Versorgungslücken in Deutschland aufgedeckt
Etwa 1,3 Millionen Menschen leben in Deutschland mit einer fortgeschrittenen chronischen Nierenerkrankung in den Stadien 3 bis 5. Laut einer aktuellen Studie wird allerdings einem erheblichen Teil dieser Personen keine leitliniengerechte Versorgung zuteil.¹
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Autor: Matthias Steigerwald
Chronische Nierenerkrankungen (CKD) belasten mit einer weltweiten Inzidenz von 9,1 % die Gesundheitssysteme erheblich. Eine frühe Behandlung durch nephrologische Fachärztinnen und Fachärzte kann den Krankheitsverlauf verlangsamen, wohingegen eine späte Konsultation mit schlechter Krankheitskontrolle und erhöhter Mortalität einhergeht.
In Deutschland leben etwa 1,3 Millionen Menschen mit einer fortgeschrittenen CKD (Stadien 3 bis 5). Laut einer Untersuchung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) sind jedoch viele Betroffene nicht adäquat versorgt.
Für die Studie nutzten die Forschenden die Abrechnungsdaten von 73 Millionen gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland und werteten sie im Hinblick auf die Prävalenz der CKD und die Versorgung der betroffenen Personen aus. Die Ergebnisse veröffentlichten sie Ende Oktober im Journal The Lancet Regional Health Europe.¹
Beinahe 1/3 der Erkrankten nicht in fachärztlicher Behandlung
Die Untersuchung ergab, dass sich im Jahr 2022 beinahe 1/3 der im fortgeschrittenen Stadium 4 Erkrankten nicht in fachärztlicher Behandlung befand. Dadurch wurde bei ihnen auch deutlich seltener die Nierenfunktion und Albuminausscheidung im Urin bestimmt, wie es nach den internationalen Kidney Disease: Improving Global Outcomes(KDIGO)-Leitlinien 3-mal pro Jahr empfohlen wird.²
Vor allem Frauen, Ältere und Menschen in Pflegeheimen benachteiligt
Die Analyse der Daten ergab, dass unter den fachärztlich behandelten Personen vor allem folgende Gruppen unterrepräsentiert waren:
- Frauen (Odds-Ratio [OR] 0,72; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,71–0,74)
- Ältere Personen (OR pro Lebensjahr 0,97; 95 %-KI 0,96–0,97)
- Menschen in Pflegeheimen (OR 0,63; 95 %-KI 0,61–0,65)
Regionale Faktoren wie die Bevölkerungsdichte oder die Anzahl der nephrologischen Praxen in der Region schienen dagegen keine Rolle zu spielen.
Versorgung bleibt hinter den Empfehlungen der Leitlinien zurück
„Unsere Analyse verdeutlicht, dass viele CKD-Betroffene im fortgeschrittenen Stadium gemessen an den internationalen nephrologischen Leitlinien unzureichend versorgt werden. Aktuelle Daten anderer Arbeitsgruppen legen darüber hinaus nahe, dass es vermutlich noch eine hohe Dunkelziffer an nicht-diagnostizierten Patientinnen und Patienten mit CKD gibt, die hier nicht erfasst wurden“, so die beiden Erstautoren der Studie, Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna vom UKSH und Dr. Edgar Steiger vom Zi.³
Die Gründe hierfür ließen sich mit der Untersuchung den beiden Wissenschaftlern zufolge jedoch nicht aufdecken, hier sei weitere Forschungsarbeit notwendig.
Limitationen der Studie
Zu den Limitierungen der Studie gehört, dass Angaben aus Behandlungen im Krankenhaus und von privat versicherten Personen fehlen.¹ Da die Daten außerdem nur zu Abrechnungs- und nicht zu Forschungszwecken gesammelt wurden, sind lediglich Menschen erfasst, bei denen eine CKD tatsächlich diagnostiziert wurde.
Die vorhandenen Daten machten es zudem schwer, für einzelne Laborparameter wie die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) oder Proteinurie zu korrigieren. Zusätzlich wurden die Daten retrospektiv erfasst und lassen keine kausalen Rückschlüsse auf einen Zusammenhang zwischen Überweisung an eine fachärztliche Praxis und den jeweiligen Behandlungserfolg zu.
Entwicklungen in der Bevölkerung erfordern baldiges Handeln
Durch den demografischen Wandel ist zu erwarten, dass in Zukunft eine älter werdende Gesellschaft mit einer steigenden Zahl von Personen mit CKD auf eine schwindende Zahl ausreichend qualifizierten Personals treffen wird. Da eine CKD überdies in vielen Fällen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht, ist durch diese Entwicklung eine hohe Belastung für das Gesundheitssystem abzusehen.
Nicht zuletzt deshalb fordert PD Dr. Kevin Schulte, stellvertretender Direktor an der Klinik für Innere Medizin IV am UKSH, eine klare Versorgungsstrategie: Ihm zufolge zeigten die Ergebnisse, dass es im Bereich der Prävention erhebliches Verbesserungspotenzial gebe. Dadurch ließe sich die Zahl dialysepflichtiger Personen und damit die Anforderungen an das Gesundheitssystem gegebenenfalls senken, so der Experte.³
Für die derzeitige Situation sind aus Sicht der Fachleute nicht zuletzt Unterschiede zwischen den internationalen KDIGO-Leitlinien und den hausärztlichen Leitlinien verantwortlich. Während erstere eine engmaschige Überwachung auch bei älteren Menschen vorsehen, werden in letzteren keine derartig detaillierten Maßnahmen empfohlen. Dr. Schulte und der Vorstandsvorsitzende des Zi, Dr. Dominik von Stillfried, fordern deshalb ein besseres Zusammenwirken von hausärztlichen und nephrologischen Praxen.
Berufsverband fordert politisches Handeln
Dr. Schulte und der Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI) sehen außerdem konkreten politischen Handlungsbedarf.⁴ Sie fordern unter anderem:
- Mehr Mittel für die vorbeugenden Untersuchungen, etwa durch eine extrabudgetäre Ausnahmeziffer für Albuminurie für hausärztliche Praxen.
- Eine insgesamt bessere Vergütung für die komplexen fachärztlichen Präventionsleistungen duch eine angepasste Vergütungssystematik, damit die wachsende Zahl der Personen mit CKD in den fachärztlichen Praxen adäquat versorgt werden können.
- Die vorhandenen Versorgungskapazitäten bei der Erstellung von Leitlinien besser zu berücksichtigen.
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