Warnsignal Diskordanz zwischen eGFRCys und eGFRKrea
Bei vielen älteren Menschen unterscheidet sich die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) je nachdem, ob man der Berechnung Kreatinin oder Cystatin C zugrunde legt. Eine aktuelle Kohortenstudie hat nun untersucht, wie sich eine solche Diskordanz zwischen eGFRKrea und eGFRCys bei älteren Menschen auf das Risiko für 4 Ereignisse auswirkt: Sturz, Hüftfraktur, Hospitalisierung und Tod.1
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Autorin: Dr. Annukka Aho-Ritter
43 % höheres Mortalitätsrisiko bei Älteren mit eGFR-Diskordanz
Derzeit wird die eGFR überwiegend auf der Basis des Serum-Kreatinins berechnet. Es gibt jedoch viele Faktoren, die den Wert unabhängig von der GFR beeinflussen und so verfälschen. Noch vergleichsweise neu ist die eGFR-Bestimmung auf Basis von Cystatin C im Serum. Doch auch dieser Wert kann unabhängig von der GFR erhöht sein, beispielsweise infolge von Übergewicht oder Entzündungsprozessen. Aus diesem Grund kann es sinnvoll sein, für die genaueste Abschätzung der Nierenfunktion beide Parameter zu berücksichtigen. Das gilt insbesondere für Personen, bei denen eGFRKrea und eGFRCys voneinander abweichen. Doch auch eine solche Differenz zwischen eGFRKrea und eGFRCys kann wertvolle prognostische Informationen liefern, wie nun eine US-amerikanische Forschungsgruppe gezeigt hat. Ihre Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Clinical Journal of the American Society of Nephrology (CJASN) publiziert.1
An der Kohortenstudie nahmen Patientinnen und Patienten im Alter von 65 Jahren und darüber teil. Die eGFR wurde anhand der Kreatinin- und Cystatin-C-Werte zu Studienbeginn berechnet. Als große Diskordanz galt, wenn die eGFRCys um mehr als 30 % geringer war als die eGFRKrea. Die Forschenden untersuchten über einen Zeitraum von 2 Jahren den Zusammenhang zwischen einer großen eGFR-Diskordanz und 4 Outcomes, die im fortgeschrittenen Alter eine wichtige Rolle spielen: Stürze, Hüftfrakturen, Hospitalisierungen und Tod. Sie berücksichtigten dabei auch Konfounder, darunter die Nierenfunktion und zahlreiche andere Faktoren wie Demographie und Komorbiditäten.
Unter den 5.574 Teilnehmenden hatten 30 % eine große eGFR-Diskordanz; der Anteil stieg mit zunehmendem Alter deutlich an: Während unter den 65- bis 69-Jährigen lediglich 20 % eine große eGFR-Diskordanz aufwiesen, waren es unter denjenigen ab einem Alter von 80 Jahren 44 %. Eine große eGFR-Diskordanz war mit einem um 43 % erhöhten Mortalitätsrisiko assoziiert: Die adjustierte Hazard Ratio betrug 1,43 (95 %-Konfidenzintervall [KI]: 1,12–1,82).
Erhöhtes Risiko auch für Stürze und Hospitalisierungen
Auch die Wahrscheinlichkeit für Stürze und Hospitalisierungen war bei Personen mit großer eGFR-Diskordanz signifikant erhöht:
- Stürze: adjustierte Odds Ratio 1,32 (95 %-KI: 1,16–1,51)
- Hospitalisierungen: adjustierte Odds Ratio 1,32 (95 %-KI: 1,15–1,51)
Im Gegensatz dazu wurde keine signifikante Assoziation zwischen großer eGFR-Diskordanz und dem Auftreten von Hüftfrakturen festgestellt (adjustierte Odds Ratio 1,39; 95 %-KI: 0,82–2,33).
Was begünstigt eine eGFR-Diskordanz?
Unter den Teilnehmenden trat eine große eGFR-Diskordanz bei Personen mit folgenden Charakteristika häufiger auf:
- fortgeschrittenes Alter
- weiblich
- weiß
- übergewichtig
- positive Rauchanamnese
- chronische Nierenerkrankung (CKD) Stadium 3 oder höher
Sensitivitätsanalysen bestätigen Ergebnisse
Um die Robustheit der Ergebnisse zu überprüfen, führten die Forschenden verschiedene Sensitivitätsanalysen durch. Unter anderem verwendeten sie 3 alternative Definitionen für die eGFR-Diskordanz:
- eGFRCys > 20 % geringer als eGFRKrea
- eGFRCys ≥ 15 ml/min/1,73 m2 geringer als eGFRKrea
- Kreatinin-Cystatin-C-Quotient < 0,7
Die in der Hauptanalyse festgestellten Assoziationen zwischen eGFR-Diskordanz und dem Risiko für Stürze, Hospitalisierungen und Tod blieben unabhängig von der verwendeten Definition bestehen.
Außerdem untersuchten die Forschenden, ob es eine Art Dosisabhängigkeit bezüglich der eGFR-Diskordanz gab. Und in der Tat stellten sie fest, dass die Zahl der Ereignisse sowohl für Tod, Sturz und Hospitalisierung als auch für Hüftfrakturen umso höher war, je größer die eGFR-Diskordanz ausfiel.
Limitationen
Bei der Interpretation der Daten sind verschiedene Limitationen zu berücksichtigen. Wie für Kohortenstudien üblich, kann auch hier ein Teilnehmenden-Bias nicht ausgeschlossen werden, denn Teilnehmende an Kohortenstudien sind meist gesünder als die Allgemeinbevölkerung. Ebenso wurden hier wie üblich zahlreiche potenzielle Konfounder berücksichtigt; allerdings ist es nie möglich, alle Konfounder zu berücksichtigen, da manche nicht erhoben wurden oder noch gänzlich unbekannt sind. Und wie jede Kohortenstudie, kann auch diese keine Aussage über die Kausalität machen, d. h. ob die eGFR-Diskordanz die Ursache für die erhöhten Altersrisiken war oder lediglich ein Indikator für eine andere Ursache, beispielsweise Gebrechlichkeit.
Bei dieser Studie wurden zudem die Outcomes nach 2 Jahren durch eine Befragung der Teilnehmenden erhoben, was zu einer Verzerrung der Ergebnisse geführt haben könnte; diese Verzerrung wäre dann aber nach Ansicht der Autorinnen und Autoren in beiden Gruppen voraussichtlich ähnlich gewesen. Darüber hinaus wurde die tatsächliche GFR in dieser Studie nicht gemessen, sondern lediglich anhand endogener Biomarker geschätzt. Aus diesem Grund konnte in der Studie nicht untersucht werden, welcher der endogenen Biomarker eine genauere Abschätzung der tatsächlichen GFR ermöglicht und welche Bedeutung die tatsächliche, gemessene GFR für die in dieser Studie festgestellten Assoziationen hat.
Fazit für die Praxis
In dieser US-amerikanischen Kohortenstudie trat eine große eGFR-Diskordanz (eGFRCys > 30 % geringer als eGFRKrea) häufig auf und nahm mit dem Alter zu: Bei den Personen im Alter von 80 Jahren oder älter war jede 2. davon betroffen. Eine große eGFR-Diskordanz war unabhängig von der Nierenfunktion mit einem erhöhten Risiko für Stürze, Hospitalisierungen und Tod assoziiert. Dabei stieg die Zahl der Ereignisse mit zunehmendem Ausmaß der eGFR-Diskordanz.
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