Burnout: ein erhebliches Problem unter europäischen Onkologen
Burnout, ein Syndrom, das durch berufliche Überlastung verursacht wird, ist eine der größten Herausforderungen im Arztberuf. Obwohl es sich um ein allgemeines Problem handelt, sind bestimmte Berufsgruppen, wie z. B. Onkologen, stärker betroffen.
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Autor: Miguel Ramudo
Onkologen sind hierbei doppelt belastet: Auf der einen Seite steht die hohe Patientenbelastung durch Kürzungen im Gesundheitswesen. Auf der anderen Seite steht die emotionale Belastung durch die Arbeit mit Krebspatienten. Daten aus verschiedenen Umfragen unterstreichen immer wieder die Bedeutung dieses Problems. Etwa 38 % der europäischen Onkologen erwägen, ihren Beruf aufzugeben.
Im Vorfeld des Kongresses der European Society for Medical Oncology (ESMO) in Barcelona hat die Spanische Gesellschaft für Medizinische Onkologie (Sociedad Española de Oncología Médica, SEOM) eine Pressekonferenz mitorganisiert, um die Ursachen von Burnout zu beleuchten und Empfehlungen für den Umgang damit zu geben.
„Es ist wichtig, den Rahmen für einen Dialog zu schaffen, um zunächst das Problem und sein Ausmaß zu erkennen und dann zu entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, um den Betroffenen zu helfen“, so Andrés Cervantes, Präsident der ESMO. Er betonte, dass die Bekämpfung dieses Problems aus drei Richtungen erfolgen sollte.
„Erstens müssen wir uns an die Betroffenen selbst wenden und ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um ihre Resilienz zu stärken. Zweitens sollten die Institutionen ein Umfeld schaffen, in dem offen kommuniziert wird. Und drittens sollten Fachgesellschaften Schulungen zum Umgang mit Burnout in ihre Strategien einbeziehen“, sagte Cervantes.
Er betonte auch die Notwendigkeit, die Gesellschaft für die Bedeutung von Burnout zu sensibilisieren, da Burnout zu chronischen Gesundheitsproblemen wie Herzkrankheiten, Schlaganfall, Adipositas und psychischen Störungen führen kann. „All dies kann zu einer geringeren beruflichen Zufriedenheit und einem geringeren Erfolgserlebnis führen, was sich letztlich auch auf die onkologischen Patienten auswirkt.“
Burnout unter jungen Onkologen
Eine Studie der ESMO aus dem Jahr 2014 ergab, dass mehr als 70 % der Onkologen unter 40 Jahren bereits Anzeichen von beruflicher Erschöpfung zeigen. In den letzten Jahren, insbesondere seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie, hat sich diese Situation weiter verschärft. Jüngste Umfragen ergaben, dass 57 % der europäischen Onkologen von Burnout betroffen sind. Bei mehr als 40 % besteht das Risiko einer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit.
„Die Situation in Spanien ist ähnlich wie die in Europa. Nach Beginn der Pandemie haben wir bei der SEOM eine Umfrage durchgeführt, bei der jeder vierte junge Arzt einen Facharztwechsel in Erwägung gezogen hat. Das ist alarmierend und unterstreicht die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Weiterbildung und Begleitung während des Studiums, der Facharztausbildung und der gesamten Berufslaufbahn“, so Elena Élez, Mitglied der Resilienz-Arbeitsgruppen von ESMO und SEOM. Sie betonte, dass sich die berufliche Erschöpfung direkt auf die Qualität der Patientenversorgung auswirkt.
Élez betonte, wie wichtig es ist, Burnout bei jüngeren Ärzten zu erkennen. Sie wies darauf hin, dass es sich zwar um ein weit verbreitetes Phänomen handelt, die Erscheinungsformen jedoch unterschiedlich sind. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, wie die Ärzte betroffen sind, um geeignete Maßnahmen zu ergreifen. „Ein positiver Punkt ist, dass sich trotz der COVID-19-Pandemie rund 90 % der Befragten wieder für die Onkologie entscheiden würden, was die starke Berufung für diesen Fachbereich verdeutlicht.“
Das Tabu brechen
Es wird ebenso betont, dass Burnout oft bagatellisiert wird, obwohl es verschiedene Aspekte des Lebens eines Arztes beeinträchtigen kann. „Es ist auch notwendig, Tabus zu brechen und anzuerkennen, dass wir offen ansprechen müssen, wenn Dinge nicht gut laufen. Resilienz bedeutet, sich an den äußeren Druck anzupassen und zu wissen, wie man ihn erkennt, um ihn zu bewältigen“, sagte César Serrano, Sekretär der SEOM.
Serrano wies darauf hin, dass der Druck am Arbeitsplatz mitunter zu einer Entmenschlichung der Ärzte und der Patienten geführt hat. „Resilienz ist gut, aber es ist notwendig, die Ursachen des Burnouts zu bekämpfen, um das Gesundheitssystem unterstützen. Es ist wichtig, alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um die psychische Gesundheit von Onkologen zu verbessern, um Burnout vorzubeugen, und wenn es leider doch eintritt, alle notwendigen Ressourcen für die vollständige Genesung der Ärzte zur Verfügung zu stellen.“
Lernen aus der Erfahrung von Mentoren
Während des Kongresses in Barcelona wurden ebenfalls die Ergebnisse einer Studie der SEOM-Tutorengruppe für Assistenzärzte vorgestellt, die von Lara Iglesias koordiniert wurde. „Das Projekt zielt darauf ab, die Resilienz von onkologischen Assistenzärzten durch Mentoring zu stärken. Durch die Bereitstellung erfahrener Mentoren soll deren psychische Gesundheit verbessert, Burnout reduziert und eine größere langfristige Arbeitsplatzzufriedenheit gefördert werden“, sagte sie.
Zu diesem Zweck führten die Forscher eine Umfrage unter den Tutoren durch. Sie fanden heraus, dass mehr als 80 % der Befragten außerhalb der regulären Arbeitszeiten arbeiten. Mehr als 80 % gaben zudem zu, dass sie weniger als 7 Stunden pro Tag schlafen oder sich unzureichend ernähren. Darüber hinaus fühlen sich mehr als 50 % in ihrer Arbeit unterbewertet, und etwa 73 % der Befragten gaben an, dass sie sich erschöpft fühlen, wenn sie ihren Urlaub beginnen.
„Darüber hinaus gaben 33 % der Befragten an, unter Burnout-Symptomen zu leiden. Positiv zu vermerken ist jedoch, dass 77 % der Befragten glaubten, über die nötigen Mittel zu verfügen, um das Problem zu überwinden“, sagte Iglesias. Sie betonte, wie wichtig es ist, die Problematik zu erkennen, um Maßnahmen zur Verbesserung zu ergreifen.
Die Empfehlungen der ESMO
Die ESMO und ihre Resilienz-Arbeitsgruppe haben sich verpflichtet, Ressourcen und Unterstützung zur Verfügung zu stellen und sich für politische Veränderungen in Europa einzusetzen, um diese Krise abzumildern. Auf der Grundlage einer umfassenden Analyse der psychosozialen Risiken, denen Onkologen in ganz Europa ausgesetzt sind, haben sie zehn Empfehlungen entwickelt.
Die wichtigsten vorgeschlagenen Strategien zur Verringerung von Burnout und Verbesserung der psychischen Gesundheit von Onkologen sind wie folgt:
- Verbesserung der organisatorischen Kommunikation
- Bereitstellung von individueller professioneller Supervision und Mentoring
- Verstärkte Unterstützung hinsichtlich Ausbildung, Weiterbildung und Arbeitsplatzsicherheit
- Förderung des weiteren Einsatzes virtueller und anderer innovativer Lösungen für einen verbesserten Zugang zu flexiblen Arbeitsmodellen und beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten
- Gewährleistung eines angemessenen Arbeitspensums, einschließlich Arbeitszeiten und Urlaub
- Bereitstellung eines angenehmen Arbeitsumfelds mit Ressourcen zur Erhaltung der psychischen Gesundheit
- Bereitstellung von Resilienztraining und Investitionen in die psychische Gesundheit, sowie in die Erhaltung und Anwerbung von Personal
- Einrichtung maßgeschneiderter Unterstützungsmaßnahmen, um den Bedürfnissen verschiedener Gruppen gerecht zu werden
- Unterstützungsangebote für das Management der psychischen Gesundheit und der Resilienz
- Einfluss stärken von politischen Entscheidungsträgern und Interessengruppen
Dieser Beitrag erschien im Original bei Univadis.




