25. Juni 2020

Reizdarm: Das ist neu im Leitlinien-Update

Die Behandlung des Reizdarmsyndroms (RDS) ist keine leichte Angelegenheit. Was es differentialdiagnostisch zu beachten gilt und welche Therapieversuche evidenzbasiert sind, wurde in der Überarbeitung der S3-Leitlinie zusammengefasst, deren wichtigste Neuerungen Sie hier nachlesen können.1

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Volkskrankheit Reizdarm

Das Reizdarmsyndrom gehört zu den häufigsten Erkrankungen der Gastroenterologie. Es ist charakterisiert durch chronische Bauchbeschwerden, insbesondere Bauchschmerzen, Blähungen/aufgetriebener Leib und Stuhlgangs-Veränderungen (Diarrhoe/Obstipation), für die sich in der Routine-Diagnostik kein ursächliches „organisches“ Korrelat finden lässt.

PD Dr. med. Viola Andresen vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg erforscht die Rolle des Mikrobioms beim RDS und hat maßgeblich an der Überarbeitung der S3-Leitlinie mitgewirkt, die zur Zeit als Konsultationsfassung bis zum 30.06.2020 einsehbar ist. Auf der Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) fasste sie die Neuerungen zusammen.

Wichtige Differenzialdiagnosen

Neben einer Aufarbeitung neuester Erkenntnisse zur Pathophysiologie (Mikrobiom, Genetik, „leaky gut“-Hypothese) wurde bei der Diagnostik der Schwerpunkt weniger auf bestimmte Verfahren gelegt. Stattdessen stehen Differenzialdiagnosen im Mittelpunkt, die bei Verdacht auf RDS unbedingt ausgeschlossen werden sollten. Dazu gehören:

  • Zöliakie
  • Kolorektale und Ovarial-Karzinome
  • Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
  • Mikroskopische Kolitis

Nützliche (und sinnlose) diagnostische Marker

Der Calprotectin-Wert hat sich als nützlich in der Differenzialdiagnostik erwiesen. Abgeraten wird von diagnostischen Verfahren ohne Evidenz, die jedoch z.B. von Heilpraktikern angeboten werden. Als Beispiel nennt Dr. Andresen die Diagnose der „Dysbiose“, die aus einer Auswertung des Mikrobioms resultiert. Das sei „Kaffeesatzlesen“, und noch dazu teuer. Auch Tests auf IgG-Antikörper zur Untersuchung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten sollten nicht durchgeführt werden.

Hilfreich: Pfefferminzöl und Low-FODMAP-Diät

Pfefferminzöl hat sich als hilfreich für Patienten vom Schmerz- bzw. Blähungs-Typ erwiesen. Auch die Low-FODMAP-Diät kann diesen Patienten helfen. Generell werden auch Probiotika zur Behandlung des RDS empfohlen, allerdings gebe es nicht „das eine Probiotikum“, das empfohlen wird (naturgemäß werden aktuelle Entwicklungen in Leitlinien nicht abgebildet). Man wisse generell nicht, wie Probiotika wirken, gibt Dr. Andresen zu bedenken. Weiterhin seien die meisten Probiotika als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, weshalb es kaum Studien zu den Präparaten gibt und wenn, dann von schlechter Qualität (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Bei Diarrhö wird Loperamid empfohlen. Auch trizyklische Antidepressiva stellen eine Therapieoption beim Diarrhö-Typ dar, um mit dem RDS einhergehende Schmerzen zu behandeln. Dies sei in angelsächsischen Ländern deutlich etablierter als in Deutschland, berichtet Dr. Andresen. Hierzulande sähen die Patienten in der Behandlung mit Antidepressiva eher eine Stigmatisierung. SSRI haben für das RDS keine Empfehlung bekommen, nur wenn es eine komorbide psychische Erkrankung als Behandlungsindikation gibt.

Bauch-gerichtete Hypnose kommt in Frage

Psychotherapeutisch kommen kognitiv-behaviorale und psychodynamische Verfahren, aber auch bauch- gerichtete Hypnose in Frage. Letztere hat den Vorteil, dass Patienten mit Vorbehalten gegenüber Psychotherapie eher dazu bereit sind, diese auszuprobieren. Allerdings wird diese in Deutschland meist nur an spezialisierten Zentren angeboten.

Insgesamt, betonte Dr. Andresen, ist ein wichtiges Element der Behandlung auch die Arzt-Patienten-Beziehung, die ein Bauteil der multimodalen Therapie des RDS ist. Trotz der vielen neuen Erkenntnisse habe man bei der Überarbeitung der Leitlinie noch nicht „den Stein der Weisen“ gefunden.

  1. Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) 23. Juni 2020

Bildquelle: © Getty Images/ RealPeopleGroup

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