14. November 2019

Interview

Internistische Standardmedikamente in der Onkologie

Auch Krebspatienten erhalten häufig eine Reihe von Medikamenten aus der Inneren Medizin. Doch dabei können aufgrund von Wechselwirkungen Risiken entstehen. Es steht stellt sich daher die Fragen, wann welche Medikamentation angemessen ist.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Das Interview mit Prof. Dr. Karin Jordan, Heidelberg, führte Christoph Renninger.

Nicht rezeptpflichtige Medikamente tauchen oftmals nicht in Medikationsplänen auf oder werden von Patienten nicht erwähnt. Welche OTC (Over the Counter) -Präparate können ein Risiko für die Krebstherapie sein?

Als Arzt sollte man Patienten direkt darauf ansprechen, ob sie OTC-Präparate einnehmen, da es zu Interaktionen mit anderen Medikamenten kommen kann. Ein klassisches Beispiel hierfür ist Johanniskraut.

Protonenpumpeninhibitoren (PPI) werden von vielen Krebs-Patienten eingenommen. Sie können jedoch die Wirksamkeit der Krebstherapie gefährden. Bei welchen Therapien besteht dieses Risiko?

Es gibt erste Analysen, die zeigen, dass es bei Immuntherapien mit Checkpoint-Inhibitoren zu möglichen Interaktionen kommt. Die Ergebnisse wurden auf dem ESMO-Kongress 2018 präsentiert.1 Ansonsten ist mir nicht bekannt, dass z.B. die Kombination mit Chemotherapeutika regelhaft zu Interaktionen führt.

Dyspepsie kann als Nebenwirkung in der Onkologie belastend sein. Welche Alternativen gibt es zu PPIs?

Es gibt noch die H2-Blocker (z.B. Ranitidin), welche jedoch kürzlich zurückgerufen wurden, da sie möglicherweise die krebserregende Substanz N-Nitrosodimethylamin (NDMA) enthalten.2 Exzellente Alternativen gibt es derzeit nicht. Ob allerdings jeder Patient einen Protonenpumpenhemmer einnehmen muss, wage ich zu bezweifeln.

Bei Schmerzen durch Tumorbedingte Schwellungen, Therapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen oder Atemproblemen können Kortikosteroide, wie Dexamethason, Linderung verschaffen. Gibt es weitere positive Effekte oder überwiegen die Risiken bei einer längeren Einnahme?

Ist eine Einnahme über Wochen oder Monate in einer hohen Dosierung nötig, dann können die negativen Effekte überwiegen. Mögliche Folgen sind ein Cushing-Syndrom oder auch eine proximale Myopathie. Beispielsweise kann die Oberschenkelmuskulatur betroffen sein und der Patient ist nicht mehr in der Lage selbstständig aus dem Sitzen aufzustehen.

Dexamethason sollte daher nach Möglichkeit nur kurz- und mittelfristig eingesetzt werden. Zudem sollte immer an eine Dosisreduktion gedacht werden Als kurzfristige antiemetische Prophylaxe bei klassischen Chemotherapien ist Dexamethason an sich unproblematisch.

Häufige Nebenwirkungen bei Chemotherapien sind Übelkeit und Erbrechen. Wie sieht das Verordnungsverhalten in der Realität aus?

Übelkeit und Erbrechen müssen unbedingt vorbeugend vor einer Chemotherapie behandelt werden, damit sie gar nicht erst auftreten. Zur Verfügung stehen die sehr potenten 5-HT3-Antagonisten und die Neurokinin-1-Rezeptor-Antagonisten. Zudem wie gesagt das Dexamethason. In Abhängigkeit vom Potenzial für Übelkeit und Erbrechen, können diese Wirkstoffe  kombiniert werden.

Bei starken Schmerzen kann das Analgetikum Metamizol verordnet werden. Allerdings besteht das Risiko der seltenen, aber schwerwiegenden Agranulozytose. In welchen Fällen kann das Medikament eingesetzt werden?

Nach der reinen Indikation sollten Krebspatienten unter einer Chemotherapie kein Metamizol erhalten. Nun ist es aber im klinischen Alltag so, dass es dennoch eingesetzt wird. Metamizol ist ein sehr potentes Medikament, das schmerzlösend, krampflösend und auch antipyretisch wirkt.

Die Entscheidung, ob Metamizol verordnet wird, muss im Einzelfall abgewogen werden. Bei Patienten mit sehr niedrigem Blutdruck sollte das Medikament nicht gegeben werden. Denn Metamizol kann den Blutdruck weiter senken und so zu kontraproduktiven Effekten führen, wie Schwindel und Stürze.

Die Agranulozytose ist in der Tat sehr selten, aber sie kommt vor und kann lebensbedrohlich sein. Man weiß, dass sie eher auftritt, wenn das Metamizol hoch dosiert wird. Daher sollte genau auf die Dosierung geachtet werden.

Prof. Dr. Karin Jordan ist leitende Oberärztin der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie (Medizinische Klinik V) am Universitätsklinikum Heidelberg. Außerdem leitet sie eine Arbeitsgruppe zu Supportiven Therapien. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Leitlinienentwicklung in der Supportiven Therapie, sowie die Beurteilung und Klassifikation von Medikamenten-Nebenwirkungen.

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  1. Homicsko K et al. Proton pump inhibitors negatively impact survival of PD-1 inhibitor based therapies in metastatic melanoma patients. Annals of Oncology 2018; 29 (suppl_10): x39-x43.
  2. Rückruf von ranitidinhaltigen Arzneimitteln. BfArM, 17.09.2019

Bildquellen: © Getty Images/PeopleImages
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