29. Januar 2021

Delir: Aktualisierte S1-Leitlinie

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat die S1-Leitlinie „Delir und Verwirrtheitszustände inklusive Alkoholentzugsdelir“ vollständig überarbeitet.1 Damit sollen Neurologen in Akutkrankenhäusern und internistischen Fachabteilungen auf den neuesten Stand gebracht werden, heißt es aus der Fachgesellschaft.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Andrea Hertlein. Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

„Hirnorganisches Psychosyndrom“, „Durchgangssyndrom“ oder „akute organische Psychose“ sind out

Das Delir ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung mit einer Letalität von über 30% und tritt mit zunehmendem Lebensalter immer häufiger auf, unterstreicht die DGN in der Vorstellung der aktualisierten Version. Ein Delir bedürfe daher umgehender Diagnostik und Therapie, um sekundär verbleibende kognitive Einschränkungen zu vermeiden.

 „Den revidierten Kriterien zufolge müssen Regulationsstörungen der Aufmerksamkeit vorhanden sein, die gemeinsam mit Bewusstseinsstörungen quantitativer Art (Vigilanz) oder qualitativer Art auftreten, betreffend das Denken, die Wahrnehmung oder andere kognitive und emotionale Leistungen“, erläutert Prof. Dr. Matthias Maschke, Chefarzt am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Der Neurologe hat die aktualisierte Leitlinie federführend betreut.

Die akute Symptomatik dürfe nicht allein durch eine vorbestehende Erkrankung erklärt sein und sollte nicht im Zusammenhang mit einem Koma oder Erwachen aus dem Koma beobachtet werden. Frühere Begriffe wie „hirnorganisches Psychosyndrom“, „Durchgangssyndrom“ oder „akute organische Psychose“ sollten laut Leitlinie nicht mehr benutzt werden.

Neuerungen bei medikamentöser Therapie – Neuroleptika nur „mit großer Zurückhaltung“

Weitere Neuerungen betreffen medikamentöse Therapieempfehlungen. So sei beim hyperaktiven Delir (ohne Alkolholentzug) gerade bei geriatrischen Patienten Melperon oder Pipamperon wirksam, insbesondere zur Behandlung der psychomotorischen Unruhe bei nächtlich betonten Verwirrtheitsphasen, so die Autoren.

Speziell beim Alkoholentzugsdelir sind laut Empfehlung Clonidin und Dexmedetomidin als sedierende Alpha-2-Rezeptor-Agonisten auch zur Kontrolle von Hypertension und Tachykardie geeignet und beeinflussen die Atmung nur wenig. Bei Clonidin sei insbesondere bei älteren Patienten die lange Halbwertszeit zu berücksichtigen.

Typische Neuroleptika wie Haloperidol oder atypische Neuroleptika wie Risperidon bzw. Ziprasidon sollten laut Leitlinie künftig nur mit großer Zurückhaltung eingesetzt werden, zumal die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation durch diese Medikamente nicht verkürzt werde.

Grundsätzlich ist die medikamentöse Therapie eines Delirs eine zeitlich limitierte und symptomorientierte Maßnahme, heißt es. Alle Medikamente eignen sich nicht zur dauerhaften Therapie. Ein Monitoring der Delir-Symptome muss erfolgen (z.B. CAM-Skala).

Delir vermeiden

Medikamentöse Strategien zur Delir-Vermeidung sollten sich indessen auf das Absetzen von Risikomedikationen und die Vermeidung von Psychopharmaka und Substanzen mit anticholinerger Wirkung beschränken, lautet eine weitere Empfehlung. Neuroleptika, Cholinesterase-Hemmer und Melatonin-Derivate zeigten bislang keinen überzeugenden Nutzen. Zur Vermeidung des postoperativen Delirs könne unter Monitorbedingungen Dexmedetomidin sinnvoll sein.

Neben der medikamentösen Therapie haben nicht-pharmazeutische Konzepte zur Delir-Prävention und -Therapie eine mindestens so große Evidenz, insbesondere bei einer vorbestehenden Demenzerkrankung.

Die nicht-medikamentöse Therapie als erster Schritt eliminiert Auslösefaktoren und optimiert die Umgebungsverhältnisse des deliranten Patienten (kognitive Aktivierung und Reorientierung tagsüber, Schlafhygiene, Bezugspflege).

Medikamente überprüfen und gegebenenfalls absetzen!

Treten delirante Symptome (D) auf, sollte laut Leitlinie auch auf die Auslösefaktoren „Schmerz“ (pain, P) und Agitiertheit (A) geprüft werden (PAD-Management). Außerdem sei wichtig, ein hyperaktives Delir (gesteigerte motorische Unruhe und Rastlosigkeit; ungeduldiges, eventuell aggressives Verhalten) von einem hypoaktiven Delir abzugrenzen (motorische und kognitive Verlangsamung, reduzierte Aktivität, Antriebslosigkeit bis hin zur Apathie).

Bei Fragen zum Delir sollen laut Leitlinie zunächst Medikamente überprüft und ggf. abgesetzt oder reduziert werden (z.B. PRISCUS-Liste oder FORTA-Liste). Wichtig ist, dass man vor allem bei älteren Menschen zumindest auf stark anticholinerge Arzneimittel verzichtet und diese nicht weiter verabreicht.

Weiterhin sollten Ärzte speziell nach Over-The-Counter-Medikation (OTC) wie Schlafmitteln, Erkältungsmitteln oder auch nach alkoholenthaltenden Tonika fragen (enthalten häufig Antihistaminika wie Doxylamin, Diphenhydramin oder Kombinationen aus Doxylamin/Dextrometorphan/Ephedrin + Paracetamol + 18% Alkohol).

  1. Maschke M, et al: Delir und Verwirrtheitszustände inklusive Alkoholentzugsdelir. S1-Leitlinie der DGN, 5. Dezember 2020

Bildquelle: © Getty Images/demaerre

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