06. April 2018

Ist die Immuntherapie in der Neuroonkologie ein totes Pferd?

In den vergangenen Jahren ist es zu einer Explosion von Krebs-Immuntherapien gekommen, mit vielen neuen Angriffspunkten und Methoden. Doch bei Hirntumoren konnten bislang keine Hinweise auf eine starke Rolle gefunden werden. (Lesedauer: 2 Minuten)

Dieser Beitrag basiert auf einer Oxford-Debatte auf dem 33. Deutschen Krebskongress in Berlin, die Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Schlüssel ist die Patientenselektion

Noch vor zehn Jahren sind Wissenschaftler auch bei der Behandlung des Melanoms mittels Immuntherapie skeptisch gewesen. Heute werden Checkpoint-Inhibitoren erfolgreich in der Therapie eingesetzt. Auch bei anderen Tumorentitäten gibt es zunehmend Zulassungen für Immuntherapien. Das Konzept der endogenen Immunantwort gegen Tumorzellen ist universell einsetzbar. Mit Pembrolizumab hat erstmals ein Medikament gegen jeden Tumor mit einem spezifischen Biomarker die Zulassung erhalten.

In der Neuroonkologie fehlen jedoch Hinweise aus kontrollierten Studien für eine starke Rolle der Immuntherapie. Ob Checkpoint-Proteine wie PD-1 im Gehirn die richtigen Ziele darstellen, ist noch unklar. Immuntherapien sprechen bei anderen Tumorarten jedoch auch bei Hirnmetastasen an, was lange Zeit als Hindernis angesehen worden ist.

Prof. Dr. Michael Platten, DKFZ Heidelberg, betont, dass eine detaillierte Immunphänotypisierung notwendig ist, um diejenigen Patienten zu identifizieren, die von einer Immuntherapie profitieren können. Als weitere vielversprechende Ansätze, welche auch bei Hirntumoren zum Einsatz kommen könnten, nennt Platten CAR-T-Zellen und Kombinationstherapien, welche die immunsuppressive Umgebung im Gehirn überwinden können.

Viele Ansätze, aber kaum Erfolge

Weniger optimistisch, dass die Immuntherapie auch in neuroonkologischen Fällen zum Standard wird, ist Prof. Patrick Roth, Universitätsspital Zürich. In der Krebsforschung werden häufig Superlative verwendet. Allerdings handelt es sich bei der Hälfte der Fälle um nicht zugelassene Medikamente und 14% der Wirkstoffe waren nur im Mausmodell effektiv.2

Bei zugelassenen Checkpoint-Inhibitoren kommt es bei 25-30% der Patienten zu einer Antwort auf die Therapie, über alle Krebsarten gesehen liegt die Ansprechrate bei 10%.3 Entscheidend ist die Mutationslast des Tumors, welche bei Melanomen hoch ist und die Effektivität der Immuntherapie erklärt. Glioblastome hingegen liegen bezüglich der Mutationen eher im unteren Drittel.

Auch eine Vakzinierung erschien bei Hirntumoren vielversprechend, doch in einer Studie mit Glioblastom-Patienten hatte eine Impfung mit elf spezifischen Peptiden (IMA950) keinen Effekt auf das Überleben.4

Ob eine Kombination der Checkpoint-Inhibitoren Ipilimumab (Anti-CTLA-4) und Nivolumab (Anti-PD-1) bei Glioblastomen sinnvoll ist, wird durch aktuelle Studiendaten in Frage gestellt. Das Gesamtüberleben war nicht länger als unter einer Nivolumab-Monotherapie und vergleichbar mit den Raten bei der Behandlung mit konventionellen Medikamenten. Zudem traten vermehrt schwere Nebenwirkungen auf.5

Und in der Zukunft?

Durch ein besseres Verständnis der Immunbiologe können neue Behandlungsansätze entwickelt werden. Als Beispiele führt Roth individualisierte Impfstoffe, CAR-T-Zellen und weitere Checkpoint-Inhibitoren auf. Zudem stehen Ergebnisse zahlreicher Studien (z-B- Vakzinierung gegen Neoantigene) aus.

Die Euphorie für die meisten Strategien wird bisher allerdings nicht durch Studiendaten unterstützt. Roth kommt daher zum Schluss, dass die Immuntherapie in der Neuroonkologie nicht zum Therapiestandard werden wird und es sich vielmehr um ein totes Pferd handle, von dem man absteigen solle.

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