22. Februar 2021

Narkolepsie – ein Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen

Niedrige Hypocretin-Werte und unruhige Nächte erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen mit Narkolepsie. Ein Team um Prof. Poul Jorgen Jennum veröffentlichte nun einen Übersichtsartikel zu dem aktuellen Stand der Forschung.1

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. Linda Fischer

Patienten mit Narkolepsie sind häufig einem erhöhten Risiko für diverse kardiovaskuläre Erkrankungen und weitere Komorbiditäten ausgesetzt. Deshalb sollte ihr Herz-Kreislauf-System regelmäßig untersucht werden, einschließlich einer ambulanten Überwachung des Blutdrucks.

Laut dem vorliegenden Übersichtsartikel sollten jegliche Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Narkolepsie-Patienten reduziert beziehungsweise angepasst werden. Dazu gehören etwa Rauchen und die Schlafhygiene. Darüber hinaus sollten zur Behandlung Medikamente eingesetzt werden, die einerseits Narkolepsie-Symptome lindern und andererseits das kardiovaskuläre System möglichst nicht beeinträchtigen.1

Narkolepsie begleitet Betroffene ein Leben lang

Narkolepsie wird über klinische Symptome, neurophysiologische Befunde und den Hypocretin-1-Wert in der zerebrospinalen Flüssigkeit diagnostiziert. Übermäßige Tagesmüdigkeit, gestörter Nachtschlaf, schlafbezogene Halluzinationen und Schlafparalyse können Betroffene ein Leben lang begleiten – ebenso wie die Kataplexie, die bei der Typ-1-Narkolepsie (NT1), nicht jedoch beim Typ 2 (NT2) auftritt.

In Deutschland betrifft die Narkolepsie 20-50 pro 100.000 Menschen. Die Symptome setzen typischerweise im Jugendalter ein, oft wird die Diagnose jedoch erst Jahre später gestellt.1

Oft liegen weitere Komorbiditäten vor

Personen mit Nakrolepsie leiden unter einem fehlregulierten Schlaf-Wach-Zyklus. Die Werte des Neuropeptids Hypocretin-1, welches Herzrate und Blutdruck beeinflusst, liegen bei den Betroffenen mit NT1 mit weniger als 110 pg/ml deutlich unterhalb des Normwertes von > 200 pg/ml. 1-3 Bei diesen Patienten fällt der Blutdruck nachts nicht ab, was in der allgemeinen Bevölkerung mit einer erhöhten Mortalität assoziiert ist. Außerdem erhöhen der gestörte Nachtschlaf und die starke Tagesmüdigkeit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.1

Bei den Betroffenen liegen häufig weitere Komorbiditäten vor, wie Übergewicht, Diabetes, Depressionen und andere Schlafstörungen, die alle das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen.1,4

Hohe Gesamtmortalität durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Eine groß angelegte Datenanalyse der Jahre 2008 bis 2010 zeigte eine etwa 1,5-fach erhöhte Gesamtmortalität von Narkolepsie-Betroffenen im Bezug zur Vergleichskohorte. Der Grund dafür waren vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen.5 Der biologische Mechanismsus, der dieser Assoziation zugrunde liegt, bleibt jedoch unklar. Außerdem gilt zu klären, ob und wie sich die Narkolepsie Typ 1 vom Typ 2 in dieser Hinsicht unterscheidet.1

Nachtschlaf stärker gestört bei niedrigem Hypocretin-Level

Hypocretinerge Zellen projizieren vom Hypothalamus in das zentrale Nervensystem, einschließlich in Regionen, die wichtig sind für die Schlaf/Wach- und autonome Regulation.6 Es gibt bereits Hinweise auf einen Zusammenhang des Hypocretin-Levels mit gestörtem Nachtschlaf.1 Eine Studie zeigte etwa einen stärker gestörten Nachtschlaf bei Personen mit NT1 im Vergleich zu Personen mit NT2. Darüber hinaus schliefen NT1-Patienten mit einem besonders niedrigen Hypocretin-Wert schlechter als solche mit einem mittleren Wert (40-50 versus 100 pg/ml). 2

Niedriges Hypocretin-Level als potentielles kardiovaskuläres Risiko

Sowohl vorklinische als auch klinische Arbeiten zeigen ungünstige Auswirkungen eines Hypocretin-Defizits auf pathophysiologische Mechanismen, die kardiovaskuläre Erkrankungen fördern. Obwohl die zugrundeliegenden Mechanismen bis heute nicht genau definiert werden können, zielen Forschungsansätze derzeit auf autonome Dysfunktionen, die den nächtlichen Blutdruck beeinflussen, eine erhöhte Zahl an zirkulierenden Leukozyten, und eine erhöhte Empfänglichkeit für Atherosklerose und Herzfibrose.1

Andere Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen

Über den Hypocretin-Wert hinaus wird das Herz-Kreislauf-System von weiteren Faktoren beeinflusst. So zeigen Daten einer Studie über Kinder mit NT1 häufiger ein ungewöhnlich frühes Einsetzen der Pubertät im Vergleich zu Kindern ohne NT1.7 Und dieses frühe Einsetzen der Pubertät ist mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Mortalität im Erwachsenenalter assoziiert.8

Auch Rauchen kommt als potentieller Risikofaktor in Frage und ist unter narkoleptischen Personen weiter verbreitet als bei gesunden Kontrollen.9 Außerdem gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für obstruktive Schlafapnoe und für periodische Bewegungen der Extremitäten im Schlaf.1,4 Beide Störungen für sich sind ebenfalls mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko und erhöhter Sterblichkeit assoziiert.10,11

Dass Schlafstörungen das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen können, ist bereits bekannt, und bezieht sich insbesondere auf die Schlafdauer.12 Bei Narkolepsie-Patienten ist die Schlafdauer selbst zwar meist nicht beeinträchtigt, andere Schlafcharakteristika hingegen schon.1

Medikamente: Kardiovaskuläre Auswirkungen noch unklar

Medikamente zur Behandlung von Narkolepsie-Symptomen stehen unter dem Verdacht, sich negativ auf das kardiovaskuläre System auszuwirken. Allerdings fehlen bis heute aussagekräftige Langzeitdaten dazu, obwohl gerade bei Patienten mit Typ-1-Narkolepsie langjährig mit diesen Substanzen behandelt werden.1

  1. Jennum et al.: „Cardiovascular disorders in narcolepsy: Review of associations and determinantsin Sleep Medicine Reviews (2021)
  2. Vandi et al.: “Cardiovascular autonomic dysfunction, altered sleep architecture, and muscle overactivity during nocturnal sleep in pediatric patients with narcolepsy type 1in Sleep (2019)
  3. Otto: “Hinweise und Informationen zur Orexin (Hypokretin-1)-Bestimmung” Universitätsklinikum Ulm Poliklinik für Neurologie, aufgerufen am 22.02.2021
  4. Cohen et al.: “Comorbidities in a community sample of narcolepsyin Sleep Medicine (2018)
  5.  Ohayon et al.: “Increased Mortality in Narcolepsyin Sleep (2014)Increased Mortality in Narcolepsy
  6. Bastianini und Silvano: “Clinical implications of basic research: The role of hypocretin/orexin neurons in the central autonomic network”, in Clinical & Translational Neuroscience (2018)
  7. Poli et al.: “High Prevalence of Precocious Puberty and Obesity in Childhood Narcolepsy with Cataplexyin Sleep (2013)
  8. Prentice und Viner.: “Pubertal timing and adult obesity and cardiometabolic risk in women and men: a systematic review and meta-analysisin International Journal of Obesity  (2013)
  9. Barateau et al.: “Smoking, Alcohol, Drug Use, Abuse and Dependence in Narcolepsy and Idiopathic Hypersomnia: A Case-Control Study in Neurological Disorders (2016)
  10. Huang et al.: “Periodic limb movements during sleep are associated with cardiovascular diseases: A systematic review and meta‐analysisin Journal of Sleep Research (2018)
  11. Wang et al.: “Obstructive sleep apnea and risk of cardiovascular disease and all-cause mortality: a meta-analysis of prospective cohort studiesin International Journal of Cardiology (2013)
  12. St-Onge et al.: “Sleep Duration and Quality: Impact on Lifestyle Behaviors and Cardiometabolic Health: A Scientific Statement From the American Heart Associationin Circulation (2016)

Bildquelle: © Getty Images/AntonioGuillem

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