25. Februar 2021

Operationen und Demenz

Eingriffe könnten Alzheimer-Demenz anstoßen

Eine neue Studie bestätigt, was Angehörige häufig berichten: Größere Operationen können die Kognition noch Monate später verschlechtern und bei Risikopatienten die Entwicklung einer manifesten Alzheimer-Demenz beschleunigen.1,2

Lesedauer: 2,5 Minuten

ß-Amyloid allein verursacht noch keine Demenz

Von der ersten Läsion im Gehirn bis zur klinischen Manifestation können bei der Alzheimer-Demenz bis zu 20 Jahre vergehen. Ablagerungen des ß-Amyloid nehmen auch bei Gesunden im Alter zu – ab dem 65. Lebensjahr sind sie bereits bei einem Drittel der Bevölkerung vorhanden. Unbekannt ist jedoch, wieso bei manchen Amyloid-β-Trägern die Demenz schnell voranschreitet oder aber gar nicht erst auftritt.

„Obwohl das Phänomen der kognitiven Verschlechterung nach einer Operation seit langem bekannt ist, gibt es nur wenige Studien, die es mit Alzheimer-Demenz in Verbindung bringen,“ erklärt Carmen Lage, Erstautorin der vorliegenden Studie. „In der Klinik erzählen uns die Angehörigen der Patienten häufig, dass die Gedächtnisprobleme nach einem chirurgischen Eingriff oder einer Krankenhauseinweisung begannen. Dies warf die folgende Frage auf: Handelt es sich hierbei nur um eine verzerrte Erinnerung, oder hat die Operation das Auftreten der Symptome in einem zuvor betroffenen Gehirn ausgelöst?”

Diese Frage motivierte die Arbeit von Forschern des Universitätsklinikums Marqués de Valdecilla-IDIVAL (Spanien), die den Zusammenhang zwischen Amyloid-β-Spiegeln im Liquor (CSF) und Operationen untersuchten.

Kognitive Tests vor OP und neun Monate danach

Untersucht wurden Patienten ohne vorbestehende Demenz, die für eine orthopädische Operation in Spinalanästhesie angemeldet waren. Vor dem Eingriff führten die Forscher mit den Teilnehmern kognitive Testungen durch. Während des Eingriffs wurde Liquor entnommen, um die Amyloid-β-Spiegel zu bestimmen.  

Neun Monate später wurden die gleichen kognitiven Tests erneut durchgeführt. Unabhängig vom ß-Amyloid-Spiegel traten kognitive Defizite in 55% aller Fälle auf. Besonders betroffen war in beiden Gruppen die exekutive Funktion.

Teilnehmer mit normalem ß-Amyloid-Status hingegen verbesserten sich erwartungsgemäß in den Erinnerungs-Tests durch den Übungseffekt. Dieser blieb bei den Betroffenen mit abnormalem ß-Amyloid jedoch aus, im Gegenteil hatten sich diese Probanden besonders im visuellen und verbalen Gedächtnis verschlechtert. Dieses Defizit-Muster ist mit einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung vereinbar.

Verschlechterung nicht nur mit Amyloid-ß-Pathologie

„Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass eine größere Operation unterschiedliche Muster kognitiver Veränderungen auslösen kann, je nachdem, ob zuvor bereits pathologische Veränderungen der Alzheimer-Krankheit vorlagen oder nicht,“ fasst Lage die Ergebnisse zusammen.

„Während Probanden ohne Amyloid-β-Pathologie eine Verschlechterung zeigten, die sich nicht auf das Gedächtnis auswirkt, erlitten die Probanden mit Amyloid-β-Pathologie eine kognitive Verschlechterung, die vorwiegend das Gedächtnis betraf und die mit den ersten klinischen Manifestationen der Alzheimer-Krankheit übereinstimmten und daher mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Fortschreitens der Demenz verbunden war.”

Prääoperative Untersuchung: Mögliche Folgen für das Gehirn bestimmen?

Letztautor Dr. Pascual Sanchez-Juan fügte hinzu: „Die fortschreitende Alterung unserer Gesellschaft und die Verbesserung der chirurgischen Technik bedeuten, dass sich immer mehr ältere und gebrechliche Personen einer Operation unterziehen. Bei der präoperativen Untersuchung wird immer beurteilt, ob die Herz- oder Atemfunktion der Operation standhalten wird, aber die möglichen Folgen der Operation für das Gehirn des Patienten werden in der Regel nicht bestimmt. Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass Studien zur präoperativen Evaluierung kognitive Tests und sogar die Analyse von Alzheimer-Biomarkern einschließen sollten, vor allem, wenn diese im Plasma allgemein verfügbar werden.”

  1. Lage et al. Major Surgery Affects Memory in Individuals with Cerebral Amyloid-β Pathology. 1 Jan. 2021 : 863 – 874.
  2. EurekAlert: A new study shows the relationship between surgery and Alzheimer’s disease. 21.01.2021

Bildquelle: © gettyImages/photographer

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