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Onkologie kompakt

19. Sep. 2024

ESMO 2024: Tops und Flops im Überblick

Fünf Tage Onkologie-Kongress in Barcelona mit 34.000 Teilnehmern, über 2100 eingereichten Abstracts und 600 Speakern aus 150 Ländern sind vorbei. Frisch vom ESMO zeigen wir Ihnen ausgewählte Tops und Flops aus der Krebs-Forschung.

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Die Tops und die Flops vom ESMO 2024 im Überblick
(Foto: Getty Images Plus | zakokor)

Autorin: Dr. Susanne Heinzl | Redaktion: Benjamin Burgard

Der Jahreskongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) ist beendet. Aus den zahlreichen Präsentationen haben wir auch einige ausgewählt, deren Ergebnisse nicht wie erwartet ausgefallen sind.

So enttäuschte adjuvantes Durvalumab beim nicht metastasierten NSCLC. Die Kombination aus Cabozantinib plus Atezolizumab verlängerte bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom zwar das progressionsfreie Überleben, hatte aber keinen Effekt auf das Gesamtüberleben im Vergleich zu einer modernen Hormontherapie. Ähnlich war es mit Langzeitdaten zur Niraparib-Erhaltungstherapie beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom: Auch hier zeigte sich kein Effekt auf das Gesamtüberleben.

Sechs Tops und Flops vom ESMO

Nicht metastasiertes Lungenkarzinom: Durvalumab enttäuscht beim DFS

Der PD-L1-Inhibitor Durvalumab verbesserte bei Patienten mit NSCLC im Frühstadium (IB-IIIA) nach vollständiger Tumorresektion den primären Endpunkt, das krankheitsfreie Überleben (DFS), im Vergleich zu Placebo nicht (Abstract LBA48). Laut Dr. Glenwood Goss aus Ottawa/Kanada sei dieser Effekt unabhängig vom Ausmaß der PD-L1-Expression des Tumors gewesen. Alle Patienten wiesen keine EGFR-/ALK-Mutation auf. 

Die von der Canadian Cancer Trials Group (CCTG) unterstützte randomisierte, multizentrische, doppelblinde Phase-3-Studie CCTG BR.31 wurde in 19 Ländern in 269 Zentren durchgeführt. Patienten hatten nach Resektion und möglicher adjuvanter Chemotherapie 2:1 randomisiert Durvalumab oder Placebo zur adjuvanten Therapie erhalten Beim ESMO wurden die Ergebnisse der Patienten ohne EGFR/ALK-Mutationen vorgestellt. 

Der primäre Endpunkt wurde nach einer Nachbeobachtungszeit von 60 Monaten bei Patienten mit einer PD-L1-Expression ≥ 25% erhoben. Sie erreichten unter Durvalumab ein medianes DFS von 69,9 Monaten, unter Placebo von 60,2 Monaten (HR 0,935, p = 0,624). 

Bei Patienten mit PD-L1-Expression ≥ 1% betrug das DFS unter Durvalumab 59,9 Monate, unter Placebo 60,3 Monate (HR 0,989, p = 0,926) und bei allen Patienten ohne EGFR-/ALK-Mutation 60,0 Monate bzw. 53,9 Monate (HR 0,893, p = 0,207). Auch in allen vordefinierten Subgruppen ergaben sich keine signifikanten Unterschiede.

Die Verträglichkeit von Durvalumab war mit bisherigen Studien vergleichbar. Dies sei eine der bislang größten Studien zur Fragestellung gewesen, so Diskutantin Prof. Dr. Pilar Garrido, Madrid. Die große Mehrzahl der Studien befasse sich allerdings mit der perioperativen, also neoadjuvanten und adjuvanten, Gabe der Immuntherapeutika, wo sie eher eine Zukunft sieht.

Metastasiertes Lungenkarzinom: Relatlimab plus Nivolumab zusätzlich zu Chemotherapie optimiert klinischen Nutzen

Bei Patienten mit einem Lungenkarzinom im Stadium IV verbesserte die zusätzliche Gabe von Relatlimab zu Nivolumab und Platin-haltiger Chemotherapie den klinischen Nutzen im Vergleich zu Nivolumab plus Chemotherapie. 

„RELATIVITY-104 ist die 1. randomisierte Proof-of-Concept-Studie der Phase 2 bei metastasiertem NSCLC, die einen verbesserten klinischen Nutzen durch die Ergänzung der Anti-PD-1-Hemmung plus Chemotherapie durch eine LAG3-Hemmung in der PD-L1-positiven stratifizierten und vorab festgelegten Patientenuntergruppe gezeigt hat“, so Prof. Dr. Nicolas Girard, Universität Versailles Saint Quentin, Campus Paris Saclay, Paris/Frankreich (Abstract LBA53). 

Relatlimab ist ein LAG3-Inhibitor, der bisher in Kombination mit Nivolumab für die Behandlung des fortgeschrittenen Melanoms zugelassen ist, in Deutschland aber bislang nicht zur Verfügung steht.

In Teil 1 der Studie wurde mit 159 Patienten die Sicherheit und Wirksamkeit der Kombination mit Relatlimab gezeigt. In Teil 2 mit 309 Patienten war nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 10,7 Monaten die Ansprechrate mit 51,3% unter Relatlimab-Zugabe (n = 158) besser als mit 43,7% ohne Relatlimab (n = 151) . Mit Relatlimab hielt das Ansprechen 10,1 Monate, ohne Relatlimab 9,1 Monate an. 

Die HR für das progressionsfreie Überleben (PFS) betrug 0,88, das mediane PFS betrug 6,7 Monate bzw. 6,0 Monate. Untergruppen mit einer PD-L1-Expression ≥ 1% sprachen auf die Relatlimab-Zugabe besser an. 

Insgesamt lieferten die Daten eine Grundlage für weitere Untersuchungen im Rahmen einer Phase-3-Studie.

Prostatakarzinom: Cabozantinib plus Atezolizumab ohne Effekt auf das OS

Die finale Analyse des OS (2. primärer Endpunkt) der Phase-3-Studie CONTACT-02 bei 507 Patienten mit metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakarzinom, das nach einer Hormontherapie fortgeschritten war, zeigte keinen Effekt von Cabozantinib plus Atezolizumab (C+A) im Vergleich zu einer anderen Hormontherapie (Abstract LBA67). Die Kombination hatte, wie beim ASCO GU berichtet, den ersten primären Endpunkt PFS signifikant mit einer HR von 0,65 verbessert (p = 0,0007).

In der C+A-Gruppe wurde nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 24 Monaten eine medianes OS von 14,8 Monaten, in der Hormontherapie-Gruppe von 15,0 Monaten erreicht (HR 0,89, p = 0,296). Ein Überlebensvorteil wurde jedoch in der Subgruppe von Patienten mit Leber- (HR 0,68) oder Knochenmetastasen (HR 0,79) gesehen. Zudem waren Nebenwirkungen vom Schweregrad ≥ 3 mit 40% in der Kombi-Gruppe wesentlich häufiger als mit 8% in der Vergleichsgruppe. 

Zervixkarzinom: Pembrolizumab-Zugabe verlängert OS und PFS 

Die zusätzliche Gabe des PD1-Inhibitors Pembrolizumab zu Chemoradiotherapie bessert bei Frauen mit neu diagnostiziertem Hochrisiko-Zervixkarzinom im Vergleich zu Placebo nicht nur das progressionsfreie Überleben (PFS), sondern auch das Gesamtüberleben (OS) signifikant (709O). „Diese Ergebnisse unterstützen den Einsatz von Pembrolizumab zusätzlich zu Chemoradiotherapie als einen neuen Standard für diese Patientinnen“, so die Schlussfolgerung von Prof. Dr. Domenica Larusso, Rom.

In der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-3-Studie ENGOT-cx11/GOG-3047/KEYNOTE-A18 wurden 1.060 Frauen in 176 Zentren in 30 Ländern mit neu diagnostizierter Hochrisikoerkrankung mit Pembrolizumab-Radiochemotherapie oder Placebo-Radiochemotherapie behandelt. Koprimäre Endpunkte waren das progressionsfreie Überleben (PFS) und das Gesamtüberleben (OS). Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 17,9 Monaten war das mediane PFS in beiden Gruppen noch nicht erreicht (veröffentlicht in The Lancet ). Das 2-Jahres-PFS betrug 68% in der Pembrolizumab-Gruppe und 57% in der Placebo-Gruppe, was einer Risikoreduktion für Progression und Tod um 30% entsprach (HR 0,70, p = 0,002).

Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von nunmehr 29,9 Monaten zeigte sich eine signifikante Verbesserung des OS durch die zusätzliche Gabe von Pembrolizumab im Vergleich zu Placebo. Das 36-Monats-OS betrug mit Pembrolizumab 82,6%, mit Placebo 74,8%, das mediane OS war in beiden Gruppen noch nicht erreicht (HR 0,67, p = 0,004). Der Nutzen von Pembrolizumab konnte in allen vordefinierten Subgruppen gesehen werden. Behandlungsbedingte Nebenwirkungen vom Grad ≥ 3 traten bei 69,1% der Patienten mit Pembrolizumab und bei 61,3% der Patienten mit Placebo auf.

Ovarialkarzinom: 5-Jahres-Ergebnisse zur Niraparib-Erhaltungstherapie

Bei Frauen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom mit homologer Rekombinations-Defizienz (HRD), die eine Erhaltungstherapie mit Niraparib bekommen haben, war das 5-Jahres-PFS mit 35% mehr als doppelt so hoch als mit Placebo mit 16%. Ein Vorteil beim Überleben konnte bei der Langzeit-Auswertung der PRIMA-Studie jedoch nicht gesehen werden (Abstract LBA29). Prof. Dr. Antonio González-Martín, Madrid, hat die Langzeitergebnisse der Phase-3-Studie vorgestellt, in der 733 Frauen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom 2:1 randomisiert mit einer Erhaltungstherapie mit Niraparib oder Placebo therapiert worden sind. 

Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 73,9 Monaten zeigte sich kein OS-Vorteil für Niraparib versus Placebo in der Gesamtgruppe (46,6 versus 48,8 Monate, HR 1,01) sowie bei Frauen mit HRD (71,9 versus 69,8 Monate, HR 0,93). Das 5-Jahres-PFS in der Gesamtgruppe lag bei 22% unter Niraparib und bei 12% unter Placebo. Bei Frauen mit HRD-Tumoren war der Unterschied mit 35 versus 16% sehr viel deutlicher. In dieser Subgruppe war auch die mediane Zeit bis zur ersten Folgetherapie mit 26,9 Monaten unter Niraparib deutlich länger als mit 13,9 Monaten unter Placebo. 

Es traten keine neuen, bislang nicht bekannten Sicherheitssignale auf.

Melanom: 10-Jahres-Daten der KEYNOTE-006-Studie

Nach einer Nachbeobachtungszeit von 10 Jahren (123,7 Monaten) war bei Patienten mit vorbehandeltem, fortgeschrittenem Melanom die Wirkung von Pembrolizumab auf das OS dem Effekt von Ipilimumab immer noch überlegen (Abstract LBA 44,  Annals of Oncology ). 

Das mediane OS betrug 32,7 Monate für Pembrolizumab im Vergleich zu 15,9 Monaten für Ipilimumab (HR, 0,71), die 10-Jahres-OS-Raten betrugen 34,0% bzw. 23,6%. Die 8- und 10-Jahres-OS-Raten lagen im Pembrolizumab-Arm bei 36,9% bzw. 34,0%; im Ipilimumab-Arm bei 24,8% bzw. 23,6%. 

Das modifizierte mediane PFS unter Pembrolizumab betrug 9,4 Monate im Vergleich zu 3,8 Monaten unter Ipilimumab (HR 0,64). Die PFS-Raten nach 8 und 10 Jahren lagen im Pembrolizumab-Arm bei 23,4% bzw. 22,0%; im Ipilimumab-Arm bei 12,8% bzw. 12,8 %.

Das mediane Melanom-spezifische Überleben (MSS) mit Pembrolizumab betrug 51,9 Monate im Vergleich zu 17,2 Monaten mit Ipilimumab (HR 0,66). Die 8- und 10-Jahres-MSS-Raten im Pembrolizumab-Arm lagen bei 46,5% bzw. 45,2%; im Ipilimumab-Arm bei 32,1% bzw. 31,3%.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

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