05. Juli 2021

Journal Club

Neuropsychiatrische Folgen von COVID-19

Dr. Jonathan Roger und Prof. Anthony David vom University College London, die im Feld der Neuropsychiatrie forschen, kommentieren in The Lancet Psychiatry die ersten, groß angelegten Auswertungen über die neuropsychiatrischen Folgen von COVID-19. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Häufiger neuropsychiatrische Erstdiagnosen

Forscher um Maxime Taquet von der Universität Oxford stellten in einer ersten Studie mit Real-World-Daten zunächst fest, dass die Erstdiagnose einer neurologischen oder psychiatrischen Diagnose in den ersten drei Monaten nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 häufiger vorkommt als bei anderen akuten Erkrankungen.

Im nächsten Schritt verglichen sie das Risiko von COVID-19-Patienten, eine neurologische oder psychiatrische Erkrankung zu entwickeln, mit dem von Influenza-Patienten sowie dem von Patienten mit anderen Atemwegserkrankungen. Mithilfe großer Gesundheits-Datenbanken werteten sie Daten von mehr als 230 000 COVID-19-Patienten, mehr als 100 000 Influenza-Patienten und nochmal 230 000 Patienten mit anderen Erkrankungen aus.

Risiko im Vergleich zu Influenza deutlich erhöht

Das Ergebnis: Etwa ein Drittel der COVID-19-Patienten entwickelte neurologische oder psychiatrische Störungen innerhalb von 6 Monaten nach der Infektion, bei etwa 13% handelte es sich um eine Erstdiagnose. Dabei war besonders die Gefahr für eine neu aufgetretene neurologische oder psychiatrische Erkrankung erhöht, im Vergleich zu Influenza-Patienten um 78% und im Vergleich zu anderen Atemwegserkrankungen um 32%.

Doch die Kommentatoren hinterfragen die Aussagen, die aus einem so großen Datensatz gezogen werden können: Immerhin werden wohl die meisten Infektionen mit SARS-CoV-2 nicht registriert. Auch die Anamnese der Patienten ist oft unvollständig, sodass vorbestehende neurologische oder psychische Probleme fälschlicherweise als neu interpretiert werden können.

Einige Fazits der Studien sind:

  • Das Guillain-Barré-Syndrom kommt unter COVID-19 nicht häufiger vor
  • Die Erkrankung erhöht das Risiko für ischämische Insulte und intrakranielle Blutungen
  • Das Risiko für eine Demenz scheint ebenfalls zu steigen
  • Die vermehrten psychiatrischen Erkrankungen (affektive und Angststörungen, Insomnie und Substanzmissbrauch) könnten eher eine psychosoziale Ursache haben, als dass sie aus dem Pathomechanismus der Infektion hervorgehen
  • Psychotische Störungen kamen bei schwer erkrankten COVID-19-Patienten deutlich häufiger vor, besonders wenn eine Enzephalopathie bestand. Ob es sich hier jedoch um einen neurologischen Zusammenhang handelt, ist laut den Kommentatoren noch unklar.

Expertenstatement

Seit Jahrzehnten hat keine Erkrankung mehr wie COVID-19 mit solch gravierenden Folgen den Alltag der Menschen rund um den Globus irritiert. Auch wenn erfreulicherweise im Moment die Inzidenzen für COVID-19 in Europa und insbesondere in Deutschland deutlich zurückgehen, wird die Pandemie sicherlich weiter bestehen und durch den wieder zunehmenden Tourismus muss auch hier zulande wieder mit neuen Infektionszahlen gerechnet werden.

Andererseits hat es aber auch noch nie in der Medizingeschichte einen so umfassenden und schnellen globalen Austausch an medizinischen / wissenschaftlichen Informationen gegeben, von der Genomanalyse des Virus bis hin zur Entwicklung von neuartigen Impfstoffen. Auch wenn die Zahlen akut Erkrankter und die intensivpflichtigen Patienten sich aktuell deutlich reduzieren, werden wir mit den Folgen von COVID-19 wahrscheinlich noch lange zu tun haben. Umso wichtiger ist es Daten zu erhalten, die nicht nur über mögliche neue neurologische und psychiatrische Erkrankungen informieren, sondern auch Hinweise über die mögliche Häufigkeit von Langzeitfolgen in Zukunft geben. Dazu sind multinationale Real-World-Datenbanken geeignet, die solche Tendenzen aufzeigen können.

Schon Anfang 2020 zeigte sich, dass das Virus SARS-Cov-2 keineswegs nur die Atemwege infiziert, sondern auch teils neuartige neuroinfektiöse, -autoimmunologische und -vaskuläre Komplikationen verursacht. Standen zunächst die schwer erkrankten und intensivpflichtigen Patienten im Fokus, so zeigte sich im Verlauf der Pandemie, dass auch initial asymptomatisch Infizierte neuropsychiatrische Symptome entwickeln können.

Zudem persistierten nach den akuten respiratorischen Symptomen Beschwerden wie Müdigkeit, allgemeine Erschöpfung und verminderte psychophysische Belastbarkeit (Fatigue-Syndrom), Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, Geruchs- und Geschmackstörungen, Angst und depressive sowie psychotische Symptome. Dieser Beschwerdekomplex wird als Long- oder Post-COVID-19-Syndrom bezeichnet, wenn die Dauer länger als drei Monate beträgt. Unabhängig von der initialen Schwere der Erkrankung, klagen innerhalb der ersten sechs Monate bis zu zwei Drittel der Patienten über einzelne Symptome. Die Langzeitfolgen hinsichtlich der Teilhabe am Alltag und Erwerbsleben sind zurzeit kaum abschätzbar.

Andererseits haben die gesellschaftspolitischen Restriktionen des monatelangen Lockdowns Menschen in bis dato unbekanntem Ausmaß verunsichert und verängstigt. Wie wichtig Sozialkontakte als stabilisierende Faktoren für die eigene Psyche sind, zeigen die deutlich ansteigenden Zahlen psychisch auffälliger und erkrankter Kinder und Jugendlicher nach der monatelangen Schließung des regulären Schulbetriebs. Erfreulicherweise scheinen nach den Datenauswertungen diese Probleme doch eher sekundär durch die sozialen Restriktionen bedingt zu sein.

Trotz allem aktuellen Optimismus, COVID-19 wird uns global gesehen als Infektionswellen mit unterschiedlichen nationalen Schwerpunkten weiter bedrohen. Die Langzeitfolgen bereits Infizierter und teilweise Genesener werden uns noch lange begleiten. Hinsichtlich Post-COVID-19 werden wir, insbesondere im ambulanten Bereich, neue Diagnosealgorithmen entwickeln müssen. Zudem etablieren sich an Schwerpunktkrankenhäusern Spezialambulanzen, um dieses neue Krankheitsbild auch systematisch zu erfassen, denn weitere Informationen sind notwendig wann und wie bei Post-COVID-19 therapeutisch interveniert werden kann.

Dr. med.Christoph Stenzel ist Facharzt für Neurologie. In seiner Ausbildungszeit war er in der Inneren Medizin, Neurochirurgie, Psychiatrie und Neurologie an verschieden Universitäts-Kliniken und akademischen Lehrkrankenhäusern in Bonn, Düsseldorf und Köln tätig. Seit 2000 ist er leitender Facharzt im MVZ Köln-Rodenkirchen, Abteilung Neurologie.

  1. Rogers JP, David AS. A longer look at COVID-19 and neuropsychiatric outcomes. Lancet Psychiatry. 2021;8(5):351-352. doi:10.1016/S2215-0366(21)00120-6

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653