04. Dezember 2020

Erste Leitlinie

Reanimation in der Schwerelosigkeit

Medizinische Notfälle im Weltall sind zwar selten, können aber eine gesamte Raumfahrtmission abrupt scheitern lassen. Die Schwerelosigkeit birgt dabei besondere Herausforderungen. Die neu erschienene Leitlinie zur Reanimation in der Schwerelosigeit beschreibt zum ersten Mal die evidenzbasierte Vorgehensweise bei einem Herz-Kreislaufstillstand im Rahmen der Raumfahrt.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Wenn in Deutschland ein Herz-Kreislaufstillstand passiert startet eine gut abgestimmte Rettungskette mit einem Rettungsdienst, der international anerkannte Algorithmen zur Reanimation anwendet. Aber wie kann ein solcher Notfall im Rahmen einer Raumfahrtmission in Schwerelosigkeit (Mikrogarvitation) behandelt werden, wenn Patient und Helfer frei im Raum schweben und Unterstützung weit entfernt ist?

© Uniklinik Köln, Prof. Dr. Jochen Hinkelbein und Steffen Kerkhoff (v.l.), Foto: Michael Wodak

Dieser Frage stellte sich eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Prof. Jochen Hinkelbein und Steffen Kerkhoff, Uniklinik Köln, bestehend aus Spezialisten auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrt – sowie Notfallmedizin. Unter Beteiligung der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM) und der European Society of Aerospace Medicine (ESAM) ermittelten sie die bisherigen Forschungserkenntnisse zur Herz-Lungen-Wiederbelebung in diesem einzigartigen Setting.

23 Empfehlungen

Hierzu stellten sie Forschungsfragen auf, sichteten und bewerteten 4165 Studien, wendeten das GRADE-Schema an und stellten Handlungsempfehlungen auf. Diese Empfehlungen durchliefen ein standardisiertest Konsens-Findungsverfahren (DELPHI-Methode), sodass schlussendlich 23 Empfehlungen verabschiedet wurden.

Auszugsweise sei hier die Aufteilung in Basic Life Support (BLS) am Ort des Geschehens und der Advanced Life Support (ALS) an einem designierten Notfallversorgungort innerhalb des Raumfahrzeugs, analog zum erdbasierten Schema, genannt.

Evetts-Russomano-Methode (ER) für Thoraxkompressionen

Hierbei wird für den BLS die Evetts-Russomano-Methode (ER) für Thoraxkompressionen (siehe Abb. 1) empfohlen. Bei dieser Methode klammert sich der Helfer mit beiden Beinen um den Torso des Patienten – ein Bein über die Schulter und ein Bein unter der Achsel- und verschränkt die Beine hinter dem Rücken. Anschließend drückt er mit seinen Armen auf das Brustbein. Dies erfolgt als schnellste Methode unter Inkaufnahme einer Ermüdung des Helfers.

Handstand-Methode (HS)

Während ein Helfer die ER-Methode anwendet können die anderen Astronauten/Kosmonauten die Verbringung von Patient und Helfer unter Reanimation zum festgelegten medizinischen Behandlungsort durchführen. An diesem Ort soll dann gemäß der Leitlinie die Thoraxkompression in der Handstand-Methode (HS) durchgeführt werden werden. Bei dieser Methode ist der Patient im besten Fall auf einer Oberfläche des Raumfahrzeugs befestigt und der Helfer stößt sich mit ausgestreckten Armen und Beinen von der gegenüberliegenden Wand des Raumfahrzeugs ab, um Druck auf das Brustbein des Patienten auszuüben (siehe Abb. 2). Auf diese Weise können Thoraxkompressionen auch für längere Zeit hoch-qualitativ durchgeführt werden.

In Ermangelung von Evidenz kann zum aktuellen Zeitpunkt noch keine endeutige Empfehlung zum Einsatz automatisierter Thoraxkompressionsgeräte (Z.b. LUCAS 3, Corpuls CPR, o.ä.) gegegben werden.

Bezüglich des Atemwegsmanagements wird auch im Setting der Mikrogravitation die endotracheale Intubation als der Goldstandard betrachtet. Diese Maßnahme erfordert jedoch einen hohen Trainingstandard welcher allgemein bei Astronauten, mit wenig praktischer Erfahrung in Notfallmedizin, nicht angenommen werden kann. Daher empfehlen die Autoren für den ungeübten Helfer die Verwendung von supraglottischen Atemwegshilfen (Larynxtubus, Larynxmaske, o.ä.) im Rahmen einer Reanimation.

Weitere Empfehlungen betreffen die Verwendung von Defibrillatoren, die Wahl des Gefäßzugangs oder auch Fragen bezüglich der Beendigung von Reanimationsmaßnahmen oder Telemedizin.

Die nun veröffentlichte Leitlinie ist die bisher erste evidenzbasierte Handlungsempfehlung für dieses einzigartige und herausfordernde Umfeld. Weitere Forschung ist nötig, um die Notfallbehandlung im Rahmen zukünftiger Missionen zu Mond oder Mars zu verbessern.

  1. Hinkelbein, J., Kerkhoff, S., Adler, C. et al.Cardiopulmonary resuscitation (CPR) during spaceflight – a guideline for CPR in microgravity from the German Society of Aerospace Medicine (DGLRM) and the European Society of Aerospace Medicine Space Medicine Group (ESAM-SMG). Scand J Trauma Resusc Emerg Med28, 108 (2020). https://doi.org/10.1186/s13049-020-00793-y
  2. Pressemitteilung der Uniklinik Köln, 27.11.2020: Wiederbelebung in Schwerelosigkeit

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653