19. November 2021

Leitlinien: 10 neue Empfehlungen

Finden Sie hier eine Auswahl neuer oder aktualisierter Leitlinien der vergangenen sechs Monate. So beispielsweise zu chronischem Tinnitus, Kohlenmonoxidvergiftungen, Covid-19 und Autismus-Spektrum-Störungen und mehr.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Rauschen, Klingeln, Dröhnen: Was hilft bei chronischem Tinnitus – und was nicht?

Seit mindestens drei Monaten bestehende, für die Betroffenen belastende Ohrgeräusche: Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V., Bonn (DGHNO-KHC) wurde die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ überarbeitet. Neu ist auch eine allgemeinverständliche Patientenleitlinie. Bei chronischem Tinnitus kann es auch zu weiteren physischen und psychischen Belastungsstörungen kommen, die im Gespräch und mittels standardisiertem Tinnitus-Fragebogen erfasst werden sollen.

Ziel der Therapieempfehlungen ist die langfristige Reduktion der Belastungen. Die Diagnostik-gestützte Beratung und Aufklärung (Tinnitus-Counselling) ist dabei die Basis jeder Therapie. Daneben nennt die Leitlinie weitere evidenzbasierte Empfehlungen. Erstmals wurden jedoch auch nicht geeignete Empfehlungen gelistet, darunter wenig evidente App-gestützte Soundtherapien und Nahrungsergänzungsmittel wie Betahistin sowie Stärkungsmittel.1,2

Diagnostik und Therapie der Kohlenmonoxidvergiftung

Kohlenstoffmonoxid gilt gemeinhin als hochgefährlich. Gerät das Gas etwa in die Atemwege, kann es schwere Hirnschäden verursachen oder einen Menschen sogar töten. Im Jahr 2007 wurden in Deutschland rund 4.000 stationäre Fälle von Kohlenmonoxidvergiftung registriert, hinzu kommt eine deutlich höhere Zahl ambulant versorgter Patientinnen und Patienten. Im Jahr 2018 sind laut Statistischem Bundesamt 629 Personen an den Folgen einer Kohlenmonoxidvergiftung verstorben. Das geruch- und farblose Gas entsteht bei unvollständigen Verbrennungsvorgängen kohlenstoffhaltiger Stoffe (z.B. defekte Heizungsanlagen, Kamine und Öfen).

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. hat nun als federführende Fachgesellschaft die neue „S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Kohlenmonoxidvergiftung“ erstellt. Sie soll Informationen und Instruktionen bei der Diagnostik und Behandlung von Patientinnen und Patienten geben:

  • für die rettungsdienstliche Erstversorgung durch medizinisches Assistenzpersonal und Ärzte,
  • für die Prinzipien der klinischen Erstversorgung,
  • für die Entscheidung eines Primär- oder Sekundärtransports zu einer hyperbarmedizinischen Therapie und
  • für die weitere medizinische Versorgung.3,4

Methoden aus der komplementären und alternativen Medizin bei Krebs

Über 150 Empfehlungen und Statements zu aktuell in Deutschland genutzten Methoden und Substanzen der komplementären und alternativen Medizin beinhaltet die erste S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patienten und Patientinnen“, die unter Federführung der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) erarbeitet wurde. Neben onkologisch Tätigen sind die Empfehlungen und Informationen zur vorliegenden Evidenz auch an alle weiteren Ärztinnen und Ärzte gerichtet, die Krebsbetroffene begleiten. Die Leitlinie umfasst vier thematische Blöcke:

  • Medizinische Systeme
  • Mind-Body-Verfahren
  • Manipulative Körpertherapien
  • Biologische Therapien

Die umfangreiche Dokumentation in dieser Leitlinie zeigt, dass für die meisten Methoden der komplementären Medizin nur wenig wissenschaftliche Daten vorliegen, auch kleine Teilnehmerzahlen schränken die Interpretation der Ergebnisse ein. Zwar zeigen einige Studien,  dass sich die Anwendung komplementärmedizinischer Methoden günstig auf bestimmte Nebenwirkungen der onkologischen Therapie oder auf die Lebensqualität der Betroffenen auswirken kann, jedoch ist insbesondere die Berücksichtigung potenzieller Arzneimittelinteraktionen in der Onkologie von hoher Bedeutung.

Deshalb empfiehlt die Leitlinie, dass alle Krebsbetroffenen frühestmöglich und im Verlauf wiederholt zur aktuellen und geplanten Anwendung von komplementären Maßnahmen informiert werden sollen. Onkologische S3-Leitlininien wie diese können über die App vom Leitlinienprogramm Onkologie abgerufen werden.5

Covid-19: Neue Empfehlungen zur stationären Therapie

Die S3-Leitlinie zur stationären Therapie von Patienten mit Covid-19 ist seit Anfang Oktober in einer weiteren, aktualisierten Version veröffentlicht. Erstmals werden darin monoklonale Antikörper sowie Januskinase (JAK-)-Inhibitoren als verfügbare medikamentöse Therapieoptionen genannt, die in randomisierten kontrollierten Studien nachweislich die Sterblichkeit reduziert haben. Auch für die Thromboseprophylaxe und Antikoagulation sowie die Bauchlagerung von wachen Patienten sind neue Empfehlungen aufgeführt. Durch die Bauchlagerung lasse sich die Häufigkeit späterer Intubationen reduzieren, so Leitlinienkoordinator Professor Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Bei den Aktualisierungen steht stets die Patientensicherheit im Mittelpunkt. Durch die konsequente kritische Analyse einer Vielzahl von medikamentösen Therapieansätzen zur Behandlung von Covid-19 (Colchicin, Ivermectin, Rekonvaleszenten-Plasma etc.) kann nun auch ein Katalog an Negativ-Empfehlungen, also Empfehlungen gegen bestimmte Therapien, herausgegeben werden. So können zusätzliche Schäden durch Therapien in der Behandlung vermieden werden.6

Erste S3-Leitlinie zur Therapie bei Autismus-Spektrum-Störungen publiziert

Die erste interdisziplinäre S3-Leitlinie zur evidenz-basierten Therapie bei Autismus-Spektrum-Störungen wurde im vergangenen Mai veröffentlicht. Sie wurde federführend von Frau Prof. Dr. Christine M. Freitag vom Universitätsklinikum Frankfurt erarbeitet, die herausgebende Fachgesellschaft ist die DGKJP. Als eine systemische Übersicht empirisch untersuchter Verfahren sowie davon abgeleiteter Empfehlungen, kann sie als konkrete Handlungsempfehlung zur Therapie des komplexen Krankheitsbildes dienen. Diese neue Therapie-Leitlinie komplettiert nun die bereits vorhandene S3-Leitlinie zur Diagnostik und stellt zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum alle bis 2018 anhand kontrollierter oder randomisiert-kontrollierter Studien untersuchten Therapieansätze vor, die bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störung eingesetzt werden. Dies umfasst psychosoziale, medikamentöse und andere Interventionen.7

Hier geht’s weiter

Auf der nächsten Seite finden Sie neue oder aktualisierte Leitlinien zum ischämischen Schlaganfall, zum Mammakarzinom, Autismus-Spektrum-Störungen, chronischer Pankreatitis und Hepatitis B.

1. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V.; S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF-Register-Nr. 017/064.
2. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V.; Patientenleitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF-Register-Nr. 017/64 Klasse S3.
3. Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V.; S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Kohlenmonoxidvergiftung, AWMF-Registernummer: 040-012.
4. Mit Kohlenstoffmonoxid und rotem Licht gegen Entzündungen; idw, 11.10.2017.
5. Erstmals S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patient*innen“ erschienen; DKG; 27.07.2021.
6. Neue Empfehlungen zur stationären Therapie von COVID-19-Erkrankten; divi; 06.10.2021.
7. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie vom 07.05.2021: Erste S3-Leitlinie zur Therapie bei Autismus-Spektrum-Störungen publiziert.

Titelbild: © Getty Images/Jung Getty

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Jeremy Schneider, Blake DeSimone
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653