12. März 2020

Interview

Infektionen unter neuen Krebstherapien

Unter neuen Krebstherapien, wie Checkpoint-Inhibitoren oder molekular zielgerichteten Behandlungen, kommt es vermehrt zu Infektionen und immunvermittelten Nebenwirkungen. Prof. Dr. Georg Maschmeyer berichtet über den Umgang mit diesen Problemen.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Checkpoint-Inhibitoren sind eine wichtige neue Therapieklasse. Allerdings kommt es häufig zu immunvermittelten Nebenwirkungen. Wie entstehen diese?

Grundsätzlich ist es so, dass körpereigenes Gewebe Barrieren gegen den Zugriff der körpereigenen T-Zellen genauso nutzt wie Tumorgewebe. In unserem Immunsystem gibt es T-Zell-Klone, die sich primär gegen eigenes Körpergewebe richten, die üblicherweise zur Toleranz gezwungen oder beseitigt werden. Gelingt dies nicht, kommt es zu einer Autoimmunerkrankung, wie beispielsweise rheumatoider Arthritis oder Psoriasis.

Ein Mittel autoreaktive T-Zellen unter Kontrolle zu halten ist die Expression von Schutzmechanismen, wie CTLA-4 oder PD-L1. Nutzt ein Tumor ebenfalls dieses System, um sich vor dem Zugriff des Immunsystems zu schützen und Inhibitoren eingesetzt werden, welche diese Mechanismen blockieren, muss man durchaus damit rechnen, dass auch körpereigenes Gewebe betroffen ist.

Wir können nicht vorhersagen, ob eine solche Nebenwirkung bei einem Patienten auftritt oder nicht. Klinisch ähneln die Symptome oftmals einer Infektion.

Welche Symptome können auftreten?

Das primäre Symptom ist Fieber. Bei manchen Patienten kommt es zu einer Autoimmunkolitis, mit Durchfall und Bauchschmerzen. Andere Patienten haben eine Autoimmunthyreoiditis, mit einer Hypothyreose. Und dann gibt es eben vor allem Patienten, die eine autoimmunvermittelte Pneumonitis bekommen, mit Fieber, Husten und Lungeninfiltraten im CT.

Bei all diesen Patienten steigen die Inflammationsmarker im Blut an, wie C-reaktives Protein (CRP) oder Interleukin-6 (IL-6). Daher kann weder von den Symptomen noch von den Laborbefunden klar unterschieden werden, ob eine Autoimmun-Inflammation vorliegt oder ob es sich tatsächlich um eine Infektion handelt. Deswegen wird empfohlen, parallel zur Unterdrückung der Immunreaktion auch immer eine Infektionsdiagnostik durchzuführen.

Wie können Ärzte in einer solchen Situation reagieren?

Es empfiehlt sich immer ein zweigleisiges Vorgehen: Man verordnet dem Patienten im Zweifelsfall ein Antibiotikum und macht eine Infektionsdiagnostik, mit Blutkulturen, Sputum, Stuhlproben, Bronchoskopie oder Bronchiallavage.

Spätestens dann, wenn die Infektionsdiagnostik negativ bliebt und die Antibiotika ohne Wirkung sind, sollte mit einer Immunsuppression begonnen werden, typischerweise mit Glukokortikoiden (z.B. Prednisolon).

Unter Checkpoint-Inhibitoren wird vermehrt von Infektionen berichtet. Wie erklären Sie diese?

Die Hauptursache dafür ist tatsächlich die Immunsuppression, die angewandt wird, um die autoinflammatorischen Nebenwirkungen zu bekämpfen. Die häufigeren Infektionen sind keine direkte Folge der Checkpoint-Inhibitoren, sondern auf die Nebenwirkungen zurückzuführen.

Welche Erreger kommen bei derartigen Infektionen besonders häufig vor und welche Organe sind besonders betroffen?

Es ist nicht so, dass die Infektionen bei allen Tumoren die gleichen sind. Die Patienten erhalten die gleichen Checkpoint-Inhibitoren, teilweise auch in Kombination, aber sie reagieren durchaus mit anderen Infektionen.

Ich habe zum Beispiel Patienten mit Urothelkarzinomen und Metastasen im Unterbauch. Aufgrund eines künstlichen Blasenausgangs besteht eine Eintrittspforte in die ableitenden Harnwege. Typischerweise entwickeln sich hier Harnwegsinfektionen mit Klebsiellen, E. coli und anderen Erregern.

Patienten mit Lungenkarzinomen und Raumforderungen in der Lunge oder einer Stenose haben unter Immunsuppression in erster Linie Atemwegsinfektionen.

Prof. Dr. Georg Maschmeyer ist Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Ernst von Bergmann-Klinikum in Potsdam. Er ist Erstautor eines Positionspapiers der European Conference on Infections in Leukemia (ECIL) zu Infektionen unter Immuntherapien und zielgerichteten Behandlungsmethoden.1

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