24. Juni 2021

Journal Club

RET-He als Marker für Eisenmangel-Anämie

Anämie betrifft 30% der Weltbevölkerung, mit Eisenmangel als wichtigstem Auslöser. Insbesondere tritt sie bei Krebserkrankungen auf. Zur Diagnose kann neben dem Blutbild eine Analyse der Retikulozyten dienen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.1

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Eisenmangel frühzeitig erkennen

Der Hämoglobingehalt in Retikulozyten (Reticulocyte haemoglobin equivalent; RET-He) ist ein wichtiger Parameter bei der Identifizierung von Eisenmangel, besonders wenn traditionelle biochemische Marker nicht informativ genug sind. RET-He misst direkt die Verfügbarkeit von Eisen in hämatopoetischem Gewebe und ist ein wichtiger Indikator eines funktionellen Eisenmangels.

Aufgrund der geringeren Halbwertszeit von Retikulozyten im Vergleich zu reifen Erythrozyten (wenige Tage vs. ~120 Tage) kann eine Eisendefizienz bereits entdeckt werden, bevor Veränderungen bei den Parametern in roten Blutkörperchen auftreten.

Diagnostischer Wert untersucht

Eine US-amerikanische Studie verglich bei 556 Patienten (medianes Alter 66 Jahre; 73,6% weiblich), die zur Diagnose oder Behandlung einer Eisenmangel-Anämie untersucht wurden, die Aussagekraft von RET-He mit traditionellen biochemischen Parametern. Gemessen wurden hierbei:

  • Großes Blutbild
  • Serum-Ferritin
  • Eisen
  • Transferrinsättigung
  • RET-He

Insgesamt 150 der Patienten erhielten im Anschluss an die Untersuchung intravenös Eisen. Der mediane RET-He-Wert lag bei 31 pg/Zelle (12,1 – 40,3 pg/Zelle) und korrelierte positive mit der Hämoglobinkonzentration, dem Mittleren Erythrozyteneinzelvolumen (MCV), Serum-Eisen und der Transferritinsättigung. Eine Anämie (Hb<13 g/dl für Männer, Hb <12 g/dl für Frauen) wurde bei 57,7% (139 von 241) der Patienten festgestellt.

Beim Blick auf das niedrigste RET-He-Quartil (<28,6 pg/Zelle) konnte eine Gruppe mit erniedrigten Eisenmangel-Parametern identifiziert werden. Allerding lagen die meisten Ferritinwerte für diese Subgruppe noch im niedrig-normalen Bereich, nur 25% lagen unter dem Grenzwert von 28 ng/ml.

Ein Cut-Off-Wert für RET-He von 30,7 pg/Zelle erkannte einen Eisenmangel mit einer Sensitivität von 68,2% und einer Spezifizität von 69,7%. Wird das Ansprechen auf eine Therapie mit Eisen untersucht (Hb-Anstieg um >1,0 g) zeigte eine Kombination aus RET-He (<28,g pg/Zelle) und Hb (<10,3 g/dl) eine Sensitivität von 84% und eine Spezifizität von 78% als Prädiktor.

Hohe Aussagekraft bei Krebspatienten

Unter den Patienten litten 209 an einem soliden Tumor oder einer hämatologischen Erkrankung. In dieser Gruppe hatte ein RET-He-Grenzwert von >31-33 pg/Zelle einen hohen negativen prädiktiven Wert. Bei 98,5% konnte dadurch ein Eisenmangel ausgeschlossen werden.

Die Daten zeigen, dass eine unnormal niedriger RET-He einen Eisenmangel identifizieren kann und eine Therapie frühzeitig möglich macht. Durch die frühere Erkennung im Vergleich zu anderen Parametern, die häufig noch im normalen Bereich liegen, können Verzögerungen bei der Eisengabe vermieden werden.

Expertenstatement

Bei Tumorpatienten ist eine Anämie eine der Hauptursachen für deren Morbidität. Es gibt mehrere ursächliche Faktoren, darunter absoluter Eisenmangel aufgrund von Blutverlust und/oder Ernährungsmängeln, Anämie bei chronischen Erkrankungen und myelosuppressive Effekte der Chemotherapie sowie metastatische Infiltration des Knochenmarks.

Die Identifizierung von Eisenmangel bei Krebspatienten ist besonders wichtig bei Patienten, die für eine Therapie mit Erythropoese-stimulierenden Mitteln in Betracht gezogen werden, denn etwa 30 bis 50 % der Tumorpatienten mit Chemotherapie-bedingter Anämie sprechen nur schlecht bis gar nicht auf Erythropoese-stimulierende Mittel an, wobei eine Eisentherapie das Ansprechen bei einigen dieser Patienten verbessern kann.

Da die Identifizierung von Eisenmangel wichtige therapeutische Auswirkungen bei onkologischen Patienten hat, wird derzeit empfohlen, die Ursache der Anämie zu untersuchen, wenn der Hb- Wert unter 11 g/dL fällt. Die Beurteilung einer Anämie, insbesondere eines Eisenmangels, bei Patienten mit Krebs ist schwierig.

Das Retikulozyten-Hämoglobin-Äquivalent (RET-He) ist unabhängig von der Akutphase und kann innerhalb weniger Minuten durch ein Blutbild bestimmt werden. Aufgrund der ca. 120-tägigen Lebensdauer von Erythrozyten können Eisenmangel und Veränderungen im Eisenstatus der Erythropoese erst relativ spät mit klassischen hämatologischen Parametern, wie Hämoglobin, mittleres korpuskulares Volumen, mittlerer zellulärer Hämoglobingehalt und auch mit der Bestimmung von hypochromen Erythrozyten (% hypo) erkannt werden.

Als Vorstufen der reifen Erythrozyten werden Retikulozyten aus dem Knochenmark in das periphere Blut ausgeschwemmt und reifen normalerweise innerhalb von 2 Tagen zu reifen Erythrozyten aus. Die Bestimmung der Retikulozytenzahl ermöglicht daher eine zeitnahe Aussage über die Erythropoese. Eine Messung des Hämoglobingehalts der Retikulozyten spiegelt somit den tatsächlichen Eisenstoffwechsel der Erythropoese wider und ermöglicht eine Beurteilung der Qualität der Zellen.

Die Messung des RET-He ist schnell, bequem und kostengünstig. Dennoch sind die Untersuchungen über seine Leistung bei der Diagnose von Eisenmangel mit gleichzeitiger Entzündung begrenzt. Die hier besprochene Analyse der Wertigkeit von RET-He hat daher praktische Relevanz für die Versorgung von Tumorpatienten.

Prof. Dr. Hans-Günter Mergenthaler ist Facharzt für Hämatologie und internistische Onkologie. Er war Professor an der Medizinischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und viele Jahre Ärztlicher Direktor der Klinik für Onkologie am Katharinenhospital in Stuttgart. Seit 2014 ist er in einer Privatpraxis für Internistische Onkologie und Hämatologie niederglassen.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653