24. Februar 2021

Pseudotumor cerebri

Massiver Anstieg von Inzidenz und Prävalenz

Die idiopathische intrakranielle Hypertonie, auch bekannt als Pseudotumor cerebri, wird laut einer walisischen Studie immer häufiger diagnostiziert. Das könnte am Körpergewicht und an sozialer Benachteiligung liegen. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf den Inhalten der Studie “Incidence, Prevalence and Healthcare Outcomes in Idiopathic Intracranial Hypertension: A Population Study” in Neurology (2021). 1 Redaktion: Dr. Linda Fischer

IIH: Eine Erkrankung mit unbekannter Ursache

Idiopathische intrakranielle Hypertonie (IIH), auch als Pseudotumor cerebri bezeichnet, betrifft vorwiegend Frauen im gebärfähigen Alter. Sie verursacht chronische Kopfschmerzen und Sehstörungen, die die Betroffenen außer Gefecht setzen, oder kostet sogar, in einem kleinen Teil der Betroffenen, permanent das Sehvermögen. Die Ursache für diese Erkrankung ist bis heute unbekannt, IIH ist jedoch stark mit Fettleibigkeit assoziiert. Da der Anteil an übergewichtigen Menschen weltweit steigt, liegt die Vermutung nahe, dass auch die Inzidenz an IIH-Erkrankten zunimmt.

Ein Team um Dr. William Owen Pickrell untersuchte diesen Zusammenhang nun in einer kürzlich veröffentlichten, walisischen Studie und nahm darüber hinaus den Einfluss der gesellschaftlichen Position der Betroffenen auf die Erkrankung unter die Lupe. Das Ergebnis: Inzidenz und Prävalenz von IIH stiegen mit zunehmendem Body-Mass-Index (BMI) und mit niedrigerem gesellschaftlichen Status der Betroffenen. 1

  • Der gesellschaftliche Status umfasste sozioökonomische Bereiche, wie das Einkommen, die Beschäftigung, den Gesundheitszustand, den Bildungsgrad, den Zugang zu Dienstleistungen im Gesundheitsbereich, die Wohnsituation und das Sicherheitsgefühl in der Gemeinschaft. 1

Hohe Inanspruchnahme des Gesundheitssystems

IIH-Patienten beanspruchen das Gesundheitssystem in einem hohen Maße aufgrund ihrer Komorbiditäten, dem Hinzuziehen von (mehreren) Spezialisten, diagnostischen Tests, speziellen chirurgischen Eingriffen und auch potentiellen Komplikationen bei diesen Eingriffen.

Die zunehmenden BMI- und damit auch IIH-Zahlen bringen deshalb womöglich eine erhöhte Kostenbelastung des Gesundheitssystems mit sich und könnte Folgen sowohl für das Gesundheitspersonal als auch für politische Entscheidungsträger haben. 1

Die Studie

Für die retrospektive Studie wurden routinemäßig erhobene Personendaten von 2003 bis 2017 aus der Datenbank „Secure Anonymised Information Linkage“ (SAIL) verwendet. Diese walisische Datenbank speichert anonymisierte Personendaten, die zu Forschungszwecken verwendet werden können, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der allgemeinen Bevölkerung und Dienstleistungen des Gesundheitssektors zu verbessern. 1,2

Miteinbezogen wurden Daten zu dem BMI und dem gesellschaftlichen Status von Personen mit IIH und von Kontrollen. Normalerweise zielt die Standardbehandlung darauf ab, das Körpergewicht zu reduzieren, allerdings benötigt ein kleiner Anteil der Betroffenen einen chirurgischen Eingriff, um das durch IIH beeinträchtigte Sehvermögen zu erhalten. Deshalb wurde zusätzlich ermittelt, ob sich Personen einem chirurgischen Eingriff unterziehen mussten, um zerebrospinale Flüssigkeit aus dem Gehirn abzulenken (CFS), und ob ungeplante Klinikaufenthalte erfolgten. 1,3

  • Für die Auswertung des BMI (kg/m2) wurde der Wert verwendet, der zeitlich am nächsten zu der IIH-Diagnose dokumentiert wurde.

    Ungeplante Krankenhausaufenthalte waren definiert als Krankenhausbesuche durch Notaufnahme oder eine Notfall- oder ungeplante Aufnahme ins Krankenhaus. 1

IIH betrifft zu 85 % Frauen, Inzidenz steigend

Im Rahmen der Studie wurden insgesamt 35 Millionen Patientenjahre analysiert. Im Jahr 2017 betrug der Frauenanteil an den insgesamt 1765 dokumentierten IIH-Fällen 85 %. Prävalenz und Inzidenz stiegen vom Jahr 2003 bis 2017 signifikant an, und zwar von  12 und 2,3/100 000 Personen pro Jahr auf 76 und 7,8/100 000 Personen pro Jahr. 1

BMI und CSF-Shunts als Risikofaktoren für IIH

Abb. 1: CSF-Shunt, erstellt mit BioRender.com

Personen mit einem höheren BMI und niedrigerem gesellschaftlichem Status waren mit einem höheren Risiko für die Entwicklung einer IIH assoziiert. Unabhängig von BMI und Geschlecht, lag das Quotenverhältnis, eine IIH bei einem niedrigen gesellschaftlichen Status zu entwickeln, bei 0,65 (95 % KI: 0,55 bis 0,76).

Ein weiterer mit IIH assoziierter Faktor sind chirurgische Eingriffe zur Bewältigung der IIH: 9 % der IIH-Fälle hatten Shunts in Folge einer CFS-Operation, und knapp 0,2 % davon hatten sich einem chirurgischen Adipositas-Eingriff unterzogen.

Außerdem ereigneten sich ungeplante Klinikaufnahmen häufiger in der IIH-Kohorte im Vergleich zur Kontrolle (Ratenverhältnis: 5,28) und häufiger bei Personen mit IIH und CSF-Shunt im Vergleich zu Personen mit IIH ohne Shunt (Ratenverhältnis: 2,02). 1

  1. Miah und Strafford et al.: „Incidence, Prevalence and Healthcare Outcomes in Idiopathic Intracranial Hypertension: A Population Studyin Neurology (Accepted, Preprint, Januar, 2021)
  2. SAIL Databank, aufgerufen am 23.02.2021
  3. Mollan et al.: “The expanding burden of idiopathic intracranial hypertensionin Eye (2019)

Bildquelle: © Getty Images/ Prostock-Studio

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653