Theaterärztin: Zwischen Station und Opernhaus
Wie lassen sich die Leidenschaft für den Arztberuf und kulturelles Interesse verbinden?
Die Staatstheater Stuttgart machen es vor: mit dem Theaterarztdienst. Wir haben Dr. Foteini Noutsou einen Abend lang begleitet und geben Einblicke in dieses spannende Tätigkeitsfeld.
Lesedauer: ca. 10 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling, Marina Urbanietz
Als Ärztin im Theater
Dr. Foteini Noutsou ist in ihrem Arbeitsalltag Oberärztin in der Abteilung für Geriatrie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Abends übernimmt sie immer wieder Theaterarztdienste – wie auch heute an der Stuttgarter Staatsoper.
Es ist kurz nach 18 Uhr an einem Freitag, wir sind mit Dr. Noutsou verabredet. Ein paar Fragen von der coliquio-Medizinredaktion zu ihrer Tätigkeit als Theaterärztin, kurz vor dem Start ihres Theaterarztdienstes an der Staatsoper bei der Revue-Operette „Casanova“, kurz nach dem Ende ihrer Schicht in der Klinik. Außerdem vor Ort ist Maurus Zinser, Leiter des Besucherservice der Staatstheater Stuttgart, der für die Organisation des Theaterarztdienstes verantwortlich ist.
Vor uns stehen zwei Menschen, die für die gleiche Sache brennen, die mit ihrem Enthusiasmus eine einzigartige Geschichte am Leben halten. Doch was machen Theaterärztinnen und -ärzte genau und wer kann an dem Dienst teilnehmen?

(Foto: © Marc Fröhling)
Dr. Noutsou wurde auf das Angebot aufmerksam, als vor zehn Jahren eine Rundmail an der Klinik verschickt wurde, in der neue Theaterärztinnen und -ärzte gesucht wurden. „Weil ich grundsätzlich kulturell interessiert bin und vor allem auch Theater mag, habe ich mich gemeldet“, erzählt sie auf dem Weg zu ihrer Theaterarztloge.
Vollgepackter Notfallkoffer steht in der Loge parat
Wie oft sind Sie als Theaterärztin im Einsatz?
Dr. Noutsou: Das ist eine gute Frage. Neben dem Job habe ich zwei kleine Kinder zuhause, aber ich versuche es so einzurichten, dass ich im Schnitt zweimal pro Monat den Theaterdienst übernehmen kann.
Wie läuft eine typische Arbeitsschicht als Ärztin im Theater ab?
Dr. Noutsou: Das hängt von der jeweiligen Spielstätte ab, in dem wir unterwegs sind. Meist kommt man kurz vor Beginn der Vorstellung und meldet sich beim zuständigen Personal.
Dr. Noutsou trägt sich in das Anwesenheitsformular ein, das in der Theaterarztloge direkt neben dem Notfallkoffer liegt. In manchen – meist großen Häusern – bekommt man auch einen sogenannten „Piepser“. An diesem Abend gibt es keinen Piepser, weil die Vorstellung ohne Pause ist. Bei Notfällen wird Dr. Noutsou vom Besucherservice in ihrer Loge alarmiert. Während einer Pause wäre sie dann mit dem Piepser unterwegs.
Hier am Opernhaus brauchen Theaterärztinnen und -ärzte keine spezielle Ausrüstung, der vollgepackte Notfallkoffer steht griffbereit und wird vom Besucherservice vor jeder Vorstellung neu befüllt, falls zuvor etwas entnommen wurde. „Die großen Häuser haben auf jeden Fall einen Notfallkoffer und einen Defibrillator. In manchen Theatern gibt es auch einen kleinen Untersuchungsraum mit einer Liege. Hier ist alles drin, was man im Notfall in der Regel braucht. Wenn ich etwas darüber hinaus brauchen würde, dann wäre es der richtige Zeitpunkt, einen Notarzt zu rufen“, so Dr. Noutsou.
Theaterarztdienst: Unsere Eindrücke im Video
Herr Zinser, wie kam die Idee auf, den sogenannten „Theaterarztdienst“ in Stuttgart anzubieten?

(Foto: © Marc Fröhling)
Zinser: Die Idee hatten Ende der 1960er-Jahre der Verwaltungsdirektor der Staatstheater und der damalige Leiter des städtischen Gesundheitsamtes. Zunächst lag die Organisation beim Gesundheitsamt, aktuell läuft der Prozess jedoch über uns. In jedem der elf Krankenhäuser haben wir einen Ansprechpartner oder -partnerin, die von uns für die aktuelle Spielzeit einen Veranstaltungsplan bekommen – mit dem jeweiligen Zeitraum, in dem die Theaterarztdienste besetzt werden.
Dr. Noutsou: Genau. Zu Quartalsbeginn bekommen wir eine Liste der Vorstellungen, in die sich Ärztinnen und Ärzte aus dem Robert-Bosch-Krankenhaus eintragen können. Sobald ich die Slots habe, wird eine Rundmail an den Verteiler geschickt, in den sich interessierte Kolleginnen und Kollegen eingetragen haben. Was in diesem Zusammenhang auch noch wichtig ist, es wird darauf geachtet, dass wir nicht immer die gleichen Vorstellungen bekommen.
Wie besetzen Sie die Dienste im Fall eines kurzfristigen Ausfalls?
Zinser: Wir haben einen Pool aus niedergelassenen Ärztinnen und -ärzten, die eine Berufshaftpflichtversicherung haben und kurzfristig „einspringen“ können. Sie werden bei Ausfällen von Kolleginnen und Kollegen aus der Klinik kontaktiert, jedoch stößt auch dieses System an seine Grenzen, wenn unser Anruf zu kurzfristig kommt.
Wie viele Vorstellungen bleiben unbesetzt?
Zinser: Ich würde sagen, bei etwa 95 Prozent aller Vorstellungen in allen vier Spielstätten haben wir einen Theaterarzt – oder -ärztin, somit wären ca. fünf Prozent unbesetzt.
Dr. Noutsou: Wir versuchen natürlich immer, alle Vorstellungen, die an das Robert-Bosch-Krankenhaus geschickt werden, zu 100 Prozent zu besetzen und alle Termine einzuhalten.
Welche Fachrichtungen sind am häufigsten vertreten?
Dr. Noutsou: Grundsätzlich haben wir Theaterärztinnen und -ärzte aus allen Fachgebieten. Es geht vorrangig um die Erstversorgungmaßnahmen, und diese beherrschen ja Kolleginnen und Kollegen aller Fachrichtungen. Auch Ärztinnen und Ärzte, die sich noch in der Weiterbildung befinden, machen bei diesem Service gerne mit. Vielleicht eignet es sich sogar besser für junge Kolleginnen und Kollegen, die noch keine Familie und dadurch mehr Zeit - gerade abends oder am Wochenende – haben.
Was sind die häufigsten Notfälle?
Dr. Noutsou: Mit Abstand am häufigsten kommt es zu einer orthostatischen Dysregulation oder einem Kollaps. Das ist der Klassiker im Theater: man hat zu wenig gegessen oder getrunken – oft auch beides, um einen Toilettengang während der Vorstellung zu vermeiden. Dann trinkt man in der Pause ein Gläschen Wein oder Sekt, und dann ist es schon so weit: Schwächeanfälle, Schwindel, präsynkopale Ereignisse. Hinzu kommt, dass die Säle – gerade bei den Premieren – oft voll sind, es ist warm, dann ist es auch nicht verwunderlich, dass es gehäuft zu solchen medizinischen Einsätzen kommt. Aber grundsätzlich haben wir hier das ganze Spektrum der präklinischen Notfallmedizin: allergische Reaktionen, epileptischer Anfall, Brustschmerzen.

(Foto: © Marc Fröhling)
Könnte man sagen, bei welchen Vorstellungsarten die meisten medizinischen Notfälle eintreten?
Dr. Noutsou: So pauschal lässt es nicht sagen. Ich persönlich hatte die meisten Einsätze genau hier, im Opernhaus. Es liegt auch an der Dauer der Vorstellungen, die oft komplett ausverkauft sind: Das heißt, gerade im Opernhaus kommt es oft zu vollen Sälen. Im Gegensatz dazu ist im Kammertheater ein jüngeres Publikum unterwegs, dort hatte ich bisher keine Einsätze.
Zinser: Dies spiegelt auch unsere Erfahrungen wider – mit Abstand die meisten Einsätze passieren während der Oper- und Ballettvorstellungen hier im Opernhaus. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Besucherservice gehen den Theaterärztinnen und -ärzten zur Hand, wenn nötig. Im Opernhaus haben wir circa 30 Kolleginnen und Kollegen, die alle in erster Hilfe ausgebildet sind.
Manche Notfälle passieren bereits an der Treppe am Eingang
Geht es in erster Linie um die Versorgung der Darsteller oder der Zuschauer?
Dr. Noutsou: Als Theaterärztin bin ich für beide Gruppen zuständig. So hatte ich auch beim technischen Personal sowie Darstellerinnen und Darstellern bereits Einsätze. In diesen Fällen handelt es sich meist um stressbedingte Beschwerden, wir Kopfschmerzen bis hin zu Migräneattacken kurz vor Vorstellungsbeginn.
Bei Inszenierungen, die etwas abenteuerlicher sind, kommt es manchmal auch zu Stürzen mit verstauchten Knöcheln, Bandrissen oder Knochenbrüchen.
Was war bisher Ihr interessantester Fall?
Dr. Noutsou: Ich persönlich hatte keine besonders spannenden Fälle. Aber ein Kollege hat von einer Geburt berichtet. Es ist alles gut gegangen und bei solchen Fällen ist die Schwelle, einen Notarzt zu holen, viel niedriger. Grundsätzlich muss man an dieser Stelle erwähnen: Bei ernsten Fällen holen wir sofort den Notarzt hinzu. Und da hier in Stuttgart die Theaterhäuser zentral gelegen sind, sind die Kolleginnen und Kollegen auch schnell da.
Zinser: Ich war vor ungefähr einem Jahr Zeuge eines Treppensturzes mit einem Schädelbasisbruch als Folge. Der 80-jährige Herr ist ein treuer Gast von uns, ich kenne ihn auch persönlich. Sein Zustand nach dem Sturz war kritisch. Auch der Krankenwagen konnte aufgrund der Sachlage über 40 Minuten lang nicht losfahren. Das hat mich schon sehr mitgenommen. Zwei Wochen später habe ich ihn zuhause angerufen. Er ging selbst ans Telefon und meinte, er wäre gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden, und dass es ohne das schnelle Eingreifen des Teams im Theater eher schlecht ausgegangen wäre.
In den meisten Fällen bekommt man keine Rückmeldungen, weil wir die Betroffenen nicht kennen, und sie kennen uns eben auch nicht. Aber ich denke, der Faktor Zeit ist oft entscheidend. Wie Dr. Noutsou eben sagte, liegen unsere Spielstätten schon zentral, somit ist der Krankenwagen schnell vor Ort. Oft stehen jedoch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Besucherservice in leuchtorangenen Warnschutzjacken auf den Zufahrten zum Gebäude und lotsen den Krankenwagen auf dem direktesten Weg zur Unfallstelle.
Versicherung
Die Grundvoraussetzung für die Teilnahme am Theaterarztdienst ist eine Approbation und eine Berufshaftpflichtversicherung. Aus diesem Grund arbeiten die Staatstheater in Stuttgart hauptsächlich mit den in elf Stuttgarter Kliniken angestellten Ärztinnen und Ärzten zusammen, weil sie in der Regel den nötigen Versicherungsschutz besitzen. Grundsätzlich können jedoch auch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen im Theaterarztdienst tätig sein, wenn sie eine Berufshaftpflichtversicherung haben. So sind es etwa 50 klinisch tätige und zehn niedergelassene Kolleginnen und Kollegen, die in Stuttgart an den vier Spielstätten die Veranstaltungen regelmäßig besetzen.
Vergütung
Der Theaterarztdienst ist eine ehrenamtliche Tätigkeit und wird nicht vergütet. Ärztinnen und Ärzte bekommen für den Abend jeweils zwei freie Karten – für sich und eine Begleitung. An der Staatsoper in Stuttgart sind es zwei schöne Logenplätze, etwas seitlich von der Bühne, zudem wird ein Parkplatz freigehalten.
Fachrichtungen
Die Theaterärztinnen und-ärzte kommen aus verschiedenen Fachrichtungen. Assistenzärztinnen und -ärzte sind genauso vertreten, wie erfahrenere Kolleginnen und Kollegen. Bei den Aufgaben vor Ort geht es in den meisten Fällen um die notfallmedizinische Erstversorgung sowie um die Entscheidung, ob der Einsatz eines Rettungswagens sinnvoll wäre.
Orte
Laut dem Deutschen Bühnenverein gibt es hierzulande kein zentrales Verzeichnis mit allen Spielstätten, die den Theaterarztdienst regelmäßig anbieten. Es sind jedoch meist größere Städte mit vielen Krankenhäusern und einem ausreichenden Pool an Ärztinnen und Ärzten, die diesen kostenlosen Service für das Publikum und Mitarbeiterteam anbieten. Somit wird der Theaterarztdienst neben Stuttgart auch in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Bonn, München und Regensburg gelebt. In der Schweiz bieten den Service die Theater in Zürich und Basel an, bei den Nachbarn in Österreich haben viele Wiener Spielstätten einen Theaterarzt oder -ärztin während der meisten Veranstaltungen. Unsere Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bei Interesse empfehlen wir, am Theater vor Ort nachzufragen.
In Stuttgart können Sie sich an [email protected] oder direkt an Christina Pittelkow-Abele wenden, die die Theaterarztdienste koordiniert [email protected].
Wie oft kommt es vor, dass Sie während einer Vorstellung gebraucht werden?
Dr. Noutsou: Das ist schwer zu sagen, aber ich würde schätzen, alle drei bis vier Vorstellungen. Oft kommt es in Wellen: Man hat monatelang keine Notfälle, und dann wird man bei vier Vorstellungen hintereinander gerufen.
Zinser: Im Opernhaus haben wir im Schnitt einmal pro Woche auch einen Krankenwagen vor Ort. Im Regelbetrieb ist dies bei sechs bis sieben Vorstellungen wöchentlich ein Krankenwagen-Einsatz – um das Ganze etwas einzuordnen.
„Sancta“ geht an die Grenzen des normalen menschlichen Empfindens
Es gibt jedoch auch Ausnahmen: Rund um die Vorstellungen von Florentina Holzingers „Sancta“ benötigten mehr als 18 Menschen medizinische Hilfe. Herr Zinser, die Frage geht an Sie: Wie konnte Ihr Team die Situation beherrschen?
Zinser: Ja, die Vorstellung war herausfordernd. Erstaunlicherweise waren auch viele jüngere Menschen unter den Betroffenen. Es waren keine lebensbedrohlichen Zustände, aber wir hatten nie so viele Gäste, die wir simultan betreuen mussten. In „Sancta“ gibt es gewisse Szenen, die das normale menschliche Empfinden triggern können, ohne dass ich jetzt hier auf die Details eingehe. Dies wussten wir bereits, da das Stück zuvor in Schwerin aufgeführt wurde und wir uns mit den dortigen Kolleginnen und Kollegen austauschen konnten. Wir waren auf jeden Fall gut vorbereitet. Wir hatten statt einen zwei Theaterärzte und neben dem Besucherservice zwei Johanniter-Kollegen, die bereits vor der Vorstellung vor Ort waren.
Welche „Best-Practice-Tipps“ würden Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Theatern geben, die diesen Service gerne auch bei sich einführen würden?
Zinser: Grundsätzlich ist gerade die Aufbauphase eines solchen Netzes mit vielen Krankenhäusern und Ansprechpartnern aufwendig. Wenn das Ganze erst einmal steht, dann ist der organisatorische Zeitaufwand überschaubar. Aktuell betreue ich es gemeinsam mit einer weiteren Kollegin, die in Teilzeit beschäftigt ist. Uns kommt zugute, dass auch die Ärztinnen und Ärzte, die mit uns zusammenarbeiten, bereits seit vielen Jahren den Theaterdienst machen und sich deshalb mit den Gegebenheiten in den Spielstätten vor Ort sowie mit dem gesamten Prozess gut auskennen.
Eine Alternative für kleinere Städte wäre vielleicht auch die Zusammenarbeit mit dem dortigen Roten Kreuz oder Malteserdienst. Für Stuttgart kam dies nicht infrage, weil sie aus Kapazitätsgründen so viele Termine mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht besetzen konnten. Entweder man hat viele Krankenhäuser oder eine große Institution mit im Hintergrund, sodass die meisten Vorstellungen besetzt werden können. Mit nur zwei Kliniken hätte es bei uns zum Beispiel nicht funktioniert.
Ein Abend ohne Notfälle
Nach der Vorstellung um knapp vor 21 Uhr ist der Theaterdienst offiziell zu Ende – am heutigen Abend ohne einen medizinischen Zwischenfall. Und das ist zum Glück auch der häufigere Fall.

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