25. August 2021

Wann beginnt Mobbing durch Ärzte?

Wo verläuft die Grenze zwischen unverblümten Ansagen, gezielten Fragen und Schikane von Ärztinnen und Ärzten gegenüber Studierenden? Die Antwort auf diese Frage hängt unter anderem von deren Fachgebiet ab. 1

Lesedauer: 6 Minuten

Autorin: Elizabeth Svoboda, Übersetzung: Dr. Linda Fischer

Eine Patientin wird mit einer verdächtigen Beinschwellung eingeliefert. Ein diensthabender Medizinstudent meint, die wahrscheinliche Ursache sei eine tiefe Venenthrombose. Der Oberarzt fragt mit hochgezogenen Augenbrauchen, warum er dies glaube.

Der Student stammelt und erklärt, dass die Patientin nicht nur die Antibabypille nehme, sondern auch kürzlich einen langen Flug hinter sich habe. „Sie bestreitet, jemals Medikamente eingenommen zu haben”, erwidert der Oberarzt. „Haben Sie sich die Mühe gemacht, mit ihr zu sprechen? Bringt man Ihnen in der Schule bei, wie eine Anamnese durchzuführen ist, oder steht das nicht auf dem Lehrplan?”

Ist das eine Schikane für den Medizinstudenten?

Aktuelle Studie könnte Antwort darauf geben

In einer neuen Studie, die in Academic Medicine veröffentlicht wurde, legten Erstautor, Dr. Kevin O’Brien und sein Team sowohl Assistenzärztinnen und -ärzten als auch Oberärztinnen und -ärzten verschiedener Fachrichtungen (insgesamt 650 Personen), darunter Allgemeinmedizin, Chirurgie, Geburtshilfe und Gynäkologie, Familienmedizin und Innere Medizin, auf Video aufgezeichnete Szenarien vor, die der oben beschriebenen Szene ähnelten.

Zusätzlich zu Videos mit aggressiven Fragen und sexueller Belästigung sahen sie ein Video, in dem ein Assistenzarzt eine vietnamesisch sprechende Studentin dazu drängt, einer vietnamesischen Patientin mitzuteilen, dass sie Krebs im Endstadium hat – und das, obwohl die Studentin mit dem Fall zuvor nicht befasst war. Anschließend gaben die Ärztinnen und Ärzte in der Studie an, ob sie der Meinung waren, dass ein Video Mobbing darstelle, und bewerteten gegebenenfalls den Schweregrad der Schikane.

Fachgruppen bewerten aggressive Situationen unterschiedlich

Chirurginnen und Chirurgen nahmen eine Schikane von Studierenden in einigen Szenarien weniger wahrscheinlich wahr als Internistinnen und Internisten oder Hausärztinnen und Hausärzte. Gynäkologinnen, Gynäkologen und einige andere Facharztgruppen, etwa aus der Neurologie oder Anästhesie, sahen in Szenarien, in denen Ärztinnen und Ärzte aggressives Feedback gaben, weniger Schikane als Internistinnen und Internisten. „Es gab statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen, und wie sie den Schweregrad dieser Vignetten bewerteten”, sagt O’Brien, Professor für Innere Medizin am Morsani College of Medicine der University of South Florida (USF).

Je schwerer die Schikane, desto einstimmiger wurde sie erkannt

Sowohl bei dem Szenario der ethnischen Unsensibilität als auch bei dem Szenario der sexuellen Belästigung waren sich die Befragten, unabhängig von ihrer Fachrichtung, fast einig: Einige Videos zeigten erhebliche Schikanen von Studierenden. Bei subtileren Szenarien gingen die Meinungen auseinander: In einem Szenario mit „negativem Feedback”, in dem ein Oberarzt einen Studenten zurechtweist, sahen Ärztinnen und Ärzte der Gynäkologie und Chirurgie weniger häufig eine Schikane als Hausärztinnen, Hausärzte, Internistinnen und Internisten.

Doch selbst wenn sich die Fachärztinnen und -ärzte einig waren, dass Mobbing stattfand, variierten häufig ihre Ansichten über das Ausmaß der Schikane. Im Szenario der „aggressiven Befragung” der Patientin mit einer möglichen Thrombose stuften Ärztinnen und Ärzte der Chirurgie und Gynäkologie den Schweregrad der Schikane des Studenten beispielsweise niedriger ein als Ärztinnen und Ärzte der Inneren Medizin, Pädiatrie oder Hausärztinnen und Hausärzte.

Mögliche Gründe: Hierarchische Strukturen, Generationsunterschiede

O’Brien glaubt, dass einige dieser Unterschiede mit den Verhaltensnormen innerhalb der einzelnen Fachgebiete zusammenhängen. In anderen Fällen vermutet er, dass Generationsunterschiede im Spiel sind, die durch rasche Veränderungen der gesellschaftlichen Normen ausgelöst wurden. In dem Szenario der ethnischen Unsensibilität „bewerteten die Assistenzärztinnen und -ärzte das Problem im Vergleich zu den Oberärztinnen und -ärzten viel strenger”, sagt O’Brien.

Selbst kleine Vorfälle gefährden psychische Gesundheit

„Viele der alternden kulturellen Normen in der Medizin können sich langfristig negativ auf die Karriereentscheidungen der Studierenden und ihre psychische Gesundheit auswirken“, sagt Dr. Cynthia Ledford, stellvertretende Dekanin für medizinische Ausbildung an der Northeast Ohio Medical University und Mitverfasserin der Academic Medicine-Studie. Studien über die Auswirkungen von toxischem Stress zeigen, dass selbst scheinbar kleine Vorfälle von Misshandlung oder Mikroaggressionen einen kumulativen Tribut von Studierenden fordern können.

„Die Daten zeigen: Je mehr Vorfälle man erlebt, desto mehr wird verinnerlicht “, sagt O’Brien. „Das erhöht das Risiko für Angstzustände, Depressionen, Drogenmissbrauch, Suizidalität und den völligen Ausstieg aus der Medizin.”

Hängt der Befund mit Anforderungen der Fachgebiete zusammen?

Kate Tulenko, MD, praktizierende Kinderärztin und Gründerin von Corvus Health, und andere vermuten, dass dieser Befund zum Teil auf die besonderen Anforderungen in Fachgebieten zurückzuführen ist, in denen es um die Durchführung von Eingriffen mit hohem Risiko geht. Ärztinnen und Ärzte in diesen Disziplinen arbeiten oft mehr Stunden pro Woche als Hausärztinnen, Hausärzte oder Internistinnen und Internisten, und die Arbeit, die sie während dieser Zeit verrichten erfordert eine präzise Konzentration.

In Bereichen wie dem Operationssaal, in dem Fehler zum Tod einer Person führen können, „kann das Feedback der Lehrenden sehr viel direkter sein und von denjenigen, die mit diesen Bereichen nicht vertraut sind, als aggressiv empfunden werden”, sagt Marina Haque, MD, eine Assistenzärztin für Anästhesie am Detroit Medical Center. „Es besteht ein großer Druck auf Ärztinnen und Ärzte, eine bestimmte Leistung zu erbringen. Das kann dazu führen, dass ältere Menschen sich in unangemessener Weise durchsetzen oder es für nötig halten, Lernende in ihre Schranken zu weisen.”

Außerdem, so Tulenko, ziehen manche Fachrichtungen Menschen an, die mit aggressiver Kommunikation besser zurechtkommen und weniger auf deren Schattenseiten sensibilisiert sind, so dass sie Mobbing weniger leicht wahrnehmen. „Die unterschiedlichen Erfahrungen, Erwartungen und Persönlichkeiten verursachen die unterschiedlichen Ergebnisse.“

Rauer Umgang wird zum Teil sogar akzeptiert und gefördert

Gregory Peck, DO, Assistenzprofessor für Chirurgie an der Robert Wood Johnson Medical School in Rutgers, sagt, dass die Schikanen von Studierenden in einigen chirurgischen Studiengängen akzeptiert oder gefördert wird. „Meine persönliche Erfahrung in der Chirurgie ist zweifelsohne, dass diese Art von Handlung verherrlicht werden. Was man aber beispielsweise braucht, um erfolgreich ein Leben zu retten, ist zwar in einem bestimmten Kontext gut”, sagt er – aber die gleiche unverblümte Herangehensweise könne in Gesprächen mit Studierenden nach hinten losgehen.

Laut Peck haben einige Studiengänge bereits Fortschritte bei der Förderung einer gesunden Kultur für Studierende in der Chirurgie gemacht. In anderen Studiengängen sieht er jedoch, dass die Verantwortlichen es versäumen, gegen anhaltende Schikanen vorzugehen. Sowohl Peck als auch Haque betonen, dass das Mobbing von Studierenden auch in nicht-chirurgischen Disziplinen ein ernstes Problem darstellt.

Mögliche Lösung: Kommunikationsstil anpassen

Ein Teil der Herausforderung, Mobbing von Studierenden zu erkennen, und bei der Verständigung der Medizinerinnen und Mediziner darüber, besteht darin, dass viele Ärztinnen und Ärzte unverblümte Aussagen und gezielte Fragen als wesentlich ansehen, um Studierende auf den richtigen Weg zu bringen. Laut Tulenko müssen ärztliche Mentorinnen und Mentoren Studierende auf die täglichen Anforderungen des Berufs vorbereiten und sie direkt ansprechen, wenn sie etwas falsch machen.

Wenn leitende Ärztinnen und Ärzte dieses Feedback jedoch auf eine aggressive Art und Weise vermitteln, müssen sie ihre Vorgehensweise anpassen, um unangemessenen Schaden zu vermeiden: „Wenn der Zweck aggressiver Fragen darin besteht, emotionale Härte aufzubauen, wäre es besser, den Menschen die Werkzeuge der emotionalen Härte beizubringen, anstatt sie zu missbrauchen und zu hoffen, dass sie die Werkzeuge von selbst lernen.“

„Um den Kommunikationsstil der Ärztinnen und Ärzte zu ändern, ist es auch wichtig, die Kultur zu ändern, die diese Ärztinnen und Ärzte umgibt“, sagt Ledford. O’Brien ist der Meinung, dass das gemeinsame Anschauen von Videos von Szenarien der Schikane durch Ärztinnen und Ärzte und andere Angehörige der gleichen Fachrichtung ein wirksames Instrument sein kann, um einen kulturellen Wandel voranzutreiben.

Letztendlich hofft O’Brien, dass ein größeres Bewusstsein dafür geschaffen wird, wie Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachgebiete Mobbing von Studierenden sehen, sowie das Wissen darüber, wie sich dieses Mobbing auf die Karriere der Studierenden auswirkt. Auch hofft er, dass sowohl mehr Programmleiterinnen und -leiter als auch Oberärztinnen und Oberärzte dazu motiviert werden, alte kulturelle Normen zu überdenken.

„Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

  1. O’Brien et al.: „Perception of Medical Student Mistreatment: Does Specialty Matter?in Academic Medicine (2021)

Bildquelle: © Getty Images/artpipi

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