04. Juni 2021

Demenz

Mediterrane Ernährung gegen Gedächtnisverlust

Wer sich stärker an Prinzipien der mediterranen Ernährung orientiert, kann möglicherweise sein individuelles Risiko für eine Alzheimer-Demenz senken. Das berichten Forschende um Prof. Dr. Michael Wagner vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Neurology. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Autorin: Antje Sieb

Die Forschenden befragten 521 Personen im Alter von durchschnittlich 70 Jahren nach ihrer Ernährung und erfassten ihre Gehirnvolumina, kognitiven Fähigkeiten und Alzheimer-Biomarker im Liquor. Dabei zeigte sich, dass mediterrane Kost mit mehr grauer Substanz in Hirnbereichen wie dem Hippocampus assoziiert war. Auch die Erinnerung funktionierte besser als bei Teilnehmenden, die weniger Mittelmeerkost verzehrten. Und Biomarker im Nervenwasser, die auf pathologische Amyloid-Plaques und sich anreichernde Tau-Proteine hinweisen können, waren bei Personen mit mediterraner Ernährung ebenfalls weniger stark ausgeprägt.

„Mehrere Umbrella-Reviews zeigen bereits eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Mittelmeerdiät das Risiko für Alzheimer senken kann“, erklärt Prof. Dr. Gunter P. Eckert von der Justus-Liebig-Universität Gießen im Gespräch mit Medscape. Das könne man nun auch in einer deutschen Population sehen.

Studie bezieht verschiedene Alzheimer-Stadien ein

In ihre Studie nahmen die Forschenden 169 kognitiv Gesunde sowie Personen mit erhöhtem Alzheimer-Risiko auf. Darunter waren enge Verwandte von bereits Erkrankten, Menschen mit subjektiven kognitiven Einschränkungen, die in Tests aber noch unauffällige Werte erreichten, sowie Menschen mit milden kognitiven Einschränkungen. Ein Teil der Kohorte rekrutierte sich aus der laufenden DELCODE-Studie des DZNE mit zirka 1.000 Personen im Frühstadium der Alzheimer-Erkrankung.

Bei allen Teilnehmenden wurde per MRT-Gehirnscan das Hirnvolumen berechnet, und alle Personen unterzogen sich neuropsychologischen Tests. 226 Personen stimmten auch einer Entnahme von Liquor zu, so dass bei ihnen die Biomarker Aß 42/40 und pTau 181 bestimmt werden konnten. Die Moleküle sollen pathologische Veränderungen frühzeitig anzeigen.

Bekanntlich finden sich im Gehirn von Alzheimer-Erkrankten typische Ablagerungen von ß-Amyloid, sogenannte Plaques, und Tau-Proteine verkleben das Innere von Nervenzellen. Auch das Hirnvolumen nimmt ab.

Errechneter Score zeigt Alter des Gehirns an

Um einen Score für die Mittelmeerdiät zu errechnen, vergaben die Forschenden Punkte für neun Lebensmittelgruppen. Fisch, Gemüse, Früchte und Nüsse, Hülsenfrüchte und Getreide sowie ein gutes Verhältnis von einfach ungesättigten zu gesättigten Fettsäuren wurde jeweils mit einem Punkt bewertet, falls der Verzehr über dem Mittelwert der Gruppe lag. Der Fleisch- und Milchprodukte-Konsum musste hingegen unter bestimmten Grenzen liegen, um den Score zu erhöhen. Auch mäßiger Alkoholkonsum zählte im Sinne der Mittelmeerkost als Score-Punkt.

Teilnehmende konnten bis zu neun Ernährungspunkte erreichen – nicht nach festen Zielwerten, sondern im Vergleich zur gesamten Gruppe. Die Annahme der Autorenschaft: Ältere Menschen sind in ihrer Ernährung relativ konstant, so dass auch die einmalige Abfrage Rückschlüsse über die Ernährung der Vergangenheit ermöglicht. „Die meisten Menschen in Deutschland ernähren sich nicht besonders mediterran“, kommentiert Eckert.

Pro zusätzlichem Punkt im Ernährungsscore wird das Gehirn quasi etwas jünger. Fast ein Jahr könnte man beim Hirnvolumen im Hippocampus gewinnen, wo sich Veränderungen durch die Alzheimer-Erkrankung als erstes zeigen. Die Erinnerung ist ebenfalls so gut als wäre man ein Jahr jünger.

Eckert hält allerdings nicht allzu viel von solchen Kalkulationen. „Das ist eine rein statistische Berechnung, und sowas kann man eigentlich auch nur in klinischen Studien machen“, meint der Ernährungsforscher. Er zweifelt an der Aussagekraft solcher Zahlen für einzelne Menschen.

Auch nicht mittelmeertypische Ernährung präventiv wirksam?

Zudem stellt Eckert klar, dass es sich bei der Mittelmeerkost um eine schwer zu definierende Ernährungsform handele. „Die mediterrane Diät ist ein Kunstprodukt, die Menschen im Mittelmeerraum ernähren sich sehr unterschiedlich, und heutzutage auch nicht mehr wirklich gesund.“

Deshalb hält es der Ernährungsforscher durchaus für möglich, dass eine nicht mittelmeertypische gesunde Ernährung, wie sie etwa durch Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung definiert wird, präventiv wirksam sein könnte. Auch die Studienautoren nennen Belege. Ohnehin, sagt Eckert, deute vieles darauf hin, dass ein multifaktorieller Ansatz am wirksamsten bei der Vorbeugung von Alzheimer sei. „Bewegung und kognitive Anregung gehören ebenfalls dazu.“

Gesunde Ernährung trägt zum Erhalt von Gehirnfunktionen bei

Biologische Mechanismen, die Ernährung und die Alzheimer in Verbindung bringen, sind bislang unbekannt. Erstautor Dr. Tommaso Ballarini vom DZNE und seine Kollegen vermuten, dass gesunde Ernährung in der Lage ist, mögliche Trigger der pathologischen Ereignisse zu beeinflussen. Als Beispiele nennen sie Entzündungsprozesse und oxidativen Stress. Auf diesem Weg könnte eine mediterrane Ernährung zum Erhalt der Gehirnfunktionen beitragen.

Die Autoren planen, ihre Studienteilnehmer in vier bis fünf Jahren erneut zu untersuchen, um festzustellen, wie sich die Mittelmeerkost auf die Entwicklung der in der aktuellen Studie betrachteten Marker auswirkt.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

  1. Ballarini et al: „Mediterranean Diet, Alzheimer Disease Biomarkers and Brain Atrophy in Old Agein Neurology (Mai, 2021)

Bildquelle: © gettyImages/SolStock

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