13. August 2021

Pöbeln & Posten: Wenn Ärzte sich daneben benehmen 

Selfies mit Bewusstlosen, Twitter-Tiraden die gegen die Schweigepflicht verstoßen, Mobbing und Belästigung von Mitarbeitenden – ein aktueller Medscape-Report über ärztliches Fehlverhalten.

Lesedauer: 5,5 Minuten

Autorin: Naomi Shammash. Übersetzung: Dr. med. Laura Cabrera.

Befragung von 2000 Ärztinnen und Ärzten

Selfies mit bewusstlosen Patienten, Twitter-Tiraden die gegen die Schweigepflicht verstoßen, Mobbing und Belästigung von ärztlichen Kollegen oder anderen Mitarbeitenden. 

Berichte über Ärztinnen und Ärzte, die sich daneben benehmen, sei es auf der Arbeit, auf Social Media oder im privaten Leben, scheinen in letzter Zeit zuzunehmen. Neue Daten unterstützen diesen Eindruck. Medscape befragte kürzlich 2000 Ärztinnen und Ärzte, um die Art und das Ausmaß von schlechtem Benehmen im Kollegium in den vergangenen 5 Jahren aufzudecken.  

Mehr als die Hälfte hat Fehltritte im Kollegium erlebt

Laut dem Report berichteten mehr als die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte (56%), dass sie erlebt haben, wie sich ärztliche Kollegen danebenbenehmen. In 40% der Fälle fand das Fehlverhalten am Arbeitsplatz statt, in einem Drittel der Fälle in den Sozialen Medien und in 23% außerhalb der Arbeit. 

Im Report wurde „unangemessenes Verhalten“ definiert als:

  • Respektlosigkeit gegenüber Patienten, medizinischem Personal oder anderen
  • offensichtliche Trunkenheit oder spärliche Bekleidung
  • Belästigung; sexuelle oder rassistische Beleidigungen
  • sich über Patientinnen und Patienten lustig machen
  • die Privatsphäre von Patientinnen und Patienten auf Social Media missachten
  • andere offensichtliche Beispiele für negatives Verhalten

In den vergangenen 5 Jahren haben Ärztinnen und Ärzte im Schnitt zwischen 5 und 6 Vorfälle von inadäquatem Verhalten beobachtet oder erlebt, sowohl auf der Arbeit als auch andernorts.  

Am häufigsten waren Mobbing und Verspotten von Patienten

Am Arbeitsplatz war Mobbing von medizinischem Personal und das Verspotten von Patientinnen und Patienten ohne deren Wissen am häufigsten. Beides wurde von 80% der Teilnehmenden berichtet. Am dritthäufigsten waren rassistische Äußerungen, worüber die Hälfte der Teilnehmenden berichtete. 44% der Ärztinnen und Ärzte wurden Zeugen von Kolleginnen und Kollegen, die „körperlich aggressiv“ wurden. 40% berichteten über Trunkenheit. Abseits der Arbeit kam es besonders häufig dazu, dass man sich über Patientinnen und Patienten lustig machte (68%) und zu Trunkenheit (58%). 

Ergebnisse traurig, aber nicht überraschend

„Diese Ergebnisse zu sehen ist traurig, aber nicht unerwartet, besonders das Mobbing oder das respektlose Verhalten gegenüber Patientinnen und Patienten“, sagt Peter Yellowlees, MD, Chief Wellness Officer an der UC Davis Health. „Die Ergebnisse zeigen dass die meisten von uns mit schwierigen und störenden Kolleginnen und Kollegen zu tun haben, und auch dass diejenigen, die ausgebrannt sind, sich am ehesten unpassend verhalten. Wir sollten dieses Benehmen nicht tolerieren. Die nächste Frage die wir uns stellen sollten ist: Habe ich irgendetwas getan um zu verhindern, dass das wieder passiert?“ 

Trunkenheit, Genitalhumor und dreckige Hände

Die Ärztinnen und Ärzte wurden darum gebeten, den krassesten Vorfall schlechten Verhaltens zu beschreiben, den sie erlebt haben. Die Antworten reichten von „ein Arzt scherzte ständig vor Patienten und Angestellten über die Größe seines Genitals“ über „ein Arzt oder eine Ärztin postete betrunken im Internet, dass er oder sie Sex mit zwei Patienten oder Patientinnen haben wolle“ bis hin zu „dreckige Hände und Fingernägel“. Auch gaben Befragte an, dass andere Ärztinnen und Ärzte während der Pandemie auf Partys mit vielen Leuten gingen, ohne dabei eine Maske zu tragen. 

Social Media als Treiber für inadäquates Handeln

Im Schnitt sahen die Teilnehmenden ein bis zwei unangemessene Postings pro Monat. Am häufigsten verhielten sich Ärztinnen und Ärzte auf Facebook daneben, diejenige Plattform, die sie auch am häufigsten verwenden. Eine teilnehmende Person berichtete, sie habe gesehen, wie Kolleginnen und Kollegen Bilder von sich selbst auf Partys posten, auf denen sie und alle anderen „offensichtlich auf Drogen“ gewesen seien. Andere wurden Zeuge, wie Ärztinnen und Ärzte Fotos posteten, auf denen sie sich über bewusstlose Patientinnen und Patienten lustig gemacht hatten. Andere Kollegen und Kolleginnen hatten Bilder von Ausschlägen im Intimbereich von Frauen hochgeladen. Sie berichteten weiter über hasserfüllte, rassistische, sexistische oder antisemitische Aussagen. 

80% der Teilnehmenden berichteten, dass sie von Kolleginnen und Kollegen inadäquate Kommentare über sich selbst oder andere Nichtpatienten auf Social Media gesehen haben. 39% sagten, die Ärztinnen und Ärzte hatten inadäquate Bilder von sich gepostet und 43% sagten sie hätten unpassende Kommentare oder Bilder von bzw. über Patientinnen und Patienten gesehen. 

Moderne Mittel gegen ärztliches Fehlverhalten

Überraschend: Etwa ein Drittel der Teilnehmenden schätzte, dass das Fehlverhalten am Arbeitsplatz in den letzten Jahren abgenommen habe. Manche führten das auf den vermehrten Einsatz von Überwachungskameras zurück. Als weitere Gründe für diese Aussage nannten sie, dass mehr Mitarbeitende mit Smartphones schlechtes Verhalten aufnehmen und melden, dass es mehr Aufmerksamkeit für Belästigungen und Mobbing gäbe, mehr Gerichtsverfahren wegen Fehlverhalten angestrengt würden und es allgemein weniger Akzeptanz im professionellen Setting für Fehlverhalten gebe. Zugleich gibt mehr als die Hälfte der Teilnehmenden an, dass das Fehlverhalten gleichgeblieben sei, sowohl bei der Arbeit als auch privat. 

Wie Ärzte mit dem Fehlverhalten der Kollegen umgingen

Die meisten fanden, dass Ärztinnen und Ärzte, die sich daneben benommen haben, gemeldet oder verwarnt werden oder negative Konsequenzen erleben sollten. Zumindest sollten ihre Vorgesetzten auf das Fehlverhalten aufmerksam gemacht werden. Als sie Zeugen von Fehlverhalten wurden, sprachen 37% direkt mit dem Arzt oder der Ärztin, 25% meldeten das Verhalten und 35% reagierten gar nicht. 

Laut den Teilnehmenden war etwa die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte, die sich danebenbenehmen, in ihren 40ern, obwohl auch solche in ihren 30ern und 50ern mit jeweils etwa 40 % einen hohen Anteil an Verstößen zu verzeichnen haben. Auffallend ist, dass sich nach Ansicht der Befragten mehr Männer (80 %) als Frauen (20 %) danebenbenommen haben.

Sollten für Ärztinnen und Ärzte höhere Ansprüche gelten als für andere? 

Drei Viertel der Befragten denken, dass für Ärztinnen und Ärzte ein höherer Verhaltensstandard gelten sollte als für die Allgemeinbevölkerung. 80% finden, dass schlechtes Verhalten von Ärztinnen und Ärzten ein negatives Bild auf den Beruf wirft. 

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten machte die persönliche Arroganz einzelner Ärztinnen und Ärzte und eine Lockerung der Verhaltensnormen dafür verantwortlich. „Ich denke die gesellschaftlichen Normen für Ärztinnen und Ärzte am Arbeitsplatz sind in etwa richtig“, sagt Arthur L. Caplan, PhD, Bioethiker am New York University Langone Medical Center. „Man bedenke, dass die Menschen Erwartungen an sie stellen, die Ihrer Rolle entsprechen, immer auf der Suche nach Scheinheiligkeit sind und immer versuchen, Autoritätspersonen zu stürzen. Jede Ärztin und jeder Arzt, der oder dem der gute Ruf wichtig ist, sollte sich nicht beim betrunken herumtanzen sehen lassen.“

Zwei Drittel der Befragten finden es unangemessen für Ärztinnen und Ärzte, Bilder von sich im Internet zu posten, auf denen sie Alkohol trinken, Drogen nehmen oder spärlich bekleidet sind. 28% jedoch fanden, dass Alkoholkonsum auf Online-Bildern akzeptabel sei und 20% sagten das gleiche über freizügige Kleidung. 
Eine befragte Person gab zu bedenken, dass viele Ärztinnen und Ärzte, die sich falsch verhalten, nicht glauben, dass sie dies tun, weil andere in ihrem Umfeld, online oder offline, ähnlich handelten. 

Dieser Artikel erschien im Original auf Medscape.com.

Bildquelle: © gettyImages/FatCamera

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