01. Dezember 2020

DGN-Kongress 2020

Neurone bilden Synapsen mit Hautzellen

Die Erforschung der schmerzhaften Small Fiber Neuropathie (SFN) fördert die überraschende Beziehung zwischen Haut- und Nervenzellen zutage. Darüber berichtete Prof. Dr. med. Nurcan Üçeyler vom Universitätsklinikum Würzburg in ihrem Vortrag auf dem DGN-Kongress 2020. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Artikel basiert auf dem Webcast „Neuropathische Schmerzen – viele Wege, ein Ziel“ von Prof. Üçeyler auf dem DGN-Kongress 2020. Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera.

Kein diagnostischer Goldstandard bei „brennenden Füßen“

Typische Symptome der SFN, einer Erkrankung der A-delta und C-Nervenfasern, sind Dysästhesien und brennende Schmerzen in den Akren (z.B. „brennende Füße“). Einen diagnostischen Goldstandard gibt es bislang noch nicht.

Typischerweise findet man in der histologischen Untersuchung von Hautproben eine Reduktion der Nervenfasern, wobei eine normale Nervenfaserdichte eine SFN nicht ausschließt. Die Elektroneurographie liefert normale bis leicht pathologische Befunde, da die großen Nervenfasern in der Regel nicht betroffen sind. Die Erkrankung ist nicht bis kaum progredient.

Neurone halten sich an die Keratinozyten

In den letzten Jahren wurde vermehrt nach der Ursache der Entstehung der Small Fiber Neuropathien geforscht. So könnte hinter der Rarefizierung der Nervenfasern auch der Einfluss von umliegenden Zellen aus der Haut stecken.

Um den Gehalt dieser Theorie zu prüfen, kultivierten Kreß und Kollegen2 für ein kürzlich publiziertes in-vitro-Experiment menschliche Keratinozyten gemeinsam mit sensiblen Neuronen. Dabei zeigte sich, dass die Nervenfasern entlang der Keratinozyten wachsen, Fibroblasten hingegen keinen solchen Verbund mit den Nervenzellen eingingen. Auch andere Arbeitsgruppen konnten dieses Phänomen bereits beobachten.

Weiterhin zeigten die Forscher, dass Mediatoren, die von Keratinozyten ausgeschüttet werden, einen signifikanten Einfluss auf das Wachstum der Neuriten haben.

Interleukine ändern das Ruhemembranpotenzial

In einer älteren Untersuchung konnten Prof. Üçeyler und Kollegen in Vollhautbiopsaten von Patienten mit langdauernder SFN eine verstärkte Genexpression von IL-6 und IL-8 nachweisen. Kürzlich konnten sie nun zeigen, dass Fibroblasten von SFN-Patienten genau diese hochregulierte Genexpression zeigen. Bringt man murine sensible Neurone mit IL-6 in Kontakt, steigt das Ruhemembranpotenzial und die Feuerfrequenz der Aktionspotenziale. Sprich: Die Neurone werden durch die Mediatoren leichter erregbar.2

Neurone bilden synaptische Kontakte mit Keratinozyten

Diese Erkenntnisse ergänzen die französischen Forscher um Talagas et al. mit überraschenden Bildern aus dem Mikroskop. Sie versuchten darzustellen, ob und welche Berührungspunkte zwischen Keratinozyten und sensiblen Neuronen bestehen. Dank spezifischer Färbungen sieht man, wie sich eine Nervenzelle um einen Keratinozyt herumwindet und über synaptische Kontakte mit ihm in Verbindung zu stehen scheint, angezeigt durch den Marker Synaptotagmin 1.3

Neurone „durchwachsen“ Hautzellen

Die Beziehung zwischen den beiden Zelltypen kann sogar noch enger werden, wie eine andere, noch unveröffentlichte Arbeit zeigt. Durch die Kombination von Elektronenmikroskopie und Immunfluoreszenz offenbart sich, dass ein Neuron auch von einem Keratinozyten umschlossen werden kann.

Die Rolle der Hautzellen bei neuropathischen Schmerzen wurde bis vor kurzem stark unterschätzt. Zukünftige Behandlungsmöglichkeiten können, topisch wie systemisch, an eben diesen Zellkontakten ansetzen.

  1. DGN-Kongress 2020: „Neuropathische Schmerzen – viele Wege, ein Ziel“ Webcast mit Dozentin Prof. Dr. med. Nurcan Üçeyler
  2. Kreß et al.: Differential impact of keratinocytes and fibroblasts on nociceptor degeneration and sensitization in small fiber neuropathy. Pain: November 12, 2020.
  3. Talagas et al.: Keratinocytes Communicate with Sensory Neurons via Synaptic‐like Contacts. Ann Neurol 2020;88:1205–1219

Bildquelle: © Getty Images/gremlin

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