29. Juli 2021

Erstmals S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patienten und Patientinnen“ erschienen

Das Leitlinienprogramm Onkologie hat unter Federführung der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) die S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patientinnen und Patienten“ erarbeitet.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Mehr als 150 Empfehlungen

Es wurden 155 Empfehlungen bzw. Statements formuliert, die nicht nur onkologisch Tätige, sondern allen Haus- und Fachärztinnen und -ärzten, die Krebsbetroffene begleiten und behandeln, wichtige Empfehlungen und Informationen zur vorliegenden Evidenz bieten.

In der S3-Leitlinie werden die wichtigsten zur komplementären und alternativen Medizin zählenden Methoden, Verfahren und Substanzen, die aktuell in Deutschland genutzt bzw. angeboten werden, nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin bewertet. In der S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patientinnen und Patienten“ wurden diese in vier thematische Blöcke unterteilt:

  • Medizinische Systeme
  • Mind-Body-Verfahren
  • Manipulative Körpertherapien
  • Biologische Therapien

Damit soll für alle in der Onkologie Tätigen (Ärztinnen & Ärzte, Pflegekräfte, Psychologinnen & Psychologen und andere Berufsgruppen) ein präzises Nachschlagewerk geschaffen werden, das es ermöglicht, Fragen von Krebsbetroffenen evidenzbasiert zu beantworten und ggf. aktiv Empfehlungen auszusprechen bzw. von konkreten Maßnahmen und Verfahren abzuraten.

Die umfangreiche Dokumentation in dieser Leitlinie zeigt, dass für die meisten Methoden der komplementären Medizin nur wenig wissenschaftliche Daten vorliegen. Hinzu kommt, dass viele Studien eine kleine Probandinnenzahl aufweisen oder eine adäquate Vergleichsgruppe fehlt. Solche Studien sind methodisch kritisch zu betrachten und die Interpretation der Ergebnisse ist damit eingeschränkt.

Während einige Studien zeigen, dass sich die Anwendung komplementärmedizinischer Methoden günstig auf bestimmte Nebenwirkungen der onkologischen Therapie oder auf die Lebensqualität der Betroffenen auswirken kann, gibt es nur in wenigen Studien systematisch erfasste Daten zu potenziellen Schäden in Form von Nebenwirkungen und Interaktionen komplementärer oder alternativer Methoden.

Arzneimittelinteraktionen beachten

Jedoch ist insbesondere die Berücksichtigung potenzieller Arzneimittelinteraktionen in der Onkologie von hoher Bedeutung: Interaktionen können unter anderem zu einer Verminderung der Wirksamkeit der Tumortherapie oder der supportiven Therapie führen oder umgekehrt auch verstärkte Nebenwirkungen zur Folge haben, z. B. durch eine Erhöhung der Bio-Verfügbarkeit. Hinzu kommen Nebenwirkungen, z. B. von Phytotherapeutika, die sich in einer Organtoxizität äußern können. Diese werden ggf. nicht als primäre Folge der komplementären Therapie, sondern als Folge der Tumortherapie gedeutet.

All dies kann zu Therapieentscheidungen führen, die für die Krebsbetroffenen erhebliche Konsequenzen haben, wenn z. B. Tumortherapien geändert, reduziert oder abgesetzt werden. Die Häufigkeit von Interaktionen ist schwer zu bestimmen, da es zu wenig systematische Erfassungen zu diesem Thema gibt.

Es existieren nur wenige Untersuchungen, in denen die von Patientinnen und Patienten angegebenen komplementären Mittel in Datenbanken auf potenzielle Interaktionen mit der Tumortherapie abgeglichen wurden. Diese Untersuchungen zeigen jedoch, dass solche Wechselwirkungen bei einem Drittel aller Patient*innen wahrscheinlich sind. Hinzu kommt ein weiteres Drittel, bei denen eine Interaktion zumindest möglich erscheint.

Patienten früh befragen

Deshalb empfiehlt die Leitlinie, dass alle Krebsbetroffenen frühestmöglich und im Verlauf wiederholt zur aktuellen und geplanten Anwendung von komplementären Maßnahmen befragt, bei Interesse auf verlässliche Informationsquellen verwiesen und gezielt auf mögliche Interaktionen zwischen diesen Anwendungen und der Krebstherapie hingewiesen werden sollen.

An der S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patientinnen und Patienten“ waren insgesamt 72 ehrenamtlich arbeitende Fachexpertinnen und -experten aus 46 Fachgesellschaften und Organisationen beteiligt. Die Leitlinie ist auf dieser Webseite abrufbar: www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin/

Zudem sind die Inhalte in der kostenfreien Leitlinien-App integriert. Android-Smartphone- und iPhone-Nutzer können die Leitlinien-App hier herunterladen: www.leitlinienprogramm-onkologie.de/app/

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