23. Dezember 2020

Neue Therapieoption bei chronischem Tinnitus

Im Rahmen des LIVE-Webinars am 08. Dezember 2020 gehen Experten auf die chronische Tinnitus-Symptomatik ein und informieren zu dem vielversprechenden Ansatz der bimodalen Stimulation. 1

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf Inhalten des Webinars “Eine Hoffnung in der Tinnitustherapie“ vom 08. Dezember 2020. Redaktion: Dr. Linda Fischer

    • Prof. Prof. h. c. Dr. med. Thomas Lenarz, Direktor der HNO-Klinik des deutschen Hörzentrums (DHZ) der Medizinischen Hochschule Hannover,
    • Prof. Dr. med. Berthold Langguth, Leiter des Tinnituszentrums an der Universität Regensburg,
    • Tamás Frank, Hörakustiker und Ingenieur der HörSysGmbH,
    • Florian Elsäßer, Geschäftsführer der Neuromod Deutschland GmbH und
    • Prof. Andreas Büchner, wissenschaftlicher Leiter des DHZ.

Tinnitus entsteht meist durch geschädigte Haarzellen

Thomas Lenarz: Tinnitus ist meist das Symptom einer Schädigung des Innenohrs. Die mechanische Stimulation durch die Schallwellen wird normalerweise von den dort befindlichen Haarzellen in elektrische Information umgewandelt und die resultierenden elektrischen Signale an die zentrale Hörbahn weitergegeben. Hier wird die Information verarbeitet, es kommt zu dem „bewussten Hören“.

Bei Schädigungen der Haarzellen werden fehlerhafte Informationen weitergeleitet, die im zentralen Nervensystem verarbeitet werden und dann in das Bewusstsein vordringen können. Es kommt zu einer Hörwahrnehmung ohne äußeren Schallreiz, der das Ohr anregt.

Behandlungsansätze bei Tinnitus sind zum einen akustische Stimulation über Hörgeräte, Psychotherapie oder Medikamente, wobei letztere nur bei akutem Tinnitus eingesetzt werden. Zum anderen ist elektrische Stimulation möglich, zum Beispiel über Cochlea-Implantate. Eine neuartige Therapieoption ist die Behandlung über Neuromodulation. 1

Neue neuronale Verknüpfungen sollen den Tinnitus reduzieren

Florian Elsäßer: Seit diesem Jahr ist auf dem deutschen Markt ein Gerät zur bimodalen Neuromodulation (Lenire®) erhältlich. Bei dieser nicht-invasiven Anwendung wird gleichzeitig zur akustischen Stimulation der Ohren elektrische Stimulation der Zunge über den „Tonguetip“ und somit dem Trigeminus-Nerv gegeben. Darüber werden sowohl das somatosensorische System als auch Emotions- und Aufmerksamkeitszentren im Gehirn aktiviert. Dadurch sollen neue neuronale Verknüpfungen im Gehirn hergestellt werden, welche die Tinnitus-Symptome lindern. 1

Vielversprechende Ergebnisse in einer großen klinischen Studie

Berthold Langguth: Der durch Schädigungen der Haarzellen reduzierte neuronale Eingang zu der zentralen Hörbahn führt zu einer erhöhten Aktivität in Regionen des Hirnstamms und des Mittelhirns. 1

Dem neuen Ansatz liegt eine Verstärkung des Informationsflusses zum Zentralen Hörsystem über bimodale Neuromodulation zugrunde. Es gibt bereits Ergebnisse zweier großer klinischer Studien, in denen das hierfür angewendete Setup getestet wurde.

Eine dieser Studien ist die TENT-A1-Studie, in der die Anwendung an über 300 erwachsenen Teilnehmenden (114 Frauen) mit chronischem Tinnitus evaluiert wurde. Die Ergebnisse zeigen für alle Versuchsgruppen statistisch und klinisch siginifikante, anhaltende Effekte innerhalb der 12 Behandlungswochen und über diesen Behandlungszeitraum hinaus. 1,2

Folgestudie TENT-A2 für optimierte Stimulationsparameter läuft noch

In der nachfolgenden TENT-A2-Studie wurde und wird derzeit die Anwendung an insgesamt 191 weiteren Probandinnen und Probanden (18-70 Jahre) mit chronischem Tinnitus (THI ≥ 38 Punkte) getestet. Ziel der vierarmigen Studie ist die Optimierung der Stimulationsparameter und die Analyse von Patientenuntergruppen für die bimodale Neuromodulation. Ergebnisse hierzu wurden noch nicht publiziert, werden aber für das kommende Jahr erwartet. 1,3,4

  • Die Patientekohorte wurde zufällig auf vier Behandlungsarme aufgeteilt und angehalten, das neuromodulierende Gerät über zwölf Wochen anzuwenden. Dabei wurden die Stimulationsparameter jeweils von der ersten auf die zweite Behandlungshälfte abgeändert. Der Tinnitus Handicap Invetory (THI)-Score wird dann innerhalb und zwischen den Gruppen verglichen. 1,3,4

    Gruppe 1: (A) Um die Ergebnisse der Tent-A1- mit der Tent-A2-Studie zu vergleichen wurden beide Ohren und die Zunge gleichzeitig stimuliert. Verwendet wurden Sinustöne von 0,5 bis 7 kHz mit hintergründigem, breitbandigem Rauschen und elektrische Pulsstimulation der Zungenspitze. Die Präsentationsrate der gepaarten Stimuli belief sich auf 12,5 Hz.

    (B) Um herauszufinden, ob ein abgeändertes Stimulationssetting zu (1) therapeutische Effekte verbessert, wurde die elektronische Stimulation randomisiert um 0 bis 30 ms zur akustischen Stimulation verschoben. Hinzu kamen randomisierte, räumliche Änderungen der Tonguetip-Lokalisation.  

    Gruppe 2: (A) Um Stimulationseigenschaften aus Gruppe 1 (1) zu bestimmen, die erforderlich sind, um den Schweregrad der Tinnitus-Symptome zu verbessern, wurden tieffrequente Sinustöne von 0,5 bis 1 kHz ohne Hintergrundrauschen mit einer randomisierten, rund eine Sekunde verzögerten und räumlich variierenden Tonguetip-Stimulation kombiniert. Die Präsentationsrate lag bei 0,5 Hz.

    (B): Um die Wirksamkeit und Verträglichkeit einer rauschenden Zungenstimulation anstelle von Sinustönen zu untersuchen, wurde ähnlich wie in Gruppe 1 (2) stimuliert. Der Unterschied lag lediglich in der Verwendung von breitbandigem Rauschen als akustische Stimulation, anstatt von Sinustönen.

    Gruppe 3: (A): Um zu testen, ob ein breiteres Spektrum tonaler Stimuli einen besseren therapeutischen Effekt bringt, wurde ähnlich wie in Gruppe 2 (1) stimuliert. Der Unterschied: Der Tonstimulus bestand aus multiplen simultanen Tönen anstelle eines einzigen Sinustons.

    (B): Um Carry-over Effekte auszuschließen, wurde wie in Gruppe 1 (2) stimuliert.

    Gruppe 4: (A) Um den Effekt der Zungenstimulation zu eruieren, wurde zunächst wie in Gruppe 2 (1) stimuliert, ohne Tonguetip.

    (B) Dann wurde die Zungenstimulation wieder mit eingesetzt und wie in Gruppe 2 (1) stimuliert, um Carry-over Effekte auszuschließen.  

Thomas Lenarz: Um außerdem zu testen, ob die Ergebnisse der TENT-A1-Studie in der Praxis reproduziert werden können und um die Wirksamkeit der Anwendung zu beurteilen, werden derzeit zusätzlich Patientinnen und Patienten mit chronischem Tinnitus an der Medizinischen Hochschule Hannover während der klinischen Anwendung beobachtet. 1

  1. Webinar: Eine Hoffnung in der Tinnitus-Therapie mit Lenire®, Videoaufzeichnung vom 08. Dezember 2020, aufgerufen am 22.12.2020
  2. TENT-A1-Studie: U.S. National Library of Medicine “Treatment Evaluation of Neuromodulation for Tinnitus (TENT-A)
  3. TENT-A2-Studie: U.S. National Library of Medicine “Treatment Evaluation of Neuromodulation for Tinnitus – Stage A2 (TENT-A2)
  4. Conlon et al.: “Noninvasive Bimodal Neuromodulation for the Treatment of Tinnitus: Protocol for a Second Large-Scale Double-Blind Randomized Clinical Trial to Optimize Stimulation Parametersin JMIR Research Protocols (2019)

Bildquelle: © Getty Images / SinArtCreative

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