16. Juli 2021

S1-Leitlinie zur Spinalen Muskelatrophie erschienen

Unter Federführung der Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) ist aktuell die S1-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Spinalen Muskelatrophie (SMA) erschienen. Die Leitlinie soll laut GNP helfen, das diagnostische und therapeutische Vorgehen zu standardisieren, um eine optimierte multidisziplinäre Versorgung zu gewährleisten. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

„Die 5q-spinale Muskelatrophie (SMA) ist grundsätzlich behandelbar und sollte zeitnah erkannt werden“ heißt es in der Einleitung zur Leitlinie. Denn von einer frühen Diagnose und einer rasch eingeleiteten Behandlung hängt gerade bei den schweren Verlaufsformen der Erfolg der Therapien ab.

Ziel der Leitlinie ist es, einen systematischen Leitfaden unter Berücksichtigung des klinischen Phänotyps, von Verlaufsspektrum und -dynamik und der Alltagsbeeinträchtigung als Grundlage für die Diagnostik, Therapie und Langzeitbetreuung von Personen mit einer 5q-SMA zu erstellen, so das federführende Autorenteam der GNP, Dr. Heike Kölbel, Essen, und Prof. Dr. Wolfgang Müller-Felber, München.

Behandlungsdaten in nationalem Register dokumentieren

Die Leitlinie gibt unter anderem Empfehlungen zum Einsatz neuer Therapien, wie den Antisense-Oligonukleotiden, der SMN1-Genersatztherapie oder einem systemisch wirksamen oralen Splicing Enhancer („SMA-small molecule“), und hebt die Wichtigkeit der Dokumentation von Behandlungsdaten der Betroffenen, die mit den neuen Therapieoptionen behandelt werden, in einem nationalen Register hervor.

Antisense-Oligonukleotiden

Das Antisense Oligonukleotid Nusinersen ist seit Juni 2017 zugelassene Therapie ohne Beschränkung hinsichtlich Erkrankungsbeginn, Alter, Schweregrad oder motorische Funktion. Nusinersen wird intrathekal injiziert. Die Leitlinie empfiehlt vier Aufsättigungsdosen innerhalb der ersten zwei Monate, danach sollte das Oligonukleotid in 4-monatigen Intervallen verabreicht werden. Die intrathekale Applikation sollte laut des Autorenteams in einem neuromuskulären Zentrum mit Expertise in der Behandlung von SMA-Patienteinnen und -Patienten durchgeführt werden.

Der Leitlinie zufolge zeigen kontrollierte klinische Studien bei Säuglingen und Kindern Verbesserungen der motorischen Funktion. Der Erfolg hängt dabei nach den bisherigen Erkenntnissen vor allem vom Zeitpunkt der Behandlung und damit vom Krankheitsstadium ab. Bei Jugendlichen und Erwachsenen sei dagegen die Datenlage limitiert, räumt das Autorenteam der Leitlinie ein. Eine signifikante Verbesserung der motorischen Funktion über die Erwartung einer Erkrankungsstabilisierung sei jedoch möglich, so die Leitlinie.

SMN1-Genersatztherapie

Seit Juni 2020 in Europa ist die Genersatztherapie Onasemnogen abeparvovec bedingt zugelassen. Die Zulassung gilt für Personen mit einer nachgewiesenen Mutation des SMN1 Gens und einer klinischen Diagnose einer SMA 1 unabhängig von der Kopienzahl des SMN2 Gens, oder bei SMA-Patientinnen und -Patienten mit einer Mutation des SMN1 Gens mit bis zu 3 SMN2 Kopien unabhängig vom SMA Typ. Eine Beschränkung von Alter und/oder Gewicht wurde bisher nicht festgelegt. Die Leitlinie empfiehlt einen frühzeitigen Beginn der Gentherapie, da nach den ersten sechs Lebensmonaten aufgrund der Reifung der Blut-Hirn-Schranke offenbar nur geringere Mengen ins ZNS gelangen.

SMA small molecule

Risdiplam (RG7916) ist ein „SMA small molecule“, ein systemisch wirksamer oraler Splicing Enhancer, der die Expression des funktionellen SMN Proteins erhöht. Zurzeit laufen vier klinische Studien, in denen Risdiplam einen bedeutsamen klinischen Nutzen bei infantiler SMA aufzeigt, wie die Leitlinie berichtet. Im August 2020 wurde Risdiplam unter dem Handelsnamen Evrysdi von der FDA für alle SMA-Patientinnen und -Patienten zugelassen.

Die Leitlinie stellt zudem eine Reihe möglicher Kombinationstherapien vor, für die bislang noch keine kontrollierten Daten vorliegen. Dazu zählen die Kombination von SMN-abhängigen Therapien sowie die Kombination von SMN-abhängigen und SMN-unabhängigen Therapien. Für all diese Ansätze gebe es laut des Autorenteams jedoch bislang keine klare Evidenz.

Neben der GNP waren die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik (GfH), die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) an der Erstellung beteiligt.

Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.”

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