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Leben als Arzt

19. Feb. 2024
Interview

Medizin im Gefängnis: Eine interessante berufliche Perspektive

Auch im Gefängnis muss eine angemessene medizinische Versorgung gewährleistet sein. Die Arbeitsbedingungen für die etwa 500 Gefängnismediziner in Deutschland sind dabei überraschend gut, nicht nur in Bezug auf die Vergütung. Gefängnismedizin ist das ideale Betätigungsfeld für Ärztinnen und Ärzte, die gerne eigenverantwortlich arbeiten und mit schwierigen Patienten umgehen können. Coliquio sprach hierüber mit Dr. Marc Lehmann, dem Leiter des medizinischen Dienstes im Berliner Justizvollzug.

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Medizin im Gefängnis: Eine interessante berufliche Perspektive
Medizin im Gefängnis: Eine berufliche Perspektive | Symbolbild (Foto: Dreamstime.com | Withgod)

Das Interview führte Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin

Medizin im Gefängnis, das klingt eher nach Schmalspurmedizin. Wie sieht die Realität aus?

Dr. Lehmann: Da muss man zunächst ein Vorurteil aus dem Weg räumen. Gefängnisinsassen sind keine Patienten zweiter Wahl. In Deutschland ist für jeden Gefangenen eine medizinische Versorgung garantiert, die den üblichen Kassenleistungen entspricht. Therapien und Untersuchungen erfolgen so weit wie möglich in der Haftanstalt oder im Justizvollzugskrankenhaus. Geht das nicht, wird die Maßnahme extern durchgeführt. Wenn notwendig, werden die Betroffenen auch in eine Klinik eingewiesen. Das ist zwar wegen der Bewachung sehr personalintensiv, aber darauf müssen und dürfen wir als Ärzte keine Rücksicht nehmen. Kostenträger ist dabei die Justiz und nicht die Krankenkasse. Das vereinfacht vieles:   Es gibt keine Budgetierung durch die Kassenärztliche Vereinigung, damit keine Regresse und keine DRG gesteuerte Belegung und deutlich weniger Bürokratie, wenngleich mit dem Geld der Steuerzahler verantwortlich umzugehen ist.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Dr. Lehmann: Deutlich wird das etwa bei der Hepatitis C. Ein erheblicher Prozentsatz der Insassen ist damit infiziert. Bekanntermaßen ist die Therapie sehr effektiv, aber auch extrem teuer. Trotzdem führen wir bei allen Betroffenen, die ausreichende Zeit in Haft sind, eine solche Behandlung durch. Das ist auch Teil des Rehabilitationskonzepts, und gleichzeitig wollen wir so mithelfen, den Erreger möglichst zu eliminieren. Probleme mit der Kostenübernahme gibt es bei uns nicht.

Welche Qualifikation ist für die Gefängnismedizin notwendig?

Dr. Lehmann: Theoretisch reicht die Approbation, denn es gibt keinen Facharzt oder eine Zusatzweiterbildung für Gefängnismedizin. Nur in der Praxis kommt man damit nicht weit. Wir fordern von unseren Ärzten Facharztniveau in Fächern, die ein breites Spektrum der medizinischen Versorgung einschließen. Hier bietet sich die Allgemeinmedizin an. Aber auch Internisten oder Chirurgen mit breiter Wissensbasis sind willkommen.

Ohne Facharzt hat man also keine Chance?

Dr. Lehmann: Doch, und zwar im Justizvollzugskrankenhaus. Viele dieser Kliniken haben eine Teilermächtigung, zum Beispiel für Innere Medizin. Für die Facharztausbildung kann die Tätigkeit in Haft eine wirklich interessante Ergänzung sein. Justizvollzugskrankenhäuser sind apparativ gut ausgestattet. Zudem bekommt man hier klinische Bilder zu sehen, die ansonsten eine Rarität sind.

Und welche Krankheiten wären das?

Dr. Lehmann: Wir sehen hier teilweise weit fortgeschrittene Krankheitsbilder, verursacht durch einen fehlenden Kontakt mit der Medizin. Wo sonst bekommt man in seiner Ausbildung schon mal eine Miliartuberkulose zu sehen oder eine verkrustete Scabies? Und da sind natürlich dann auch die ganzen psychiatrischen Krankheitsbilder wie chronifizierte, unbehandelte Psychosen.

Wie sieht es mit der Suchtproblematik aus?

Dr. Lehmann: Über 40 % der Insassen haben ein relevantes substanzgebundenes Problem. Das betrifft in erster Linie Alkohol, Opioide, Benzodiazepine, aber auch zunehmend Crack, häufig als Mehrfachabhängigkeit. Die Herausforderung ist, die Betroffenen rechtzeitig zu erkennen und ein Behandlungsbündnis aufzubauen. Suchtprobleme werden zudem verheimlicht, weil Benachteiligungen in der Haft befürchtet werden.

Welche Probleme gibt es bei der Substitutionstherapie?

Dr. Lehmann: Wir substituieren Opioide entsprechend der einschlägigen Richtlinien, gegebenenfalls auch dauerhaft. Andere Substanzen verabreichen wir passager im Rahmen einer Entgiftung. In der Regel nach einem Drogentest. Der ist zwar freiwillig, aber notwendig, damit uns niemand an der Nase herumführt. So stellen wir sicher, dass unsere Maßnahmen auch wirklich indiziert sind.

Welche Droge macht im Moment am meisten Probleme in der Gefängnismedizin?

Dr. Lehmann: Unser Sorgenkind ist Pregabalin. Das wird ambulant viel zu leichtfertig verschrieben. Abhängige lassen sich das gerne unter einem Vorwand verordnen, wenn sie nicht mehr an ihre Benzodiazepine herankommen. Im Entzug sehen wir dann hochgradig agitierte und aggressive Patienten. Teils dramatische Verläufe, die es bei anderen Entgiftungen so nicht gibt. Diese Gefahr ist bei den ambulant tätigen Kollegen viel zu wenig bekannt.

In vielen Arztpraxen herrscht zurzeit großer Frust. Stichwort Kostendruck und Bürokratie. Wäre da die Gefängnismedizin eventuell eine Alternative?

Dr. Lehmann: Ein gestandener Allgemeinmediziner erfüllt eigentlich genau das Profil, das wir suchen. Die vollzugsmedizinische nötige Zusatzqualifikation, etwa die Suchtmedizin, vermitteln wir hier. Der Personalmangel hat dazu geführt, dass das Gehaltsniveau deutlich gestiegen ist. Natürlich kann man das Niveau einer Arztpraxis finanziell nicht abbilden. Andererseits steht dem natürlich eine geregelte 42-Stundenwoche gegenüber. Wer gute Medizin machen will, ist bei uns genau richtig, denn befreit von ökonomischen Zwängen kann man sich hier für die Patienten so viel Zeit nehmen, wie man braucht.

Welche menschlichen Qualifikationen muss man für diesen Job mitbringen?

Dr. Lehmann: Die psychologische und ethische Belastung in der Gefängnismedizin sind nicht zu unterschätzen. Wir arbeiten oft mit Menschen, die schwerwiegende Straftaten begangen haben und müssen dabei ein hohes Maß an professioneller Distanz wahren. Gleichzeitig sind wir konfrontiert mit schweren psychischen Erkrankungen und dem Leid, das damit verbunden ist. Es ist eine ständige Herausforderung, das Wohl des Patienten zu priorisieren, während man gleichzeitig mit den Realitäten des Gefängnislebens umgeht. Das setzt schon eine gewisse persönliche Reife voraus. Andererseits kann man als Mediziner im Gefängnis wirklich einiges bewegen und persönliche Schicksale positiv beeinflussen.

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