08. Februar 2019

1. Deutscher Krebsforschungskongress

„2 von 5 Krebserkrankungen wären vermeidbar!“

Viele Krebserkrankungen in Deutschland lassen sich auf vermeidbare Risikofaktoren zurückführen. Erfahren Sie, welche Faktoren eine Rolle spielen und welche Maßnahmen ergriffen werden könnten.

Lesedauer: 3 Minuten

Priv-Doz. Dr. sc. hum. Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg im Gespräch mit Christoph Renninger, coliquio-Redaktion.

Wie viele Krebserkrankungen in Deutschland könnten durch präventive Maßnahmen potenziell verhindert werden?

Ute Mons: Wir haben in einer Studie erstmals untersucht, wie viele Krebsfälle in Deutschland auf vermeidbare Krebsrisikofaktoren zurückzuführen sind. Hierbei gibt es Unterschiede: Manche Krebsarten sind kaum vermeidbar, da sie stark von genetischen Ursachen abhängen, andere hingegen lassen sich auf den Lebensstil und Umweltfaktoren zurückführen.1-3

Für das Jahr 2018 sind von 440.000 Krebsfällen (Altersgruppe: 35 bis 84 Jahre) insgesamt 165.000 auf vermeidbare Risikofaktoren zurückzuführen. Das heißt rund 40% der Krebserkrankungen in Deutschland könnten potenziell vermieden werden.

Wir vermuten, dass die Zahlen sogar noch unterschätzt werden, da einige Risikofaktoren nicht berücksichtigt werden konnten, wie etwa die natürliche Sonnenstrahlung.

Welches sind die größten beeinflussbaren Risikofaktoren?

Ute Mons: Der größte Risikofaktor ist das Rauchen: 20% der vermeidbaren Krebsfälle sind auf Rauchen zurückzuführen. Über 85% der Lungenkrebserkrankungen werden durch Rauchen verursacht.

Weitere Faktoren sind übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht, Ernährung, Umweltfaktoren, körperliche Aktivität, sowie einige Infektionen (z.B. HPV, Hepatitis, HIV).

Welche Veränderungen bei den Risikofaktoren gab es in den vergangenen Jahren?

Ute Mons: Bei einigen Risikofaktoren sehen wir erfreulicherweise Rückgänge, vor allem beim Rauchen. Es gab in den vergangenen Jahren einige Maßnahmen, die dazu beigetragen haben, wie Tabaksteuererhöhungen, die Nichtraucherschutzgesetze oder die bildgestützten Warnhinweise auf Zigarettenpackungen.

Auch beim Alkoholkonsum sehen wir momentan einen Trend zur Reduktion. Dennoch wird dieser Krebsrisikofaktor noch häufig unterschätzt.

Bei anderen Risikofaktoren gibt es hingegen eher beunruhigende Entwicklungen, beispielsweise beim Übergewicht.

Wie ist die Situation in Deutschland im internationalen Vergleich?

Ute Mons: Es gibt vergleichbare Studien aus anderen Ländern, mit ähnlichen Ergebnissen. Wobei es auch Unterschiede bei der Bedeutung der einzelnen Krebsrisikofaktoren gibt. So ist in England auch Rauchen der größte Risikofaktor, aber weniger stark als in Deutschland (16% der vermeidbaren Krebsfälle). Das ist auch ein Erfolg der Präventionsmaßnahmen, die dort in den vergangenen Jahren eingeführt wurden, wie höhere Tabaksteuren und Programme zur Raucherentwöhnung.

In der vor kurzem gestarteten „Nationalen Dekade gegen Krebs“ ist Prävention einer der Schwerpunkte. Was versprechen Sie sich davon?

Ute Mons: Es freut mich sehr, dass das Thema in den Vordergrund gestellt wird. Bislang war Präventionsforschung eher ein Nischenthema. Ich verspreche mir vor allem eine erhöhte Aufmerksamkeit und eine Stärkung der Forschung.

Unsere Studienergebnisse zeigen, welche Krebsrisikofaktoren beachtet werden müssen, aber nicht, welche Maßnahmen zur Reduktion ergriffen werden sollen. Hier ist auch die Politik in der Pflicht, beispielsweise bei einem Tabakwerbeverbot oder weiteren deutlichen Tabaksteuererhöhungen.

Auch Ärzte haben eine Verantwortung stärker auf Prävention zu setzen und ihre Patienten frühzeitig auf die Risiken anzusprechen.

Nicht nur der Lebensstil spielt eine Rolle beim Krebsrisiko, sondern auch impfpräventable Infektionen, z.B. Humane Papillomaviren (HPV). Begrüßen Sie die aktualisierte Empfehlung der STIKO, alle Kinder und Jugendlichen zu impfen?

Ute Mons: Rund 8000 Fälle waren auf das humane Papillomavirus zurückzuführen und hätten durch Impfprävention vermieden werden können. HPV-assoziierte Krebsfälle sind bei Frauen häufiger, kommen jedoch auch bei Männern vor. Daher war es ein richtiger und wichtiger Schritt, die Impfung auch für Jungen zu empfehlen.

Allerdings sind die Impfquoten hierzulande noch immer zu niedrig. Wir sehen am Beispiel Australiens, wo HPV-Impfungen in den Schulen durchgeführt werden, dass wesentlich bessere Quoten erreicht und die krebsverursachenden HPV-Typen fast ausgerottet werden können.

Priv.-Doz. Dr. sc. hum. Ute Mons ist seit 2016 Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Zu den Arbeits- und Forschungsschwerpunkten der Epidemiologin zählen unter anderem die Krebsprävention, die Epidemiologie chronischer nicht-übertragbarer Krankheiten und die soziale Ungleichheit der Gesundheit.

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  1. Mons U et al. Krebs durch Rauchen und hohen Alkoholkonsum. Dtsch Arztebl Int 2018; 115(35-36): 571-577.
  2. Behrens U et al. Krebs durch Übergewicht, geringe körperliche Aktivität und ungesunde Ernährung. Dtsch Arztebl Int 2018; 115(35-36): 578-585.
  3. Grednet T et al. Krebs durch Infektionen und ausgewählte Umweltfaktoren. Dtsch Arztebl Int 2018; 115(35-36): 586-593.

Bildquellen: © istock.com/Terroa
© Ute Mons

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