28. April 2020

Interview

“Die Studienlage zu Cannabis ist nicht zufriedenstellend”

Dr. Hans-Christian Wartenberg arbeitet seit vielen Jahren in den Niederlanden. Im Interview berichtet er über die Studienlage, wann der Einsatz von Cannabis sinnvoll sein kann und was er von CBD-Shops hält.

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Seit 2017 kann auch in Deutschland Cannabis zu medizinischen Zwecken von Ärzten verordnet werden. Wie bewerten Sie das?

Cannabis macht immer wieder neue Runden, sei es in der Medizin oder als Genussmittel. In den Niederlanden ist das Cannabisprogramm in der Medizin gescheitert. Die Zahl der Behandlungen blieb weit hinter den Erwartungen und es besteht keine klare Trennung von Cannabis als Medizinprodukt und als Genussmittel.

Als Ärzte haben wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Wenn wir über unsere Erfahrungen berichten, dann muss dies wissenschaftlich fundiert sein und darf nicht auf einzelnen Erfahrungen beruhen.

Bei der Untersuchung der medizinischen Wirkung sind wir auf internationale Studien angewiesen. Die Studienlage zu Cannabis ist nicht zufriedenstellend. Derzeit kann man keine positiven Empfehlungen geben, sogar eher negative.   

In welchen Bereichen ist der Einsatz von Cannabis-Präparaten sinnvoll?

Für Tumorpatienten in einem späten Stadium, bei einem palliativen Setting ist dies schwierig zu beantworten. Wir wollen keine Heilwirkung erzielen, sondern die Situation verbessern, hier können auch Cannabinoide eine Rolle spielen. Die Patienten haben nicht ein Symptom, sondern ein ganzes Cluster an Problemen, wie neuropathischen Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Ileus und den Nebenwirkungen verschiedener Therapien.

Man hat es mit komplexen Patienten zu tun, von denen, unserer Erfahrung nach, eine kleine Gruppe von Cannabis-Produkten profitieren kann. Oftmals ist es schwierig, diese Patienten zu identifizieren.

Setzen Sie Cannabis-Produkte bei Ihren Patienten ein?

Bei wenigen Patienten, wenn alle anderen therapeutischen Optionen eingesetzt wurden und kein Ansprechen zeigten. Außerdem gibt es sehr viele Patienten, die aktiv den Wunsch nach einer Cannabistherapie äußern. Im persönlichen Gespräch teile ich dem Patienten mit, dass ich davon nicht viel erwarte. Besteht trotzdem weiterhin der Wunsch, bin ich bereit ein Rezept zu schreiben. Das sind dann individuelle Therapieversuche.

Cannabidiol (CBD) wird vermehrt als Nahrungsergänzungsmittel beworben und es entstehen Shops dafür. Welche Gefahren sehen Sie hierbei?

Natürlich besteht eine Gefahr, aufgrund der Nebenwirkungen des Wirkstoffs. Es kann außerdem zu Interaktionen mit anderen Medikamenten kommen. Wenn beispielsweise vor einem operativen Eingriff Anästhesisten nicht wissen, dass Cannabinoide eingenommen werden, teilweise über längere Zeiträume, dann ist das ein Problem.

Wichtig wäre ein Hinweis auf dem Beipackzettel oder der Verpackung Ärzte über die Einnahme zu informieren. Bei der Frage nach ihren Medikamenten, erwähnen Patienten diese Präparate häufig nicht.

Aktuell wird in der deutschen Politik eine Entkriminalisierung von Cannabis diskutiert. Wie ist Ihr Standpunkt dazu?

In den Niederlanden ist es bis heute, trotz aller Maßnahmen, nicht gelungen, dieses Produkt zu entkriminalisieren. Dies hat viele gesellschaftliche Gründe und zudem besteht ein riesiger Markt. Der Anbau sollte kontrolliert werden, da ansonsten hochgradig aktive Subtanzen konsumiert werden, ohne zu wissen, welche Bestandteile enthalten sind. Eine absolute Freigabe wäre daher sehr gefährlich.

Dr. Hans-Christian Wartenberg ist Leiter der Schmerztherapie am Universitätsklinikum Amsterdam. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Palliativmedizin und experimentelle Anästhesiologie.

Bildquelle: © Getty Images/Aleksandr_Kravtsov; © Hans-Christian Wartenberg

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