Erhöhter Ruhepuls = erhöhtes Sterberisiko?
Eine gesteigerte Ruheherzfrequenz gilt als Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse und vermehrte Todesfälle. Forschende aus Japan haben nun untersucht, ob solch ein Zusammenhang auch bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung besteht.1
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Autorin: Carolin Hellerich
Für Menschen mit Bluthochdruck, koronarer Herzerkrankung oder anderen Vorerkrankungen gilt ebenso wie für Gesunde: Eine dauerhaft erhöhte Ruheherzfrequenz (RHF) stellt einen unabhängigen Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse und eine höhere Mortalität dar. Inwiefern eine Assoziation zwischen einer erhöhten RHF und dem Sterblichkeitsrisiko für chronisch nierenkranke Menschen besteht, hat ein Forschungsteam aus Japan nun untersucht. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.1
Ruheherzfrequenz auch im hochnormalen Bereich bedenklich
Zur Frage, ob bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung (chronic kidney disease, CKD) ein Zusammenhang zwischen einer gesteigerten RHF und einem höheren Sterberisiko besteht, gab es bislang nur wenige Untersuchungen mit kleinen Teilnehmendenzahlen. Die Fukushima-CKD-Kohortenstudie umfasste daher Langzeitdaten von 1.353 nicht dialysepflichtigen Personen, die basierend auf ihrer Ruheherzfrequenz in 4 Gruppen eingeteilt wurden:
- RHF < 70/min
- RHF ≥ 70 und < 80/min
- RHF ≥ 80 und < 90/min
- RHF ≥ 90/min
Als primärer Endpunkt wurde die Gesamtmortalität betrachtet, kardiovaskuläre Ereignisse bildeten den sekundären Endpunkt.
Studiendesign
An der prospektiven Fukushima-CKD-Kohortenstudie nahmen 1.353 Personen teil, die folgende Teilnahmekriterien erfüllten:
- Japanische Abstammung und in Japan lebend
- Alter ≥ 18 Jahre (medianes Alter: 65 Jahre)
- CKD mit einer geschätzten glomerulären Filtrationsrate (estimated glomerular filtration rate, eGFR) < 60 ml/min/1,73 m² oder Proteinurie bei stabiler Nierenfunktion für mindestens 3 Monate vor Studienbeginn (mediane eGFR: 52,2 ml/min/1,73 m²)
Von der Teilnahme ausgeschlossen wurden unter anderem Personen mit Infektionskrankheiten, schwangere Patientinnen und Menschen mit einer Organtransplantation in der Historie.
Als kardiovaskuläre Ereignisse zählten unter anderem Angina pectoris, eine akute oder kongestive Herzinsuffizienz, ein tödlicher oder nicht tödlicher Myokardinfarkt, Herzrhythmusstörungen sowie zerebrovaskuläre Störungen.
Es zeigte sich, dass erhöhte RHF-Werte, auch im hochnormalen Bereich, sowohl mit einem höheren Sterberisiko als auch mit vermehrt auftretenden kardiovaskulären Ereignissen assoziiert waren. Eine Kausalität lässt sich mit solch einer Beobachtungsstudie jedoch nicht beweisen.
Sterblichkeitsrisiko bei Menschen mit CKD erhöht sich mit steigender RHF
Während der medianen Follow-up-Dauer von 4,9 Jahren kam es zu 123 Todesfällen. Die Gründe hierfür waren:
- Maligne Veränderung (n = 42)
- Kardiovaskuläre Erkrankung (n = 22)
- Sepsis (n = 18)
- Andere (n = 26)
- Unbekannt (n = 15)
Eine Cox-Regressionsanalyse ergab ein signifikant erhöhtes Sterblichkeitsrisiko für Personen mit CKD und einer RHF ≥ 90/min. Unter Berücksichtigung anderer Einflussvariablen wie Gewicht, Rauchverhalten und Body-Mass-Index (BMI)* zeigte sich auch für die Gruppe mit einer RHF ≥ 80 und < 90/min ein erhöhtes Mortalitätsrisiko. Während in dieser Gruppe die Risikoerhöhung verglichen mit der Referenzgruppe (RHF < 70/min) bereits stattliche 74 % betrug (bereinigte Hazard Ratio [HR]: 1,74, 95 % Konfidenzintervall [KI]: 1,05–2,89), war sie in der Gruppe mit einer RHF ≥ 90/min sogar mehr als 2,5-mal so hoch (bereinigte HR: 2,61; 95 % KI: 1,59–4,29).
*Bereinigung um die Kovariaten Alter, Geschlecht, BMI, Rauchverhalten, Komorbiditäten wie Diabetes mellitus, eGFR, systolischer Blutdruck, Serumalbumin, Hämoglobin, Proteinurie, Einnahme von Angiotensin-Converting-Enzym(ACE)-Hemmern, Angiotensin-II-Rezeptorblockern (ARBs) und β-Blockern.
Kardiovaskuläre Ereignisse nur in einer Gruppe häufiger
Von den 1.353 Studienteilnehmenden erlitten 163 Personen kardiovaskuläre Ereignisse, darunter:
- Herzversagen (n = 64)
- Hirninfarkt (n = 18)
- Angina pectoris (n = 16)
- Arrhythmien (n = 16)
- Myokardinfarkt (n = 15)
- Hirnblutung (n = 15)
Hier ergab die Cox-Regressionsanalyse nach Anpassung hinsichtlich weiterer Einflussfaktoren wie Gewicht, BMI und Rauchverhalten* nur in der Gruppe mit einer RHF ≥ 80/min und < 90/min ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (bereinigte HR: 1,70; 95 % KI: 1,10–2,62). In der Gruppe mit einer RHF ≥ 90/min konnte kein signifikant erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse festgestellt werden (bereinigte HR: 1,45; 95 % KI: 0,90–2,34).
*Bereinigung um die Kovariaten Alter, Geschlecht, BMI, Rauchverhalten, Komorbiditäten wie Diabetes mellitus, eGFR, systolischer Blutdruck, Serumalbumin, Hämoglobin, Proteinurie, Einnahme von Angiotensin-Converting-Enzym(ACE)-Hemmern, Angiotensin-II-Rezeptorblockern (ARBs) und β-Blockern.
Limitationen der Studie
Obwohl die Korrelation zwischen einer gesteigerten Ruheherzfrequenz bei Personen mit CKD und einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko bzw. Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen eindeutig scheint, gilt es, die Limitationen der Studie zu beachten.
Die wichtigste Limitierung ist, dass Lebensstilfaktoren wie Alkoholkonsum und Schlafverhalten sowie sozioökonomische Faktoren wie das Bildungsniveau nicht in die Analyse mit einbezogen wurden. Es bleibt daher unklar, inwieweit diese Variablen Einfluss auf die beobachtete Korrelation zwischen RHF und Sterblichkeit bzw. kardiovaskulären Ereignissen nehmen.
Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, in denen die Herzfrequenz mit einem Elektrokardiogramm (EKG) gemessen wurde, erfolgte die Messung der Pulsrate in der Fukushima-CKD-Kohortenstudie mit einem Blutdruckmessgerät. Zudem lassen sich zwischen den Begrifflichkeiten Herzfrequenz und Pulsfrequenz feine Bedeutungsunterschiede belegen, auch wenn physiologisch betrachtet dasselbe gemeint ist.
Fazit: Senkung der Ruheherzfrequenz könnte hilfreich sein
Der Zusammenhang zwischen Herzfrequenz und Sterblichkeit ist komplex, doch eine Assoziation ist vorhanden und besteht bei Gesunden ebenso wie bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung. Die Ruheherzfrequenz auf < 70/min zu senken, könnte sich für erkrankte Menschen als effektiv erweisen, da in dieser Gruppe in der vorliegenden Studie das geringste Sterblichkeitsrisiko beobachtet werden konnte. Zukünftige Studien sind jedoch notwendig, um die klinischen Effekte einer gesenkten Herzfrequenzrate in Ruhe auch bei Menschen mit CKD beurteilen zu können.

