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Leben als Arzt

10. Apr. 2025

Schiffsärzte im Laufe der Geschichte

Die Schifffahrt war für das Erweitern von Handelsbeziehungen historisch unverzichtbar. Doch wie sah in früheren Zeiten die medizinische Versorgung an Bord aus und welche Herausforderungen galt es zu meistern?

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Schiffsärzte im Laufe der Geschichte
Ein Kriegsschiff der Royal Navy Ende des 18. Jahrhunderts. Damals herrschten stürmische Zeiten auf See, auch für Schiffsärzte. (Foto: © Getty Images | duncan1890)

Autorin: Bernadette Neuhauser | Redaktion: Marc Fröhling

Eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer – ein Pool an Deck, eigene Kajüten inklusive Bad, Essen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und dazu ein Schiffsarzt an Bord, quasi der Hausarzt der Passagiere, der für die großen und kleinen medizinischen Leiden bereitsteht: von diesem Luxus konnten Matrosen vor 200 Jahren nur träumen, wenn es nicht sogar ihr Vorstellungsvermögen um ein Weites überstieg. Ihre Realität sah anders aus: Eng aneinander gereihte Hängematten unter Deck, stickige Luft, meist katastrophale Hygienebedingungen und gefährliche Krankheiten. 

Doch wie heute gab es auch damals schon Schiffsärzte, die ihr Bestes gaben, die Männer an Bord gesund zu halten. Der Beruf des Schiffsarztes hat einen historischen Charakter. So gibt es Schriftzeugnisse aus antiken Metropolen, die das Vorhandensein von Schiffsärzten belegen. Doch wie entwickelte sich das Berufsbild des Schiffsarztes im Lauf der Zeit, wer war dazu qualifiziert und welche Herausforderungen galt es zu meistern?

Die Epoche der Segelschifffahrt und ihre Herausforderungen

Während sich Schifffahrten in der Antike noch auf die Dauer mehrerer Tage beschränkten, konnten Entdeckungsreisen mit Segelschiffen im 15. bis 16. Jahrhundert auch mehrere Wochen oder sogar Jahre dauern. Durch die verlängerte Reisedauer stiegen auch die Anforderungen an die Versorgungsplanung, da seltener Häfen angesteuert wurden.

Im 15. bis 16. Jahrhundert waren die Schiffe noch eher kleiner, mit geringerer Besatzungsstärke. Deshalb traten hier manche Probleme noch nicht auf, wie beispielsweise das Ersticken von Besatzungsmitgliedern unter Deck. Im 18. Jahrhundert wurden die Schiffe dann deutlich größer und umfassten mehrere Decks. Das verursachte Ventilationsprobleme, unter denen vor allem rangniedrige Besatzungsmitglieder zu leiden hatten.

Eine der größten Herausforderungen war die Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser. Der Proviant hielt meist nur einige Tage, da sich nur wenige Lebensmittel zur Haltbarmachung und für den Transport eigneten.

Trinkwasser wurde meist in Holzfässern verstaut, erst ab 1815 wurde auf Metalltanks umgestellt. Die Tanks machten das Wasser jedoch teilweise ungenießbar. Dieser Umstand führte möglicherweise auch zu dem hohen Konsum von Alkohol als einzig genießbare Flüssigkeit.1

Das Berufsbild des Schiffsarztes

Schiffsärzte waren medizinisch für die komplette Besatzung verantwortlich. Dementsprechend hatten sie ein breites Aufgabenspektrum und mussten alles abdecken. Sie behandelten Krankheiten, Verletzungen, waren für die Hausapotheke des Schiffs ebenso verantwortlich wie für die Hygiene.

Anerkennung bekamen sie jedoch wenig für ihr großes Aufgabengebiet. Durch den vielen Kontakt mit kranken Körpern und der handwerklich geprägten Arbeit, war ihr Ansehen nicht gerade groß. Teilweise wurde ihr Beruf sogar mit dem eines Schlachters verglichen, weil beide viel mit Fleisch zu tun hatten.2

Chirurg, Ernährungsberater und Hygienebeauftragter in einer Person

Unfälle waren zu den damaligen Bedingungen auf den Schiffen häufig. So kam es vor, dass Seefahrer von Masten fielen oder anderweitig verletzt wurden. Der bekannte Schiffsarzt John Woodall (1570 – 1643) empfahl jedoch, Operationen nur auf Wunsch des Patienten und aus freiem Willen durchzuführen.2

Grund hierfür waren die schlechten Rahmenbedingungen chirurgischer Interventionen, die deshalb ein großes Risiko darstellten. Die Durchführung war aufgrund von schlechten Hygienebedingungen, engem Raum und schlechten Lichtverhältnissen sehr herausfordernd.

Die schwierige Nahrungsmittelversorgung sorgte für ein weiteres Krankheitsbild: Skorbut. William Ferguson beschrieb Seemänner, die an der Krankheit litten. Sie waren nicht mehr in der Lage zu gehen, abgemagert, litten an Dyspnoe, faulendem Zahnfleisch sowie Gelenkschwellungen.2

Ein weiterer bekannter Seefahrer, Kapitän James Cook (1728 – 1779), vertrat sehr fortschrittliche Ansichten. Er achtete konsequent auf die Einhaltung der Hygiene und Sauberkeit auf dem Schiff, bekämpfte Ungeziefer und auch Skorbut. Denn er nahm Obst und Gemüse aus den Häfen mit an Bord und überwachte die tägliche Sauerkraut-Aufnahme seiner Mannschaft.

Keiner seiner Männer starb an Skorbut, während Kapitän Georg Anson (1697 – 1762) 40 Jahre zuvor noch drei Viertel seiner Mannschaft an die Krankheit verlor. Fest eingeführt wurde die Zitronensaftprophylaxe allerdings erst 1815 durch Sir Gilbert Blane (1759 – 1834).1,2

Auch Geschlechtskrankheiten spielten eine Rolle auf den Schiffen. So wird zum Beispiel davon ausgegangen, dass Syphilis damals vor allem durch zurückkehrende Matrosen in die sogenannte „Alte Welt“ eingeschleppt wurde. 1

Die Herausforderungen waren dementsprechend groß und die Lebenserwartung der Matrosen für lange Zeit gering. Schiffsreisen zur damaligen Zeit galten deshalb als eine Art Himmelfahrtskommando. So musste auf mehrjährigen Reisen teils mit einer Sterblichkeitsrate von 50 % gerechnet werden. 1

Erste Bücher von Schiffsärzten 

John Woodall war einer der ersten Schiffsärzte, der ein Buch über seine Erkenntnisse verfasste. Das Buch „Surgeon’s Mate“ (1617) war eine Art praktischer Ratgeber, in dem er Auszubildenden zum Beispiel empfahl, die Krankheitszeichen der Crew genau zu beobachten. Er empfahl außerdem schon zu seiner Zeit das Verzehren von Zitrusfrüchten gegen Skorbut, allerdings fand dieser Vorschlag erst im 18. Jahrhundert wirklich Anklang.2

Jüngeren Schiffsärzten riet er außerdem, sich breites Wissen in der Chirurgie und der Inneren Medizin anzueignen, um das große Aufgabengebiet möglichst gut abzudecken. Woodall schlug zudem als erster ein offizielles Inventar an Medikamenten und Werkzeugen für die „Chirurgietruhe“ vor.

Auch andere Schiffschirurgen verfassten Bücher über ihre Tätigkeiten. So katalogisierte John Moyle die allgemeinen Gefahren für die Gesundheit der Seeleute auf einem Schiff anhand von Fallbeispielen. Hier berichtete er wie das Heben schwerer Gegenstände zu „Verkrüppelungen des Rückens“ führen kann und dass nach dem „Schlafen in der Kälte auf dem Schiffsdeck“ die Gliedmaßen unbeweglich werden.

Aber auch praktische Tipps zum Verhalten bei der Vorbereitung auf einen Seekampf gibt er in seinem Buch. Er empfahl zum Beispiel, zwei Wannen Wasser bereitzuhalten. Eine, um Werkzeuge zwischen Operationen einzutauchen, und die andere, um abgetrennte Gliedmaßen zu entsorgen.

James Lind (1716- 1794) empfahl in seinem Buch die Gewinnung von Trinkwasser durch Destillation von Meereswasser und betonte außerdem die Bedeutung einer adäquaten Lüftung des Schiffs und der persönlichen Hygiene der Seeleute.

Fazit 

Schiffsärzte hatten zur damaligen Zeit wirklich kein leichtes Los gezogen. Die alleinige Verantwortung für eine ganze Schiffsmannschaft zu tragen und auf hoher See unter schlechten Bedingungen arbeiten zu müssen klingt wahrlich nicht nach einem Traumberuf.

Trotz ihrer Leistungen wissen heute nur noch die wenigsten etwas über sie und ein Großteil ihrer Arbeit ist nicht überliefert. Auf hoher See waren sie jedoch oft die einzig mögliche Rettung für kranke oder verletzte Matrosen und ihre Ideen zur Behandlung von Krankheiten retteten mit Sicherheit viele Leben. 

Heute kann man sich solche Bedingungen auf Schiffen nur noch schwer vorstellen – zum Glück. Die Medizin hat sich drastisch verändert und Schiffsärzte haben mittlerweile alles mit an Bord. Die Bordhospitale moderner Kreuzfahrtschiffe sind in ihrer Ausstattung vergleichbar mit deutschen Notaufnahmen. Der Kontrast hiervon zu zwei Eimern Wasser für eine Amputation könnte wohl nicht größer sein. 

Dieser Beitrag ist im Original bei Univadis.de erschienen.

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