02. Februar 2021

Wie steht es um die Nachtruhe der Ärzte?

Studie macht Assoziation zu Burnout, aber auch Behandlungsfehlern deutlich

Schlafmangel ist bei Ärzten durch Nacht-, Bereitschafts- und Schichtdienste weit verbreitet. Das schafft Probleme für sie selbst, denn die Anfälligkeit für Burnout steigt, während die Leistungsfähigkeit sinkt. Das wiederum birgt Risiken für die Patienten, weil bei der Behandlung vermehrt Fehler passieren.1,2

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. Angela Speth

US-Konsortium erforscht das Befinden von Ärzten

Wenn Ärzte an Schlafstörungen leiden, geraten sie fast unvermeidlich in Widerspruch zu ihrem Arbeitsethos. „Bei Psychotherapien kommt immer wieder zur Sprache, dass gerade Ärzte zu jenen Menschen gehören, die große Anforderungen an sich selbst stellen“, berichtet Dr. Karsten Böhm von der Klinik Friedenweiler im Schwarzwald, die speziell auch Ärzten Hilfe bei psychischen Schwierigkeiten anbietet.

Bisher war der Zusammenhang zwischen Schlafstörungen, Burnout und medizinischen Fehlern noch nicht mit Zahlen untermauert, erläutern der Psychiater Dr. Mickey T. Trockel von der Universität Stanford und seine Kollegen.1

Rund 11.400 Ärzte – etwa gleich viele Frauen und Männer – beteiligten sich an der Umfrage. Insgesamt 860 Ärzte berichteten von einem relevanten Fehler: 7,5% von rund 4.000 fertig ausgebildeten Fachärzten und 16% von knapp 3.500 Assistenzärzten.

Besonders die Ausbildung erweist sich als kritische Phase

Die Analyse ergab für Schlafstörungen einen mittleren PROMIS-Wert (Subskala zu Schlafstörungen) von 17, bei Ärzten in Ausbildung sogar 21. Auf Fachärzte allein bezogen, lag er in der Notfallmedizin am höchsten, wogegen Radiologen, Pathologen und Psychiater recht glimpflich davonkamen und Chirurgen noch am besten schliefen.

Ganz anders Assistenzärzte in der Chirurgie: Sie waren von allen 12 Fachkategorien am stärksten beeinträchtigt. „Die eklatante Lücke lässt den Verdacht aufkommen, dass die chirurgische Ausbildung eher wegen herrschender Traditionen so anstrengend ist als wegen Faktoren, die zwangsläufig zu diesem Spezialgebiet gehören“, geben Trockel und seine Kollegen zu bedenken. Daher seien hier die Umstände, die Schlafstörungen begünstigen, möglicherweise nicht notwendig und folglich veränderlich.

Ein weiteres Resultat: Schlafmangel war mit Burnout sowie dessen Komponenten Erschöpfung und Verlust an Empathie stark korreliert, jedoch nur moderat mit der beruflichen Leistungsfähigkeit.

Je schlechter der Schlaf, desto mehr Fehler

Das Team um Trockel fand außerdem, dass Schlafstörungen vermehrt mit bedeutsamen medizinischen Fehlern einhergingen. Dabei lag deren Quote umso höher, je stärker der Schlaf beeinträchtigt war, also eine deutliche Dosis-Wirkungsbeziehung: Im Vergleich zu geringen Schlafstörungen geschahen bei mäßiger Ausprägung um rund 50% häufiger Missgriffe (Odds Ratio 1,53), bei hoher und sehr hoher Ausprägung sogar doppelt so viele (OR jeweils knapp 2).

Als weiterer unabhängiger Risikofaktor für klinische Fehler erwies sich der Burnout. Mit jedem Punkt auf einer von 0 bis 10 ansteigenden Burnout-Skala erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers um 14% (OR 1,14), bei Ärzten in der Ausbildung im Vergleich zu bereits graduierten Ärzten sogar um 118% (OR 2,18).

Eine kausale Beziehung vorausgesetzt, wären rund 40% der Fehler ohne starken Schlafmangel und Burnout vermeidbar gewesen. Das stimme mit Studien überein, wonach sich bei Ärzten mit solchen Störungen gehäuft unzufriedene Patienten beschweren.

4 Maßnahmen zur Abhilfe

Zur Abhilfe schlagen Trockel und seine Kollegen 4 Maßnahmen vor, die parallel sowohl von nationalen und regionalen Gremien wie auch von Einzelnen umgesetzt werden sollten:

  1. Begrenzung der Dauer und Häufigkeit von Nacht-, Bereitschafts- und Schichtdiensten, möglichst nicht in Serie;
  2. Ruhepausen während längerer Schichten;
  3. Einnahme von Melatonin-Präparaten vor Nachtarbeit;
  4. ein sogenannter Anker-Schlafplan (anchor sleep schedule), um bei Schichtwechseln einen zirkadianen Rhythmus zu erleichtern. Hierbei wird eine bestimmte Phase des Tages, etwa von 21 bis 12 Uhr, immer – als Anker – in die Nachtruhe einbezogen, egal ob an deren Anfang oder Ende.

Dieser Beitrag erschien im Original auf medscape.de

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