28. April 2020

Cannabis in der Medizin: Erfahrungen aus den Niederlanden

Seit 3 Jahren kann Cannabis auch in Deutschland zur medizinischen Anwendung verordnet werden. In den Niederlanden erfolgte diese Zulassung bereits vor 22 Jahren. Doch ist Cannabis in der Medizin eine Erfolgsgeschichte?

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag auf dem 34. Deutschen Krebskongress.1 Redaktion: Christoph Renninger

Cannabisprodukte in den Niederlanden & Deutschland

In der Medizin haben niederländische Ärzte über 2 Jahrzehnte Erfahrungen mit Cannabis in verschiedenen Indikationen sammeln können. Genutzt werden hierzu ausschließlich die Pflanzenblüten, erhältlich sind, wie auch in Deutschland, verschiedene Cannabisprodukte, deren Preis bei ca. 29,00 €/5 g liegt (Tabelle). Die 2017 gegründete Cannabisagentur in Deutschland orientiert sich am niederländischen Vorbild.

Produkt%Tetrahydrocannabinol (THC)% Cannabidiol (CBD)
Bedrobinolca. 13,5<1
Bedrocanca. 22<1
Bediolca. 6,3ca. 8
Bedicaca. 14<1
Bedrolite<1ca. 9

In den Niederlanden und Deutschland erhältliche Cannabisprodukte

Bis vor wenigen Jahren waren die Niederlande weltgrößter Exporteur von Medizinalcannabis, obwohl nur 100 kg je Empfängerland exportiert werden dürfen. Für Deutschland gibt es Ausnahmeregelungen (2017: 350 kg, seit 2018: 700 kg). Mittlerweile wird der Markt von Produkten aus Kanada überströmt.

Die Produkte werden verdampft oder als Tee getrunken, sollen aber nicht geraucht werden. In mehreren Zentren wird die Anwendung wissenschaftlich begleitet und untersucht.2

Verordnungen viele Jahre unter den Erwartungen

In den Jahren 2004 bis 2010 wurden die Erwartungen an die Verordnungen von Cannabisprodukten nicht erfüllt. Es wurde von 100.000 Verordnungen á 5 g im Jahr ausgegangen, tatsächlich waren es nur um die 5.000 Verordnungen. Dies hatte auch Auswirkungen auf die wissenschaftlichen Untersuchungen, deren Teilnehmerzahlen geringer waren als erhofft.

Doch ab 2011 kam es zu einem enormen Anstieg der Verordnungen. Dies erklärt sich dadurch, dass eine neue Darreichungsform auf den Markt kam: Cannabisöl, ein Destillat aller Cannabinoide. Diese Produkte machen inzwischen etwa die Hälfte der Verordnungen aus. Das hohe Niveau der Verordnungen (>100.000/Jahr) hat jedoch in den vergangenen 3 Jahren eine Sättigung erreicht, obwohl der Cannabis-Markt noch immer wächst.

Meta-Analysen finden keine Evidenz für Wirkung

Der Grund hierfür ist eine JAMA-Publikation, auf deren Grundlage die Krankenkassen entschieden haben, die Kosten für Cannabisprodukte nicht mehr zu übernehmen.3 Das Review zeigte, dass trotz der Studien wenig Evidenz zur Wirksamkeit besteht und zudem Nebenwirkungen auftreten. Zur Behandlung von chronischen Schmerzen und Spastizität liegen Ergebnisse moderater Qualität vor, in anderen Bereichen (Übelkeit, Gewichtszunahme, Schlafstörungen, Tics, …) ist der Evidenzgrad niedrig.

Nach einer Übergangsphase ist seit dem 1. Juli 2016 Cannabis nur noch auf private Kosten erhältlich. Der Markt reagiert, mit einer Verlagerung von der Apotheke in die Drogerie. Cannabisprodukte werden als Nahrungsergänzungsmittel verkauft und müssen daher nicht wie Medizinprodukte untersucht werden, die Zusammensetzung und Qualität der Inhaltsstoffe bleibt unklar. Auch wissenschaftliche Untersuchungen der Produkte sind schwer möglich.

Wenig überzeugende Studien

In 2 großen deutschen Übersichtsarbeiten wurden die Effekte und Nebenwirkungen von Cannabis in der Schmerzmedizin und in der Onkologie analysiert, mit ernüchternden Ergebnissen.4,5

Keine der Studien erreichte den definierten primären Endpunkt (Schmerzlinderung). Für einige der sekundären Endpunkte (Schlafprobleme, Lebensqualität, Responder-Analysen) war Cannabis gegenüber Placebo überlegen. Doch selbst diese geringen Effekte konnte in einer Übersichtsarbeit unter Einschluss aller verfügbaren Studien nicht nachgewiesen werden.4

Bei Krebspatienten mit chronischen Schmerzen konnte keine Wirkung nachgewiesen werden.5 Allerdings treten Nebenwirkungen (psychoseähnliche Zustände, Sedierung, gastrointestinale Nebenwirkungen) auf, sodass die Autoren von einem Gebrauch abraten.

Dr. Hans-Christian Wartenberg arbeitet seit vielen Jahren in den Niederlanden. Er ist Leiter der Schmerztherapie am Universitätsklinikum Amsterdam. Im Interview berichtet er über die Studienlage, wann der Einsatz von Cannabis sinnvoll sein kann und was er von CBD-Shops hält.

  1. Wartenberg HC. Hype Cannabis: Was wir von unseren niederländischen Kollegen lernen können. Vortrag auf dem 34. Deutschen Krebskongress, 20.02.2020
  2. Engels FK et al. Medicinal Cannabis in Oncology. Eur J Cancer 2007; 43(18): 2638-2644.
  3. PF Whitning et al. Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 2015; 313(24): 1456-2473.
  4. Petzke F et al. Ein Positionspapier zu medizinischem Cannabis und cannabisbasierten Medikamenten in der Schmerzmedizin. Der Schmerz 2019; 33: 449-465.
  5. Häuser W et al. Efficacy, Tolerability and Safety of Cannabis-Based Medicines for Cancer Pain: A Systematic Review With Meta-Analysis of Randomised Controlled Trials. Der Schmerz 2019; 33: 424-436.

Bildquelle: © Getty Iamges/Olena Bondarenka

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