Nebenwirkungen den Therapeuten bekannt sein sollten, betonen die beiden Chirurgen. Die Patienten sollten auch über diese seltenen möglichen Komplikationen aufgeklärt werden. Und: „Der hepatoprotektive Effekt aus dem Tiermodell scheint sich in den humanen Anwendungen nicht widerzuspiegeln, sod ass bei Patienten mit diffuser Lebermetastasierung dieses additive Risiko zusätzlich bedacht werden sollte.“ Zu beachten sei außerdem, dass ein Karzinoidsyndrom (rezidivierende Flushes, Diarrhöen, asthmatische Beschwerden) einer neuroendokrinen Neoplasie die anfänglich ähnliche Symptomatik einer beginnenden Anaphylaxie maskieren könne.
Die Misteltherapie ist eine der mehreren komplementärmedizinischen Therapien für Krebs-Patienten, die in der kürzlich aktualisierten S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patienten aufgeführt ist.
Misteln bezeichnen, wie die Autoren der Leitlinie erklären, Pflanzen, die als Hemiparasiten auf verschiedenen Laub- und Nadelbäumen in Europa, Asien und Nordafrika verbreitet sind. Die Misteltherapie sei im Rahmen der anthroposophischen Medizin eingeführt worden. Im deutschsprachigen Raum gehöre sie zu den am häufigsten angewendeten Methoden der komplementären und alternativen Medizin in der Onkologie. Mistelextrakte und ihre Inhaltsstoffe, vor allem Lektine und Viscotoxine, sollen das Immunsystem bei der körpereigenen Tumorabwehr unterstützen. In Deutschland gibt es ein Angebot unterschiedlich gewonnener Mistelextrakte von verschiedenen Herstellern. Die Zusammensetzung der Extrakte variiere je nach Wirtsbaum und Extraktionsverfahren, heißt es in der Leitlinie weiter.
Die häufigsten unerwünschten Ereignisse der Misteltherapie seien Hautreaktionen an der Injektionsstelle (Pruritus, Urticaria, Rötung ø ≤ 5 cm). Schwere unerwünschte Ereignisse seien selten. In mehreren großen Übersichtsarbeiten seien keine schwerwiegenden, unerwünschten Ereignisse beim Einsatz von Mistelpräparaten bei Krebs-Patienten beschrieben worden. In einer Übersichtsarbeit liege die Rate schwerer unerwünschter Ereignisse der Misteltherapie < 1 Prozent. Bisher gebe es keine Hinweise auf eine erhöhte Rate schwerer unerwünschter Ereignisse bei gleichzeitigem Einsatz von Immuncheckpoint-Inhibitoren.
Als sehr seltene Nebenwirkungen sind laut der Leitlinie beschrieben: Hypersensitivitäts- und anaphylaktische Reaktionen, Verstärkung von Autoimmunreaktionen und ein lokales Lymphominfiltrat an der Injektionsstelle.
Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.
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