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Wichtige Leitlinien im Überblick

31. Okt. 2023
Neuropädiatrie

S1-Leitlinie Pädiatrische Multiple Sklerose

Die Leitlinie zur pädiatrischen Multiple Sklerose (MS) umreißt Unterschiede zur adulten MS und gibt Empfehlungen zur Diagnostik bei der Erstuntersuchung, zu Immuntherapien und zur Therapie akuter Schübe.1

Lesedauer: ca. 4 Minuten

S1-Leitlinie Pädiatrische Multiple Sklerose
S1-Leitlinie zur pädiatrischen Multiple Sklerose (Foto: Dreamstime.com | Vitaliy Smolygin)

Redaktion: Dr. Linda Fischer

Basisdaten

  • Leitlinie: S1-Leitlinie Pädiatrische Multiple Sklerose
  • Stufenklassifikation: S1
  • AWMF-Register-Nr.: 022 - 014
  • Stand: 31.01.2023; gültig bis 30.01.2028
  • Federführende Fachgesellschaft: Gesellschaft für Neuropädiatrie e. V. (GNP)1

Meist schubförmige remittierende MS

Multiple Sklerose (MS) manifestiert sich in 3 bis 5 % aller Fälle vor dem 17. Lebensjahr (pädiatrische MS). Grundsätzlich scheint es sich bei pädiatrischer MS und adulter MS um die gleiche Erkrankung zu handeln. Allerdings weist die MS altersabhängige Besonderheiten bzgl. klinischer Symptomatik, Verlauf und Therapie auf. Unterschieden werden bei der pädiatrischen MS 5 Verlaufsformen:

  1. Klinisch isoliertes Syndrom (KIS)
  2. Schubförmige remittierende MS (RRMS)
  3. Sekundär progrediente MS (SPMS)
  4. Primär progrediente MS (PPMS)
  5. Radiologisch isoliertes Syndrom (RIS)

Die Mehrheit der pädiatrischen MS-Fälle hat eine RRMS. Bei Kindern ist der erste Schub häufig multifokal (z. B. motorische und sensible Störungen, Ataxie, Sphinkterstörungen, kognitive Probleme). Bei Jugendlichen treten meist monosymptomatische Schübe auf (Optikusneuritiden, sensible Ausfälle / Parästhesien oder Lähmungen.

Differenzialdiagnosen: MOGAD, NMOSD, zerebrale Vaskulitis

Insgesamt haben pädiatrische MS-Patientinnen und Patienten im Vergleich zur adulten MS eine höhere entzündliche Aktivität mit mehr histologischer Entzündungsaktivität und im MRT nachweisbaren Läsionen und einer höheren Schubrate. Andererseits regenerieren sich die Schubsymptome besser und der Behinderungsgrad nimmt langsamer zu. Häufigste Differenzialdiagnosen:

  • MOG-Antikörper assoziierte Erkrankungen
  • Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD)
  • Zerebrale Kleingefäß-Vaskulitis

Diagnostik bei Erstuntersuchung

Für die Diagnostik einer pädiatrischen MS müssen andere Erkrankungen, die zu einem ähnlichen klinischen Bild führen, ausgeschlossen werden. Die Blutuntersuchung bei Erstuntersuchung umfasst

  • Blutbild mit Differenzialblutbild, Blutkörperchen-Senkungsgeschwindigkeit (BSG)
  • Blutzucker, Laktat, Elektrolyte, Kreatinkinase, Alanin-Aminotransferase (ALT), Laktat-Dehydrogenase (LDH), Harnsäure, C-reaktives Protein (CRP), Vitamin B12
  • Antinukleäre Antikörper (ANA), Anti-Phospholipid-Antikörper, Anti-ds-DNS-Antikörper, Lupus-Antikoagulans, Aquaporin-4 Antikörper, MOG-Antikörper (Zell-Assay)
  • Borrelien-Serologie, Epstein-Barr-Virus-Serologie

Liquoruntersuchungen umfassen:

  • Zellzahl, Eiweiß, Zucker, Laktat
  • Liquorspezifische oligoklonale Banden (OKB), Ig-Quotienten nach Reiber, MRZ (Masern-Röteln-Zoster), Liquor/Serum (Masern, Röteln, Varizella-Zoster-Virus-Antikörper), Borrelien-Antikörper

Oligoklonale Banden (≥ 3) ausschließlich im Liquor sind nicht spezifisch für MS. Da bei über 90 % aller Menschen mit pädiatrischer MS oligoklonale Banden im Liquor nachweisbar sind, muss ein negativer Befund aufmerken lassen. Weitere Diagnostik bei Erstvorstellung:

  • MRT kranial und spinal mit Gadolinium
  • Abdomensonografie einschließlich Restharnbestimmung zum Nachweis einer Blasenentleerungsstörung bei entsprechenden Symptomen oder spinalen Herden
  • Visus- und Augenmotilitätsprüfung, Perimetrie, Fundoskopie, Farbsehtest, OCT (Optische Kohärenztomografie) Messungen
  • Evozierte Potenziale visuell (VEP), akustisch (AEP), somatosensorisch (SSEP)
  • Elektroenzephalogramm

Die Diagnose MS wird anhand der zuletzt 2017 revidierten McDonald-Kriterien gestellt.

Akuter Schub: Methylpredisolon, Protonenpumpenhemmer

Ein Schub sollte innerhalb von 2-5 Tagen nach Beginn der Symptomatik behandelt werden: Dazu werden intravenös 1 × täglich 20 mg/kg Körpergewicht (KG) Methylprednisolon für 3–5 Tage unter zusätzlicher Gabe eines Protonenpumpenhemmers verabreicht.

7–14 Tage nach Beendigung des Steroidpulses erfolgt eine Re-evaluation. Haben sich die klinischen Symptome nur leicht gebessert oder zugenommen, wird die Steroidtherapie wiederholt.

Sind die klinischen Symptome gravierend (Hemiparese, Tetraparese, Blindheit) und bessern sich nicht deutlich durch die Steroidpulsbehandlungen, werden 5 Zyklen einer Plasmapherese (PE) oder Immunadsorption (IA) durchgeführt.

Immuntherapien in 3 Wirksamkeitskategorien eingeteilt

Die Immuntherapien sind in 3 Wirksamkeitskategorien eingeteilt. Bei für die Altersgruppe nicht zugelassenen Medikamenten sollte u.U. eine Genehmigung der Krankenkasse eingeholt werden:

Kategorie 1 (relative Reduktion der Schubrate in Vergleich zu Placebo von 30 bis 50 %)

  • Beta-Interferone
  • Dimethylfumarat (Tecfidera®), zugelassen ab 13 Jahren
  • Diroximelfumarat (Vumerity®), keine Erfahrungen bei pädiatrischer MS und keine Zulassung < 18 Jahre
  • Glatirameracetat: (Copaxone®. CLIFT®), zugelassen ab 12 Jahren
  • Teriflunomid (Aubagio®), zugelassen ab 10 Jahren

Kategorie 2 (relative Reduktion der Schubrate im Vergleich zu Placebo von 50 bis 60 %

  • Fingolimod (Gilenya®), zugelassen ab 10 Jahren
  • Cladribin (Mavenclad®), keine Erfahrungen bei pädiatrischer MS und keine Zulassung < 18 Jahre
  • Ozanimod (Zeposia®), keine Erfahrungen bei pädiatrischer MS und keine Zulassung < 18 Jahre

Kategorie 3 (Reduktion der Schubrate um > 60 % im Vergleich zu Placebo oder > 40 % im Vergleich zu Substanzen der Kategorie 1)

  • Natalizumab (Tysabri®), retrospektive Studien zeigten bei pädiatrischer MS eine ähnlich gute Wirkung wie bei adulter MS. Natalizumab wird regelmäßig bei pädiatrischer MS eingesetzt, es gibt aber keine Zulassung < 18 Jahre.
  • Ocrelizumab (Ocrevus®), wenig Erfahrung bei pädiatrische MS und keine Zulassung < 18 Jahre. Pädiatrische klinische Studie (OPERETTA 2) läuft.
  • Ofatumumab (Kesimpta®), wenig Erfahrung bei pädiatrische MS und keine Zulassung < 18 Jahre. Pädiatrische klinische Studie (NEOS) läuft.
  • Alemtuzumab (Lemtrada®), wenig Erfahrung bei pädiatrischer MS und keine Zulassung < 18 Jahre. Pädiatrische klinische Studie (LEMKIDS) ist abgeschlossen, Ergebnisse stehen noch aus.

Für die Wahl eines Immuntherapeutikums werden Patientinnen und Patienten bei Diagnosestellung einer milden/moderaten Verlaufsform oder einer (hoch-) aktiven Verlaufsform zugeordnet und entsprechend behandelt.

Patientinnen und Patienten mit milder/moderater Verlaufsform, die aber in den Verlaufskontrollen einen Progress zeigen, werden sekundär der (hoch-) aktiven Verlaufsform zugeordnet und entsprechend behandelt.

Patientinnen und Patienten, bei denen eine Immuntherapie wegen Nebenwirkungen beendet
wurde, werden mit einem anderen Medikament derselben Wirksamkeitskategorie behandelt.

Pädiatrische MS zeichnet sich im Vergleich zur adulten MS schon zu Beginn oft durch eine
höhere Entzündungsaktivität aus. Daher wird die Mehrzahl der pädiatrischen MS-Fälle der (hoch-) aktiven Verlaufsform zugeordnet.

Psychosoziale Betreuung

Da pädiatrische MS-Patientinnen und Patienten kognitiv beeinträchtigt sein und Probleme mit der Krankheitsverarbeitung haben können und darüber hinaus potenziell auftretende Fatigue und Depressionen zu Schulausfällen und psychosozialen Problemen führen können, erfordert die kontinuierliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit MS ein multidisziplinäres Team aus

  • Ärztinnen und Ärzten,
  • Psychologinnen und Psychologen,
  • Physio- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten sowie
  • Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen.
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