20. April 2021

Journal Club

Mikrobiom, Stuhltransplantation & Stammzellen

Ein aktueller Review-Artikel diskutiert die klinische Rolle des Darm-Mikrobioms und von Tranplantationen fäkaler Mikrobiotika im Zusammenhang mit allogenen Stammzelltransplantationen.1 Eine Experteneinschätzung.

Lesedauer: 2 Minuten

Kommentar zum Review

Prof. Dr. Hans-Günther Mergenthaler: Im Rahmen der sich aktuell entwickelnden “Precision Medicine” werden für neue Therapien die Zusammenhänge zwischen der Genetik, der Umwelt und weiteren individuellen Faktoren, wie beispielsweise der Besiedlung des Darms mit unterschiedlichen Bakterien, untersucht.

Der menschliche Organismus enthält rund 10-Mal so viele Mikroorganismen wie humane Zellen. Über welche Mechanismen Darm-Mikroben den Stoffwechsel ihres Wirts im Detail beeinflussen, ist noch weitgehend unbekannt. Ein aktuell spannendes Feld ist die Rolle der Darmbakterien in der Hämatologie und Onkologie.

Die Ergebnisse der allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation (SCT) haben sich in den letzten zehn Jahren verbessert; dennoch sind Infektionen und die Graft-versus-Host-Disease (GvHD) nach wie vor führende Komplikationen, die wesentlich zur transplantationsbedingten Mortalität beitragen.

Im Rahmen einer SCT scheinen die Diversität und Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota einen Einfluss auf das Infektionsrisiko, die Mortalität und das Gesamtüberleben zu haben. Während die Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dieser Mikrobiota und Transplantat-assoziierten Komplikationen noch nicht vollständig geklärt ist, haben die Erkenntnisse bereits zur Umsetzung verschiedener Interventionen geführt, die darauf abzielen, die Diversität und Zusammensetzung der intestinalen Mikrobiota wiederherzustellen.

Einfluss von Interventionen

Zu diesen Interventionen gehört u. a. die fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT). Das Setting der SCT führt zu einer signifikanten Störung der Darmmikrobiom-Homöostase durch viele Mechanismen wie z. B. Breitbandantibiotika, Ernährungsumstellungen, Schädigung des Darmepithels durch Konditionierungsschemata und Einführung eines Spenderimmunsystems.

Obwohl die Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Mikrobiom und Transplantationskomplikationen nicht eindeutig geklärt ist, werden in vielen laufenden klinischen Studien bereits Interventionen durchgeführt, die darauf abzielen, die Diversität des Mikrobioms zu erhalten und damit potenziell SCTbedingte Komplikationen zu verhindern und GvHD zu behandeln. Zu diesen Interventionen gehören neben Probiotika eine Änderung der Antibiotikaprophylaxe und die fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT).

Die vorliegende Übersichtsarbeit bewertet die derzeit verfügbare Evidenz über den Zusammenhang von Darmmikrobiota und allo-HSCT und analysiert eine mögliche Rolle der FMT bei SCT. Beispielsweise ist FMT bei rezidivierender und refraktärer Clostridium difficile- Infektion zum Behandlungsstandard geworden, weshalb immer mehr Zentren Zugang zu FMT-Programmen erhalten, indem sie entweder ihre eigenen Stuhlbanken einrichten oder FMT von universellen Stuhlbanken erwerben.

Einer der limitierenden Faktoren für eine breitere Anwendung von Stuhlbanken und FMTProgrammen ist allerdings das Fehlen oder die Varianz von regulatorischen Standards.


Prof. Dr. Hans-Günter Mergenthaler
 ist Facharzt für Hämatologie und internistische Onkologie. Er war Professor an der Medizinischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und viele Jahre Ärztlicher Direktor der Klinik für Onkologie am Katharinenhospital in Stuttgart. Seit 2014 ist er in einer Privatpraxis für Internistische Onkologie und Hämatologie niederglassen.

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