25. November 2020

DGN Kongress 2020

Pharmakoresistente Epilepsien: Gesundheitliche und ökonomische Konsequenzen

Epilepsie-Erkrankungen mit therapierefraktärem Verlauf (SDRE) bergen hohe Kosten für den Patienten und die Gesellschaft. In seinem Vortrag informiert Prof. Dr. Adam Strzelczyk sowohl über die Anwendung von Antiepileptika und (Ko-)Morbiditäten bei SDRE-Patienten, als auch Präventionsmaßnahmen gegen generalisierte tonisch-klonische Anfälle. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Artikel basiert auf dem Vortrag „Pharmakoresistente Epilepsien: Gesundheitliche und ökonomische Konsequenzen“ von Prof. Dr. Adam Strzelczyk auf dem DGN-Kongress 2020. Redaktion: Dr. Linda Fischer.

0,5 bis 1 Prozent aller Menschen weltweit haben epileptische Anfälle  

Ein therapierefraktärer Verlauf der Epilepsie-Erkrankung birgt eine multifaktorielle Belastung der Betroffenen. Die entstehenden Kosten für den Patienten, die Gesellschaft und die Versicherer teilen sich auf in:

  • direkt-medizinische Kosten, wie Medikamente, Krankenhausaufenthalt und Therapien,
  • direkt-nichtmedizinische Kosten, wie Patientenzeit, informelle Pflege und Fahrtkosten,
  • indirekte Kosten, wie Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit und vorzeitiger Tod
  • und intangible Kosten: nichtmonetäre Kosten, wie Schmerz und Verlust an Lebensqualität. 

Mit 47 % der direkten Kosten sind stationäre Krankenhausaufenthalte die Hauptkostentreiber. Es folgen direkte Kosten für Medikamente (13,2 %), Therapien (9,1 %), Rehabilitation (8,8 %), ambulante Behandlung (6,5 %), Hilfsmittel (5,5 %), Diagnostik (3,0 %), Pflege und Beaufsichtigung (2,4 %) und Transportkosten (0,9 %).

Indirekte Kosten für Eltern entstehen unter anderem durch die Aufgabe der Berufstätigkeit, eine Reduktion der Arbeitszeit und krankheitsbedingte Fehltage aufgrund der Epilepsie-Erkrankung des Kindes.1,2

In Europa lagen die jährlichen Gesamtkosten, die in Folge einer Epilepsie-Erkrankung entstehen, im Jahr 2010 im Mittel bei über 5.000 € pro Patient. Darüber hinaus wurde ein erheblicher Anstieg der direkten Kosten pro Patient innerhalb der Jahre 2003 bis 2013 verzeichnet.1,3,4

Etwa fünf verschiedene Antiepileptika pro Patient in drei Jahren

Patienten mit therapierefraktärer Epilepsie (SDRE) erleiden unkontrollierte Anfälle trotz kombinierter oder monotherapeutischer Behandlung mit mindestens zwei tolerierten und angemessen gewählten Antiepileptika (AED). Einer Studie zufolge werden SDRE-Patienten im ersten Behandlungsjahr durchschnittlich mit mehr als  zwei verschiedenen AEDs behandelt.

Die mittlere Latenz zwischen der Verschreibung der ersten drei AEDs und der Verschreibung des vierten AEDs lag bei etwa 210 Tagen. Während der dreijährigen Studie wurden im Schnitt rund fünf verschiedene AEDs pro Patient verschrieben. Häufig angewendete AEDs waren Levetiracetam (54 %), Lamotrigin und Valproat (jeweils 41 %), Lacosamid (20 %) und Topiramat (18 %).1,5

Epilepsie ist mit hoher (Ko-) Morbidität vergesellschaftet

Die häufigsten Komorbiditäten, die in Folge einer SDRE signifikant erhöht sind im Vergleich zu nicht-epileptischen Personen umfassen Depressionen (28 zu 10 %), gastrointestinale (26 zu 13 %) und zerebrovaskuläre Erkrankungen (22 zu 5 %) und Verletzungen an Kopf (16 zu 3 %), Torso und Extremitäten (16 zu 8 %).1,5

Epilepsieerkrankung ist mit hoher Mortalität assoziiert

Die Mortalität für SDRE-Erkrankte im Vergleich zu nicht-epileptischen Personen lag in der dreijährigen Studie bei 14 zu 2 %. Dabei war die höchste Mortalitätsrate der SDRE-Patienten von fast 8 % im ersten Jahr der Studie zu verzeichnen.1,5

Gründe für die Mortalität bei SDRE-Patienten zeigten Forscher in einer weiteren wissenschaftlichen Arbeit: Die Mortalitätsrate von 24 % in einem Alter bis zu 50 Jahren der Patienten (Mittel: 23 Jahre, Bereich: 1 bis 50 Jahre) war in 55 % der Fälle auf einen Epilepsie-bezogenen Tod zurückzuführen. Hiervon verstarb wiederum über die Hälfte der Patienten plötzlich und unerwartet (SUDEP).1,6

Größter SUDEP Risikofaktor: Generalisierte tonisch-klonische Anfälle

Oftmals wird ein SUDEP vermutlich durch eine mit einem generalisierten tonisch-klonischen Anfall (GTKA) assoziierte Suppression kardiorespiratorischer Funktionen in der frühen postiktalen Phase herbeigeführt. Ein SUDEP wird dabei über vier Kriterien definiert:

  1. Diagnose Epilepsie
  2. Plötzlicher Tod
  3. Unerwarteter Tod, keine vorbekannte lebensbedrohliche Erkrankung
  4. Todesursache bleibt nach Autopsie ungeklärt

Ein definitiver SUDEP erfüllt dabei alle vier Kriterien, ein wahrscheinlicher SUDEP lediglich Kriterien eins bis drei.1,6,7

Zur Prävention Bauchlage verhindern und Patienten aufklären

Eine Bauchlage erhöht das SUDEP-Risiko bei Epilepsie-Patienten: In einer aktuellen Studie ereigneten sich epileptische Anfälle zu 84 % im Schlaf.

Rund 2 % der Patienten die zu Beginn auf dem Rücken oder der Seite positioniert waren, wechselten im Verlauf eines GTKA in Bauchlage und 56 % der initial auf dem Bauch liegenden Patienten hielten diese Position bis zum Ende des GTKAs bei.

Das höchste Risiko für eine postiktale Bauchlage scheint eine Bauchlage zu Beginn des Anfalls zu sein. Epilepsie-Patienten sollten sich daher entweder in Rücken- oder Seitenlage ablegen, um das SUDEP-Risiko zu reduzieren.1,8

  1. DGN Kongress Berlin: „Pharmakoresistente Epilepsien: Gesundheitliche und ökonomische Konsequenzen“ Von Adam Strzelczyk (06.11.2020)
  2. Riechmann et al.: „Costs of epilepsy and cost-driving factors in children, adolescents, and their caregivers in Germanyin Epilepsia (2015)
  3. Olesen et al.: “The economic cost of brain disorders in Europein European Journal of Neurology (2011)
  4. Willems et al.: “Trends in resource utilization and prescription of anticonvulsants for patients with active epilepsy in Germany from 2003 to 2013 — A ten-year overviewin Epilepys&Behavior (2018)
  5. Strzelczyk et al.: “The Burden of Severely Drug-Refractory Epilepsy: A Comparative Longitudinal Evaluation of Mortality, Morbidity, Resource Use, and Cost Using German Health Insurance Datain Frontiers in Neurology (2017)
  6. Sillanpää und Shlomo: “Long-Term Mortality in Childhood-Onset Epilepsyin The New England Journal of Medicine (2010)
  7. Hesdorffer et al.: “ Combined analysis of risk factors for SUDEPin Epilepsia (2011)
  8. Mahr et al.: “Prone, lateral, or supine positioning at seizure onset determines the postictal body position: A multicenter video-EEG monitoring cohort studyin Seizure: European Journal of Epilepsy (2020)

Bildquelle: © Getty Images / Attila Barabas

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