21. April 2021

DGIM 2021

Die chronische Patientin: Ein Fallbericht aus der Hämatologie

Prof. Dr. Georg Heß, Universitätsmedizin Mainz, stellte auf dem 127. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin einen hämatologischen Patientenfall mit besonderen Herausforderungen vor.1

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Gesunde Frau mit auffälligem Lymphknoten

Eine 58-jährige Patientin stellt sich aufgrund einer axillären Lymphknotenschwellung (rechts) zur Abklärung vor. Der Lymphknoten ist ca. 2,5 cm groß, nicht schmerzhaft, verschieblich und prall elastisch. Es gibt keine Hinweise auf eine Brustkrebserkrankung, die Patientin ist auch ansonsten gesund. Bei der Untersuchung fällt ein weiterer vergrößerter Lymphknoten (zervikal, rechts) auf. Ein Infekt scheint auch nicht vorzuliegen.

Die Ärzte führen eine Lymphknoten-Extirpation durch und stellen die Diagnose eines follikulären Lymphoms (Grad II). Im nächsten Schritt wird ein systematisches Staging zur Basisdokumentation und Verlaufskontrolle durchgeführt:

  • Bildgebung: CT von Hals, Thorax und Abdomen
  • Labor: Blutbild, LDH, β2-MG, Elektrophorese, Immunfixation, HIV, Hepatitis
  • Knochenmarkspunktion

Das Blutbild ist weitgehend normal, im Knochenmark findet sich eine 15%-ige Infiltration. Der Risiko-Score FLIPI liegt im niedrigen Bereich.

Therapie oder nicht?

Die asymptomatische Patientin hat bereits eine generalisierte Erkrankung, aber ein niedriges Risiko. Prof. Heß stellt die Frage, ob und welche Therapie initiiert werden solle, etwa mit einer Radiotherapie, Rituximab oder einer Chemotherapie. Die Mehrheit der Zuhörer würde sich für „Watch & Wait“ entscheiden, gefolgt von einer Chemoimmuntherapie mit Erhaltungstherapie.

Da das follikuläre Lymphom ein chronische, langsam verlaufende Erkrankung ist, kann eine Zurückhaltung bei der Therapie nach Heß gut vertreten werden. Insbesondere beim Blick auf die Studienergebnisse mit monoklonalen Antikörpern, die auch bei späterem Therapiebeginn effektiv sind.

Watch & Wait, und dann?

Beim Abwarten gibt es jedoch auch Risikofaktoren, wie eine mögliche Fehleinschätzung der Krankheitsdynamik, die Möglichkeit einer Transformation und die psychische Belastung für den Patienten.

Bezüglich der Progression sollte anfangs eine engmaschige Kontrolle erfolgen, mit einem erneuten Workup nach 3-6 Monaten, dann wieder ein Jahr später. Patienten sollte zudem eine psychoonkologische Betreuung angeboten werden.

Bei der Patientin kam es nach 2 Jahren zu einer Krankheitsprogression (2 abdominelle Lymphknoten >4 cm), eine Leukopenie und Thrombopenie treten auf. Die behandelnden Ärzte entscheiden sich aufgrund der krankheits- und patientenspezifischen Faktoren für eine Therapieeinleitung. Über einen längeren Zeitraum war bei dieser Patientin ein konservativer Ansatz möglich.

  1. Heß G. Fall 1. Sitzung Hämatologie und Medizinische Onkologie – der chronische Patient. 127. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 20.04.2021

Bildquelle © Getty Images/Alona Siniehina

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